LEITARTIKEL

Eine Stimme für die Politik

Das Abschätzen von Risiken gehört zu den Pflichtaufgaben von Vorstandschefs. Politik hat dabei mittlerweile einen festen Platz. Kaum ein CEO verzichtet in seiner Budgetplanung auf den Hinweis, dass seine Ziele unter dem Vorbehalt geopolitischer...

Eine Stimme für die Politik

Das Abschätzen von Risiken gehört zu den Pflichtaufgaben von Vorstandschefs. Politik hat dabei mittlerweile einen festen Platz. Kaum ein CEO verzichtet in seiner Budgetplanung auf den Hinweis, dass seine Ziele unter dem Vorbehalt geopolitischer Unwägbarkeiten stehen. Während vor wenigen Jahren die Hoffnung verbreitet war, der Faktor würde wieder verschwinden, ist nun klar: Dieser destabilisierende Einfluss verschärft sich eher. Zusätzlich gewinnen die gesellschaftlichen Debatten, seit den achtziger Jahren eher punktuell geführt, an Fahrt. All dies hält die Manager auch im beruflichen Alltag in Atem. Sie stehen vor der Entscheidung: Soll ich meine Stimme zu politischen Themen erheben oder es lieber bleiben lassen? Die Antwort der Wirtschaft fällt vielschichtig aus. Während die Mehrheit der CEOs hierzulande schweigt, mischt sich etwa Siemens-Chef Joe Kaeser prononciert in die Debatte ein. In den USA münzt manche IT-Größe gar ihre gesellschaftspolitischen Statements in einen Imagegewinn für das eigene Produkt um.Klar ist: Wirtschaft und Politik sind eng miteinander verflochten. Firmen sind ein wichtiger Teil der Industriegesellschaft. Unternehmen versuchen daher seit jeher, die Rahmenbedingungen zu ihren Gunsten zu verändern. Derartiger Lobbyismus findet allerdings hinter verschlossenen Türen statt und ist aus Firmensicht uneingeschränkt rational, weil er den eigenen Interessen dient. Ansonsten meiden CEOs aber meist den politischen Raum. Dafür gibt es gute Gründe. Die Verkäufer von Konsumgütern fürchten, einen Teil ihrer Kundschaft zu verärgern. Politische Statements könnten von den Eigentümern als Dienstvergehen gewertet werden. Schließlich wird der CEO dafür bezahlt, das Wohl seines Unternehmens zu fördern. Zudem besteht die Gefahr, dass beleidigte Politiker unangenehme Gegner werden. Ebenfalls bedenkenswert: Wer auf Twitter gegen die AfD Stellung bezieht, der erhält umgehend – wie Kaeser – Drohungen gegen die Familie. Die Bedrohungslage hat sich verschärft, wie auch weniger dramatische Beispiele zeigen: Während ein Finanzkonzern im Dax bislang eine Politik der offenen Tür pflegte, ist nun eine Anmeldung per Klingelknopf erforderlich, bevor man die Zentrale betritt. Auch übergeordnete Argumente können für eine Zurückhaltung in politischen Streitfragen sprechen. Schließlich gilt das Primat der Politik. Die Manager wären meist nicht die besseren Politiker – und die Meinung von Eliten ist in der Gesellschaft sowieso gerade nicht gefragt. Sie wird als Anmaßung wahrgenommen. Trotzdem sollten Wirtschaftslenker ihre Erfahrungen und Erkenntnisse stärker als in den vergangenen Jahrzehnten in den Diskurs einbringen. Natürlich bleibt es eine individuelle Entscheidung, die Stimme zu erheben oder es eben sein zu lassen. Aber es gilt schon, für demokratische und marktwirtschaftliche Werte einzustehen. Wenn die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright in ihrem jüngsten Buch vor einem wiedererstarkenden Faschismus warnt, so mag dies auf den ersten Blick überzogen erscheinen. Aber: Tatsächlich setzen sich weltweit jene Politiker durch, die mit allen Mitteln Macht erlangen und verteidigen – auf Kosten demokratischer Institutionen und auch mit Gewalt. Das Bündnis deutscher Industriebarone mit einer Diktatur hat sich schon einmal als fatal erwiesen. Krieg ist eine Katastrophe. Aber auch Handelskriege hinterlassen Opfer und können zudem militärisch eskalieren.Debattenbeiträge von CEOs lassen sich nicht nur auf Basis von Werten, sondern auch ökonomisch begründen. Der Vermögensverwalter BlackRock hat den Vorstandsvorsitzenden kürzlich ins Stammbuch geschrieben, jedes Unternehmen müsse, um langfristig zu prosperieren, nicht nur eine finanzielle Leistung, sondern auch einen positiven Beitrag zur Gesellschaft erbringen. Sie hätten einem sozialen Zweck zu dienen. BlackRock muss noch den Beweis erbringen, nicht nur Fensterreden zu halten. Aber generell wächst die Unterstützung der Eigentümer für gesellschaftliches und auch politisches Engagement. CEOs können sich also sehr wohl als Corporate Citizen auch zu Themen äußern, die nicht direkt ihr eigenes Haus betreffen. Denn jedes Unternehmen ist eng mit der Gesellschaft verwoben. Es zahlt Steuern, es bildet Menschen aus und verändert den Alltag seiner Kunden. So wie die Demokratie generell von der Partizipation vieler Bürger abhängig ist, so haben auch Manager eine Verantwortung, mitzudenken und sich einzubringen.—–Von Michael FlämigDie Unberechenbarkeit der Politik ist zu dem größten Risiko für Unternehmen geworden. Die Vorstandschefs sollten für ihre Werte öffentlich einstehen. —–