Funktürme

Luftschlösser

Europas Telekombranche hat Bedarf, Werte und Synergien zu heben. Eine Zusammenlegung von Mobilfunktürmen wird aber nur komplementär möglich sein. Europäische Champions stoßen bei den Kartellwächtern auf wenig Gegenliebe.

Luftschlösser

Es ist nicht das erste Mal, auch nicht in der Telekombranche, dass Europas Konzerne Luftschlösser bauen. Telekom-Chef Tim Höttges wird nicht müde, mit Blick auf das „Vorbild“ USA den großen Wurf zu fordern. Vier große paneuropäische Telekomnetzbetreiber seien demnach völlig ausreichend und außerdem erste Wahl, um für die Unternehmen eine Ertragslage zu gewährleisten, die sie in die Lage versetzt, ihre Investitionen zu verdienen.

Allerdings ist auch seit langem bekannt, dass Europas Kartellwächter eine solche Konsolidierung als alles andere als vorbildlich betrachten. Das mussten auch andere industrielle Schwergewichte erfahren. Siemens und Alstom sind bei dem Versuch, einen „europäischen Champion“ im Zugbau zu schmieden, am hartnäckigen Widerstand der EU-Kommission­ gescheitert. Dass diese nun eine europäische Tower-Gesellschaft aus Telekom, Vodafone und Orange billigen würde, erscheint mehr als fraglich, zumal diese Konstellation in zwei großen europäischen Märkten – Deutschland und Spanien – je einen ­Player kosten würde. Und dabei kommt hinzu, dass es sich ohnehin bereits um Oligopole handelt. Auch ein Zusammenschluss der Funktürme von Telekom und Vodafone würde in Deutschland eine Marktmacht schaffen, die die Wettbewerbshüter kaum ohne schmerzhafte Auflagen erlauben könnten.

Damit schmilzt auch der Charme eines solchen Funkturmriesen dahin. Denn die Synergien sind im Vergleich zum Netzzusammenschluss überschaubar. Ersparnisse in Einkauf, Vermarktung und Verwaltung machen nicht den gleichen Unterschied wie die Komplettabschaltung eines von zwei nationalen Mobilfunknetzen. Außerdem sind die Einsparungen bei einem Funkturmriesen dieselben, egal ob zwei Unternehmen innerhalb eines Marktes fusionieren oder sich zwei passende Player in zwei verschiedenen Märkten zusammenschließen.

Die europäische Telekombranche hat zweifellos Bedarf, Werte und Synergien zu heben, wie jetzt auch Vodafone-Chef Nick Read fordert, denn sie verdient seit Jahren in vielen Bereichen nicht die Kapitalkosten; besonders die Vielzahl der Mobilfunknetze verbrennt Geld. Da die Wettbewerbshüter eine Re­duktion in den meisten Märkten blockieren und eher den Eintritt von Newcomern fördern, ist eine Ausgliederung und Zusammenlegung passiver Infrastrukturen wie der Mobilfunktürme ein kreativer Weg. Aber wenn aus der Idee kein Luftschloss werden soll, müssen sich die M&A-Architekten wohl auf komplementäre Baukon­struktionen konzentrieren.

            (Börsen-Zeitung, 3.2.2022)

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