Evergrande

Tanz auf dem Vulkan

Peking zögert, den Immobilienriesen Evergrande aufzufangen. Ein Bail-out birgt mehr Systemrisiken als ein kontrolliertes Scheitern, denn Chinas Immobiliensektor birgt einige weitere Unwägbarkeiten.

Tanz auf dem Vulkan

Wenn ein mächtiger Berg grollt und Druck im Kessel aufbaut, stehen Geophysiker und Vulkanologen vor der Preisfrage, ob eine gewaltige Eruption mit möglicherweise katastrophalen Folgen ansteht oder sich die zerstörerische Gewalt der Lavaströme in gemächlicherem Tempo ergießt. Letzteres ist gerade auf der Insel Las Palmas der Fall. Schlimm für die Region und ihre Bewohner, aber kein Anlass für Weltuntergangsstimmung wie beim Ausbruch des Krakatau, der dem Erdball einst einen jahrelangen vulkanischen Winter verpasste. In China stehen Finanzwächter und Ökonomen vor einer ähnlichen Frage. Dort rumort der Schuldenberg des pleitegefährdeten Immobilienentwicklers Evergrande. Kommt es zum großen Knall mit verheerender Wirkung für den Immobilienmarkt und das Finanzsystem? Oder quillt die Schuldenproblematik nur allmählich über, so dass sich die Schäden zumindest in Grenzen halten?

Bisherige Erfahrungen mit regionalen und globalen Finanzkrisen lassen vermuten, dass Evergrande mehr Las Palmas als dem Krakatau-Archipel ähnelt. Aber nun, jeder Berg ist anders, und Marktteilnehmer sind keine Vulkanforscher. Kein Wunder also, dass die akuten Existenznöte des Immobilienentwicklers sogar über China hinaus Schockwellen an den Finanzmärkten ausgelöst haben. Das Evergrande-Risiko steht für einen bunten Strauß an vom Immobilienmarkt ausgehenden Ansteckungsgefahren für die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft. Damit muss sich jeder vorsichtige Investor auseinandersetzen, selbst wenn er keine China-Papiere im Portefeuille hat.

Im überwiegend staatlich gelenkten chinesischen Wirtschaftssystem hat man sich daran gewöhnt, dass die mannigfaltigen Einwirkungshebel der Regierung und notfalls ihre tiefen Taschen dazu ausreichen, aufsehenerregende Insolvenzprobleme und drohende Firmenpleiten diskret zu beheben. Umso mehr verstört die scheinbar passive Haltung Pekings bei Evergrande. Wer immer darauf gesetzt hat, dass der Immobilienriese mit Verbindlichkeiten über 300 Mrd. Dollar und einem gigantischen Projektvolumen von mehr als 1,4 Millionen vorverkauften, aber noch nicht fertiggestellten Wohneinheiten „too big to fail“ ist und deshalb zwangsläufig vom Staat aufgefangen wird, versteht plötzlich die Welt nicht mehr. Wie kann Peking riskieren, dass eine Pleite von Evergrande auch andere große Bauträger in Verruf bringt, die allfällige Finanzierungsmaschine mit den Vorverkäufen aushebelt und damit den Wohnimmobilienmarkt zum Stillstand bringt?

Tatsächlich liegt der Fall bei Evergrande etwas anders. Der Immobilienriese ist nach seinem wahnwitzigen Expansionsritt mit gemeingefährlichem Finanzierungsgebaren weniger „too big to fail“, als vielmehr „too big to bail out“. Das Beispiel darf keine Schule machen. Chinas große Immobilienentwickler sind überwiegend private Unternehmen und mit ähnlichen Finanzierungsmodellen wie Evergrande aufgestellt. Sie können nicht aufgefangen werden. Die Bauträger erwerben die Grundstücksflächen für ihre gigantischen Wohnanlagen von den jeweiligen örtlichen Gebietskörperschaften. Damit sind die bislang überwiegend gewinnstarken privaten Immobilienentwickler eine der wichtigsten Einnahmequellen der öffentlichen Haushalte auf der ihrerseits hoch verschuldeten chinesischen Lokalregierungsebene. Dieser Kreislauf kann nicht aufrechterhalten werden, wenn die Baulöwen selbst vom Staat alimentiert werden.

Peking hat im Prinzip keine andere Wahl, als an Evergrande ein Exempel zu statuieren, dass die Bauwirtschaft auch weiterhin einer weitgehend marktwirtschaftlichen Disziplin untersteht, mit dem Ergebnis, dass einzelne Unternehmen auch scheitern können müssen. Natürlich weiß man – allen voran bei der Zentralbank –, dass Evergrande ein systemisches Risiko darstellt und Brände gelöscht werden müssen. Entsprechend pumpt die Notenbank laufend Liquidität in den Geldmarkt, um bloß keine Krise im Interbankengeschäft aufkommen zu lassen.

Des Weiteren soll dafür gesorgt werden, dass Evergrandes Cash-flow in erster Linie laufenden Bauprojekten und der Begleichung offener Rechnungen zukommt. Das bedeutet zwar, dass bestimmte Anlegergruppen im Rahmen eines Umschuldungsverfahrens leiden müssen, aber die Evergrande-Projekte weiterlaufen. Das wird ein schwieriger Prozess, ist aber allemal systemschonender als ein kategorischer Bail-out: Würde Peking das Immobiliengewerbe laufend auffangen, droht am Ende ein Vulkanausbruch auf Staatsverschuldungsebene von der Sorte Krakatau.

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.