Bitkom-Jahresprognose

Digitalbranche zeigt sich von Krisen wenig beeindruckt

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen rechnet die Digitalbranche 2024 mit einem Umsatzplus von 4,4%. Im internationalen Vergleich befindet sich Deutschland damit nicht unter den Spitzenreitern.

Digitalbranche zeigt sich von Krisen wenig beeindruckt

Digitalbranche zeigt sich von Krisen wenig beeindruckt

Umsatzplus von 4,4 Prozent erwartet – Branchenverband Bitkom kritisiert Tempo bei Digitalisierungsprojekten

sar Frankfurt

Trotz schwieriger konjunktureller Rahmenbedingungen rechnet die Digitalbranche für das laufende Jahr mit einem deutlichen Umsatzwachstum von 4,4%. Der Branchenverband Bitkom will sich damit nicht zufrieden geben, denn im internationalen Vergleich liegt Deutschland nicht unter den Spitzenreitern.

Die Stimmung in der Digitalwirtschaft ist zum Jahresstart 2024 erneut deutlich besser als in der Gesamtwirtschaft. Das zeigt eine aktuelle Erhebung des Branchenverbands Bitkom. Für das Gesamtjahr erwarten die Unternehmen der IT- und Telekommunikationsbranche (ITK) im Vergleich zu 2023 ein Umsatzwachstum von 4,4% auf 224,3 Mrd. Euro. Damit würde der ITK-Sektor dem Bitkom zufolge etwa drei- bis viermal so stark wachsen wie die Gesamtwirtschaft.

Im internationalen Vergleich reicht dies dennoch nicht für einen Spitzenplatz, wie Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst am Mittwoch bei der Präsentation der Ergebnisse betonte. Weltweit werden den aktuellen Prognosen zufolge die USA (38%) und China (11,4%) die größten Marktanteile im ITK-Bereich halten. Beide Länder erwarten zudem ein Umsatzwachstum um die 6%, deutlich über der Prognose für Deutschland. Die stärksten Wachstumsraten verzeichnet Indien, das weltweit jedoch erst auf 2,5% Marktanteil kommt.

Für Deutschland geht die Prognose für 2024 von 4% Marktanteil in der ITK-Branche aus. Während Wintergerst die Platzhirsche USA und China allein aufgrund ihrer Größe für kaum erreichbar hält, sähe er Deutschland im weltweiten Vergleich gern auf Rang 3 – doch um dies zu erreichen, müsse mehr in die digitale Infrastruktur investiert werden, forderte er. Volkswirtschaften wie Japan (4,8% Marktanteil) und Großbritannien (4,3%) liegen derzeit im internationalen Vergleich vor Deutschland. Großbritannien peilt zudem 2024 ein Wachstum von 5,6% in der ITK-Branche an und würde damit den Abstand zu Deutschland weiter vergrößern. „Das ärgert mich persönlich schon“, sagte Wintergerst.

Langsame Umsetzung

Der Bitkom-Präsident fordert von der Politik mehr Tempo bei der Umsetzung von Digitalprojekten. Von den 334 angekündigten digitalpolitischen Vorhaben der laufenden Legislaturperiode habe die Bundesregierung bislang erst 60 Maßnahmen abgeschlossen. 226 Projekte befänden sich noch in Umsetzung, weitere 48 wurden indes noch gar nicht begonnen. In diesem Tempo könne bis zur nächsten Wahl nur jedes zweite Digitalvorhaben abgeschlossen werden, kritisiert der Bitkom. Die mangelnde Geschwindigkeit entstehe auch dadurch, dass es an der Kooperation zwischen Bund, Ländern und Kommunen hapere.

Die Stimmung in der Branche ist dennoch gut. Der von Bitkom und dem ifo Institut erstellte Digitalindex zeigt, dass die deutsche Digitalbranche zum Jahreswechsel deutlich positiver eingestellt war als die Gesamtwirtschaft. Während der ifo-Index für die Gesamtwirtschaft im Dezember von minus 9,4 Punkten weiter auf minus 11,2 Punkte fiel, legte der Digitalindex von 6 auf 9,8 Punkte zu.

Die Wachstumsdelle des vergangenen Jahres glauben die ITK-Unternehmen überwunden zu haben. 2023 hatten die Umsätze nur um 2% auf 215 Mrd. Euro zugelegt. Der Branchenverband interpretiert dies als Folge der Corona-Pandemie: In den Vorjahren war das Wachstum mit jeweils mehr als 6% ungewöhnlich stark ausgefallen.

Künstliche Intelligenz und Cloud als Treiber

Wichtigster Wachstumstreiber ist derzeit die Informationstechnik, die im laufenden Jahr 151,5 Mrd. Euro zum Branchenumsatz beisteuern soll. Besonders stark legen Plattformen für die Entwicklung, das Testen und die Bereitstellung von Software zu. Das Geschäft mit Plattformen, auf denen Anwendungen mit künstlicher Intelligenz (KI) erprobt werden, wird in den kommenden Monaten von einem niedrigen Niveau aus um voraussichtlich 38% auf 1,4 Mrd. Euro zulegen. „Künstliche Intelligenz wird 2024 das Top-Thema bleiben“, ist Wintergerst überzeugt.

Das Arbeitsplatzwachstum könnte noch deutlich größer ausfallen.

Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst

Im IT-Service-Markt werden Dienstleistungen mit Cloud-Bezug der Prognose zufolge besonders stark um 17% zulegen. Am Markt für IT-Hardware, der nach einem Einbruch im vergangenen Jahr auf 54,4 Mrd. Euro wachsen soll, bleibt der Bereich Infrastructure-as-Service der größte Wachstumstreiber. Dieser umfasst unter anderem gemietete Server, Netzwerk- und Speicherkapazitäten.

In der Telekommunikation erwartet der Bitkom für 2024 dagegen nur ein geringes Wachstum um 1% auf 72,8 Mrd. Euro, den größten Anteil daran hat das Geschäft mit Telekommunikationsdiensten (52,6 Mrd. Euro). Das Wachstumspotenzial bei Telekommunikationsdiensten sei aufgrund des scharfen Preis- und Infrastrukturwettbewerbs begrenzt, heißt es beim Branchenverband.

Fachkräftemangel belastet

Für 2024 rechnet der Bitkom zudem mit 36.000 neuen Stellen in der ITK-Branche, damit würde die Zahl der Beschäftigten auf 1,368 Millionen Menschen steigen. „Das Arbeitsplatzwachstum könnte noch deutlich größer ausfallen, der Fachkräftemangel erweist sich hier als Hemmschuh“, sagte Wintergerst. Die Digitalbranche sei mittlerweile der stärkste industrielle Arbeitgeber in Deutschland.

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