Vorstandswechsel

Mission und Ambition

Bill Anderson ist ganz frisch im Bayer-Vorstand. Bevor er am 1. Juni den Vorstandsvorsitz übernimmt, muss er den global in drei Geschäftsfeldern tätigen Konzern im Schnelldurchlauf kennenlernen.

Mission und Ambition

Bill Anderson

Mission und Ambition

Von Annette Becker, Leverkusen
ab

Es ist der zweite Arbeitstag für Bill Anderson bei seinem neuen Arbeitgeber Bayer in Leverkusen, und sogleich darf er sich vor Journalisten präsentieren. Das hat einen unschlagbaren Vorteile: Der US-Amerikaner, der erst am vergangenen Wochenende aus Basel nach Leverkusen umsiedelte, ist dadurch in vielen Themen noch nicht sprechfähig. Dem 56-Jährigen, der glatt als Mittvierziger durchginge, geht es aber ohnehin eher darum, sich vorzustellen und aufzuzeigen, wie er tickt. Auf der Sympathieskala kann er dabei zweifelsohne Punkte sammeln.

Mit Geschichten aus seinem Leben – Anderson ist in Lake Jackson, einer Kleinstadt in Texas, aufgewachsen, Vater von drei erwachsenen Kindern und seit 33 Jahren glücklich verheiratet – zeigt der Pharmamanager, dass er die Kunst des Small Talks vortrefflich beherrscht. Zugleich lässt er aber auch keine Zweifel daran, dass er hohe Ansprüche an die eigene Arbeit und damit gleichermaßen an die Bayer-Belegschaft hat. Mission und Ambition – ein Wortpaar, das passenderweise im Deutschen und im Englischen die gleiche Bedeutung hat – sind es, die den Chemieingenieur antreiben. Von daher stellt sich für ihn auch gar nicht die Frage, warum er von Roche zu Bayer gewechselt ist, wo er im Juni die Nachfolge von Werner Baumann an der Vorstandsspitze antritt. Denn das Leitmotto von Bayer, Science for a better Life, hat es Anderson ebenso angetan wie das Bayer‘sche Leistungsversprechen: „Health for all, hunger for none“. Unwillkürlich fühlt man sich an Marijn Dekkers erinnert, der vor 13 Jahre als erster externer Manager an die Spitze des deutschen Traditionskonzerns getreten war. Auch Dekkers hatte vom Mission Statement geschwärmt.

Die Parallelen der beiden Manager sind unverkennbar: Beruflich in den USA sozialisiert, haben beide eine steile Karriere hingelegt, die sie mit der Chefposition bei Bayer krönen. Zwar hat Anderson die vergangenen zehn Jahren für Roche gearbeitet, doch sein Managementstil ist ur-amerikanisch. Mehr Eigenverantwortung und Entscheidungsbefugnisse sollen die Beschäftigten erhalten, zugleich wird es auch harte Zielvorgaben geben. Auf Umstellungen in der Arbeitsorganisation sollte sich jeder Bayer-Beschäftigte daher heute schon einstellen.

Anders als Dekkers, der ein Dreivierteljahr mit Werner Wenning mitlaufen durfte, um Bayer kennenzulernen, bekommt Anderson nur zwei Monate zugestanden. Das liegt sicher auch daran, dass der Druck der Investoren, Bayer in die Einzelteile zu zerlegen, seit der verhängnisvollen Übernahme von Monsanto enorm gewachsen ist. Zwar hatte sich auch Dekkers Zeit gelassen, bevor er mit der Abspaltung des Kunststoffgeschäfts 2015 einen tiefen Schnitt in die Konzernstruktur vornahm. Zuvor hatte er jedoch eine Equity Story gestrickt, mit der Bayer zum wertvollsten Dax-Konzern aufgestiegen war. Die Vorzeichen bei Anderson sind andere. Zu alldem äußert sich der mit einem MIT-Abschluss ausgestattete Manager nicht. In den nächsten 60 Tagen gehe es für ihn darum, die Geschäfte und die dahinterstehenden Köpfe kennenzulernen – offen und ohne vorgefertigte Meinung wolle er allen Stakeholdern zuhören, verspricht Anderson. Für Gespräche mit Investoren werde es in dieser Zeit kaum Raum geben.

Zeit nehmen muss sich Anderson dagegen für Fußball, ist Bayer Leverkusen doch weit mehr als ein Fußballverein. Am Samstag geht es gegen Eintracht Frankfurt. Für den Fan des American Football dürfte es um mehr gehen, als sich an den runden Ball zu gewöhnen.

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