Elektrotechnikkonzern

ABB legt die Latte höher, aber Cevian will mehr

Der Elektrotechnikkonzern ABB setzt sich auf seinem Kapitalmarkttag ehrgeizige Wachstumsziele und kann damit die Aktionäre zunächst überzeugen. Doch Großaktionär Cevian scheint dennoch auf eine Aufspaltung von ABB zu dringen.

ABB legt die Latte höher, aber Cevian will mehr

dz Zürich

ABB-Chef Björn Rosengren hat am Kapitalmarkttag ein ehrgeizigeres Wachstumsziel für den Elektrotechnikkonzern formuliert. Das Unternehmen will den Umsatz über den ganzen Konjunkturzyklus hinweg um durchschnittlich 4% bis 7% pro Jahr ausweiten. In den vergangenen fünf Jahren war ABB unter der Annahme konstanter Wechselkurse um durchschnittlich 3% pro Jahr gewachsen. Zurzeit befindet sich das Unternehmen in einer zyklischen Beschleunigungsphase. Der Konzern erwartet für das laufende Jahr ein mit dem Vorjahr vergleichbares Umsatzwachstum von 6 % bis 8 %, wobei die anhaltenden Engpässe in den Lieferketten ein noch höheres Wachstum verhindern.

Die Investoren haben die neuen Leistungsziele für ABB am Dienstag überwiegend positiv aufgenommen. Der Aktienkurs des Elektrotechnikkonzerns stieg um 1% auf 33,56 sfr und damit ähnlich wie der Gesamtmarkt. Dennoch hat Rosengren die erste Erwartung seiner Großaktionärin Cevian schon fast erfüllt. Der schwedische Investmentfonds, der knapp 5 % aller ABB-Anteile hält, hatte bereits im Herbst 2016 ein Kursziel für die ABB-Aktie von 35 sfr formuliert. Damals war der Konzern noch im Besitz der großen Stromübertragungssparte, deren Verkauf an die japanische Hitachi zwei Jahre später angekündigt und bis Mitte 2020 vollzogen wurde. Der Verkauf der einstigen Schlüsselsparte von ABB war die zentrale Cevian-Forderung gewesen.

Rufe nach Aufspaltung

Am vergangenen Wochenende gab Cevian über die schwedische Finanzzeitung „Dagens Industri“ ein neues Kursziel für ABB aus: 50 sfr. Das ist ein Zuwachs im Vergleich zum vorherigen Ziel von 43%. Dieses neue Kursziel der Großaktionärin basiere auf einer individuellen Wertanalyse der vier Geschäftsbereiche von ABB. Würden diese als eigenständige Firmen an der Börse existieren, wäre ABB statt 67 Mrd. sfr gut 100 Mrd. sfr wert, so die Begründung von Cevian.

Zwar verzichtete Cevian-Partner Christer Gardell im Interview mit „Dagens Industri“ darauf, konkrete Forderungen über eine weitere Aufspaltung von ABB zu stellen. Doch seine Äußerung lässt sich trotzdem wie ein Ultimatum verstehen: „Ich habe das größte Vertrauen in Björn Rosengren und bin überzeugt, dass Björn Maßnahmen finden wird, die dafür sorgen, dass ABB entsprechend seinem Potenzial bewertet wird.“ Gardells verbale Zurückhaltung hat wohl auch damit zu tun, dass Cevian mit ihrem zweiten Partner Lars Förberg im ABB-Verwaltungsrat vertreten ist und die Eskalation eines unterschwelligen Strategiekonflikts mit der Hauptaktionärsfamilie Wallenberg (10 %) vermeiden will.

Cevian rechtfertigt das Aufspaltungsargument für ABB mit Beispielen wie General Electric, Toshiba oder sogar Thyssenkrupp. Auf einem anderen Blatt steht aber die Frage, ob es dafür eine zwingende indus­trielle Logik gibt. Ed Eyerman, Kreditanalyst der Ratingagentur Fitch in London, bezweifelt dies: „Die Aufspaltung von Firmenkonglomeraten wie General Electric könnte auch dem Umstand geschuldet sein, dass Private-Equity-Investoren für den Kauf der einzelnen Firmenteile derzeit einfach sehr hohe Preise zu zahlen bereit sind“, gab er zu bedenken.

Freilich versucht auch ABB, aus dem derzeitigen Jagdfieber an den Finanzmärkten Nutzen zu ziehen. Der Konzern will in den nächsten sechs Monaten eine Aktienminderheit seiner auf die Herstellung von Schnellladestationen spezialisierten Division E-Mobility an die Schweizer Börse bringen. Auch das erfolgreiche Geschäft mit Turboladern steht laut Rosengren kurz vor dem Verkauf oder vor einer Abspaltung, wobei auch hier etliche Private-Equity-Investoren ein Kaufinteresse angemeldet haben dürften. Das Management müsste sich in dem Fall wohl aber auf eine Rosskur gefasst machen, weshalb die Firma selbst eher eine Abspaltung mit separater Börsennotierung bevorzugen dürfte.