Im BlickfeldNorwegen

Petrostaat auf Zellkur

Norwegen ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe. Das Land, das mit Öl- und Erdgasförderung reich geworden ist, feilt an einer neuen wirtschaftlichen Identität, bei der die Batterieproduktion eines von mehreren Puzzleteilen werden soll. Das Thema sorgt aber auch für Kontroversen.

Petrostaat auf Zellkur

Petrostaat auf Zellkur

Norwegen ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe. Das Land, das mit Öl- und Erdgasförderung reich geworden ist, feilt an einer neuen wirtschaftlichen Identität, bei der die Batterieproduktion eines von mehreren Puzzleteilen werden soll. Das Thema sorgt aber auch für Kontroversen.

Von Karolin Rothbart, Frankfurt

Im südlichen Teil Norwegens will das Unternehmen Morrow Batteries demnächst eine erste europäische Fabrik für LFP-Batterien an den Start bringen. Die Regierung in Oslo sieht im Ausbau der heimischen Batterieproduktion einen von mehreren Hebeln, um die heimische Wirtschaft auf ein Ende des fossilen Zeitalters vorzubereiten.

Wenn es unter Vertretern deutscher Maschinenbauer dieser Tage wieder heißt: „Bist du auch in Hannover?“, dann ist allen klar, was Sache ist. Die Hannover Messe steht vor der Tür – das wichtigste industrielle Stelldichein, auf dem tausende Firmen aus aller Welt den Beweis erbringen wollen, dass sie ihrer Selbstzuschreibung als „Enabler“ der globalen Energiewende auf jeden Fall gerecht werden können.

Dabei kommt die Messe dieses Jahr in nordischem Flair daher. Nach Indonesien ist für 2024 Norwegen als Partnerland auserkoren worden. Die Wahl stellt nicht nur ein klimatologisches, sondern auch ein demografisches Kontrastprogramm dar, ist Norwegen doch im Vergleich zu Indonesien mit seinen gerade mal 5,5 Millionen Einwohnern dünn besiedelt und damit nicht eben der Markt, der allein schon aufgrund seiner großen Bevölkerung mit Wachstumschancen lockt.

Laut Germany Trade & Invest, der Außenwirtschaftsagentur des Bundes, nimmt die Bedeutung des Landes auf der skandinavischen Halbinsel für die deutsche Industrie trotzdem zu. Denn das durch Erdöl- und Erdgasförderung reich gewordene Norwegen muss sich wirtschaftlich neu erfinden, um die eigene Dekarbonisierung voranzutreiben und um in einer Welt zu bestehen, in der der Bedarf an fossilen Brennstoffen laut der Internationalen Energieagentur noch in diesem Jahrzehnt zurückgehen könnte.

Was zählt, ist Effizienz

Die wichtigsten Standbeine dafür sind bereits festgelegt. Auf der norwegischen To-do-Liste stehen unter anderem der Ausbau der Wasserstoffindustrie, die Erweiterung der heimischen Batterieproduktion, die Förderung von Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung sowie Offshore-Windkraft. Es sind Projekte, an denen auch Deutschland ein strategisches Interesse hat, ist doch die hiesige Industrie beispielsweise dringend auf Wasserstofflieferungen aus dem Norden angewiesen. Laut einer im November veröffentlichten Machbarkeitsstudie soll der Transport via Pipeline rein technisch gesehen ab dem Jahr 2030 möglich sein. Gleichzeitig sollen industrielle CO2-Emissionen dort, wo sie nicht vermeidbar sind, künftig auf umgekehrtem Wege von Deutschland nach Norwegen geleitet und unter dem Meeresboden verpresst werden.  

Für die grüne Transformation arbeitet Norwegen, das Mitglied der Nato, aber nicht der EU ist, zwar auch mit anderen Ländern partnerschaftlich zusammen. Zu Deutschland hätten sich die Beziehungen in dem Zusammenhang zuletzt aber besonders intensiviert, wie der norwegische Wirtschaftsminister Jan Christian Vestre vor Teilnehmern einer Delegationsreise sagte, zu der die Hannover Messe eingeladen hatte. „Deutschland und Norwegen rücken enger zusammen – enger vielleicht als je zuvor, auch wenn es darum geht, privates Kapital zu mobilisieren und sicherzustellen, dass neue Projekte tatsächlich in industriellem Maßstab entwickelt werden“, erklärte der 37-jährige Sozialdemokrat.

Der norwegische Wirtschaftsminister Jan Christian Vestre (Arbeiderpartiet) findet, dass sich Deutschland und Norwegen bei der grünen Transformation gegenseitig viel zu bieten haben. „Wir arbeiten stark und leidenschaftlich mit der deutschen Regierung zusammen, weil wir viele gleiche Ziele, Visionen und Ambitionen für die Zukunft teilen“, sagt der 37-Jährige vor Teilnehmern einer Delegationsreise, zu der die Hannover Messe eingeladen hat. Die Energiewende sei in Europa dennoch zu spät losgetreten worden.
Bildquelle: Hannover Messe

Eines dieser Projekte entsteht derzeit im Süden Norwegens, in der Küstenstadt Arendal. Hier will das vier Jahre alte Unternehmen Morrow Batteries in diesem Jahr eine erste europäische Gigafabrik für Lithiumeisenphosphat(LFP)-Akkus eröffnen und damit sowohl vom weltweit wachsenden Bedarf an Energiespeicher-Technologien profitieren als auch der asiatischen Dominanz in dem Bereich entgegenwirken. Pro Jahr sollen in dem Werk künftig rund drei Millionen Batterien vom Band gehen. Die Fabrikanlage soll in den ersten paar Jahren jeweils mehr als 100 Mill. Euro an Umsatz und ab 2026 dann auch Profite abwerfen.

Wir müssen vom Erfolg asiatischer Hersteller lernen.

Andreas Maier, COO Morrow Batteries

Entschlossen sind sie zwar alle in Arendal. Über die Fähigkeiten der fernöstlichen Konkurrenz macht man sich aber nichts vor. „China hat mit der LFP-Batterieproduktion so richtig erst vor 10 Jahren angefangen und jetzt sind sie Weltmarktführer“, sagt Morrow-COO Andreas Maier. Ganze 90% der weltweit genutzten Batteriematerialien und 75% aller Batteriezellen kämen demnach heutzutage aus China. „Wir müssen also vom Erfolg asiatischer Hersteller lernen und unermüdlich am Thema Effizienz arbeiten“, schlussfolgert der Manager, der für diese Aufgabe auf fast sechs Jahre an Erfahrung bei der koreanischen Samsung SDI zurückgreifen kann, einem der weltweit größten Player im Batteriebereich.

Erhoffter Jobmotor

Morrow macht sich die koreanische Expertise auch im größeren Stil zunutze. Derzeit sind mehr als 100 koreanische Installateure, Projektmanager und Ingenieure auf dem Fabrikgelände des Start-ups beschäftigt. Daneben greift die Firma auch auf deutsches Know-how zurück und arbeitet seit Mai 2021 mit Siemens als Technologiepartner und Investor zusammen. Die Münchener unterstützen das Unternehmen unter anderem mit der Entwicklung eines digitalen Zwillings, der die Inbetriebnahme und Steuerung der Fabrik optimieren soll.

Neben Siemens, die mit 15% an Morrow beteiligt ist, hat auch der Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB Geld in das Batterieunternehmen gesteckt. Zu den weiteren Eignern zählen der norwegische Energiekonzern Å Energi, das Industrieunternehmen Noah, die staatliche norwegische Climate-Tech-Investmentgesellschaft Nysnø und der dänische Pensionsfonds Pka. Insgesamt sind bislang rund 230 Mill. Euro an Wagniskapital für Morrow zusammengekommen. Zudem hat die norwegische Innovationsbehörde Innovation Norway das Start-up wiederholt bezuschusst.

Das Land, in dem schon vergangenes Jahr über 80% aller neu zugelassenen Privat-Pkw elektrisch unterwegs waren, hegt große Erwartungen an die neu entstehende Branche. „Innerhalb von nur wenigen Jahren könnte eine norwegische Batterie-Wertschöpfungskette zehntausende Menschen in Norwegen beschäftigen und bis 2030 einen Umsatz von bis zu 90 Mrd. nkr (7,7 Mrd. Euro), vielleicht sogar mehr einbringen“, heißt es in der 2022 veröffentlichten Batteriestrategie.

Die Chancen dafür stünden nicht schlecht. Immerhin seien schon jetzt erfahrene Akteure aus verschiedensten Teilen der Wertschöpfungskette, wie Zulieferer oder Recyclingunternehmen, in Norwegen aktiv. Neben Morrow arbeitet auch das Unternehmen Elinor Batteries an der Errichtung einer LFP-Batteriefabrik im mittelnorwegischen Trondheim, die 2026 an den Start gehen soll und gute Fortschritte macht, wie Truls Johansen, Director of Strategy, sagt.

Die skandinavischen Batterieaktivitäten beschränken sich nicht allein auf Norwegen. Im Nachbarland Schweden wollen beispielsweise Volvo Cars und das schwedische Start-up Northvolt im Jahr 2026 eine Lithium-Ionen-Zellenfabrik in Göteborg in Betrieb nehmen. Im nordschwedischen Skellefteå fertigt Northvolt, die schon seit einiger Zeit als Börsenkandidat gilt, darüber hinaus seit Ende 2021 Lithium-Ionen-Akkus im großen Maßstab.

Die Europäische Batterieallianz, an deren Ministertreffen Norwegen seit Mitte 2022 teilnimmt, rechnet denn auch damit, dass sich der Norden Europas künftig als eine von drei Schlüsselregionen der europäischen Batterieproduktion etablieren wird – neben Deutschland und Ungarn.

Laut dem norwegischen Wirtschaftsministerium sprechen mehrere Gründe für den Standort. So sei günstige und erneuerbare Energie im Überfluss vorhanden. Norwegen deckt seinen Strombedarf beispielsweise zu deutlich über 90% aus Wasserkraft. Die Arbeitskräfte seien gut ausgebildet. Und nicht zuletzt gibt es da auch noch die großen Vorkommen an für die Batterieproduktion kritischen Rohstoffen wie Graphit, Kobalt oder Seltene Erden.

Tiefseebergbau umstritten

Genau dieser Aspekt sorgt allerdings auch regelmäßig für Kontroversen, erst recht, wenn es um den Abbau von Bodenschätzen in der Tiefsee geht. Erst Anfang des Jahres hat das Parlament in Oslo den Plan durchgewunken, dass Norwegen als eines der ersten Länder der Welt kommerziellen Bergbau am nordatlantischen Meeresgrund zulassen will. Die vorgesehene Fläche umfasst etwa 280.000 Quadratkilometer und soll unter anderem Millionen Tonnen an Zink und Kupfer beherbergen.

Umweltschützer warnen jedoch zu Hunderten vor den noch völlig unklaren Folgen für das nur unzureichend erforschte Ökosystem. Rund 120 EU-Abgeordnete hatten deswegen im Herbst in einem offenen Brief das Parlament in Norwegen aufgefordert, dem Plan der Regierung nicht zuzustimmen. Es wird auch befürchtet, dass andere Länder, die mit dem Thema Deep Sea Mining liebäugeln, schnell nachziehen könnten.

Die Regierung in Norwegen glaubt ihrerseits, dass sich der Abbau von Mineralien und Metallen in mehreren Tausend Metern Tiefe umweltverträglich bewerkstelligen lässt und dass dies eine notwendige Voraussetzung für die Abkehr des Landes von der Förderung fossiler Brennstoffe ist. Mit dem Votum habe man zuletzt ohnehin nur „die Grundlage für die Öffnung eines Gebietes“ gelegt, wie der norwegische Energieminister Terje Aasland im Januar sagte.

Womöglich kommt das Thema für den Politiker in der kommenden Woche erneut auf den Tisch. Auf der Hannover Messe wird er gemeinsam mit Robert Habeck die Konferenz „Renewable Dialog – North Sea Energy Hub“ eröffnen. Auch Wirtschaftsminister Vestre und der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre sowie rund 40 norwegische Unternehmen können die Frage „Bist du auch in Hannover?“ mit „ja“ beantworten. Das ist norwegisch und bedeutet „ja“.


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