Zahlungsverkehr

Die Türen zum Konto öffnen sich

Durch Open Banking haben Banken und Drittanbieter längst ihre Angebote über die europäische Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 hinaus erweitert. Doch ein europäischer Standard für die Schnittstellen fehlt.

Die Türen zum Konto öffnen sich

Kundendaten sind der Schatz, über den Banken lange exklusiv verfügen konnten. Doch infolge der modifizierten zweiten Europäischen Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 (Payment Services Directive 2) haben Banken diese Datentresore ein Stück weit für externe Anbieter öffnen müssen – immer vorausgesetzt, der Kunde stimmt dem zu. Dadurch hat sich die Welt des Banking grundlegend verändert. Open Banking heißt jetzt das Zauberwort der Zukunft. Doch wie kam es dazu, und wie geht es weiter?

Holpriger Start

Der Zugang zu den Kundendaten erfolgt über Schnittstellen (APIs, Application Programming Interfaces). Deren Öffnung wurde den europäischen Banken im Rahmen der PSD2 vorgeschrieben, nachdem dies in den technischen Regulierungsstandards der Europäischen Kommission (RTS, Regulatory Technical Standards) näher spezifiziert worden war, die mit der zweiten Stufe der PSD2 am 14. September 2019 in Kraft traten. Der Anfang war außerordentlich holprig, doch zwei Jahre nach dem Start fällt die Bilanz recht erfreulich aus.

Europäische Banken hätten ihre Schnittstellen zum Kontozugang inzwischen erheblich verbessert, stellt etwa der Open-Banking-Plattformanbieter Salt Edge nach einem Test von 2500 Schnittstellen in 31 europäischen Ländern fest. Im Jahr 2020 sei die Kommunikation zwischen Drittanbietern und Banken noch weitgehend einseitig verlaufen. Banken hätten zwar ein Anrufen der Schnittstelle erhalten, aber darauf nicht geantwortet. Dies habe sich 2021 geändert, heißt es in einer Studie. Zudem habe die Verfügbarkeit der APIs zugenommen, wobei sie in Großbritannien am höchsten und innerhalb eines Jahres weiter auf 97,6 (97)% gestiegen sei. Es folgen die Tschechische Republik mit 96,8 (90,2)%, Portugal mit 96,5 (91,6)%, Österreich mit 95,8%, die Niederlande mit 95,4% und Belgien mit 95,8 (82,9)%. Deutschland mit knapp 84% im Jahr 2020 hat sich 2021 der Studie zufolge nicht in diese Top-Liga verbessert.

Doch die Sache ist komplex, und an etlichen Stellen hakt es noch, wie Salt Edge feststellt. So verlangten einige Banken mehrfache Hin- und Herleitungen zwischen der Bank und einem Drittanbieter, bevor ein Zahlungsauftrag abgeschlossen wird. Nutzer müssten sich durch unzählige zusätzliche Seiten arbeiten, APIs zeigten nicht den aktuellen Stand der Zahlung an, oder die Einwilligung des Kontoinhabers zur API-Nutzung werde von der Bank nicht aktuell umgesetzt. All dies führe zu Fehlern und frustriere, moniert Salt Edge.

Ein europäischer Standard fehlt

Erschwerend kommt hinzu, dass in der PSD2 kein Standard für die Schnittstelle festgelegt­ worden ist, so dass es in Europa verschiedene API-Standards gibt, die nicht kompatibel sind. Den von der Berlin Group, einer Initiative aus EU-weit fast 40 Banken, Verbänden und Dienstleistern entwickelten Standard nutzen immerhin mehr als die Hälfte der europäischen Banken, daneben sind aber auch die Standards  OBIE  und STET verbreitet. Fortschrittliche Banken haben gleich alle drei implementiert.

Denn die Öffnung und reibungslose Funktion dieser Schnittstellen ist die Voraussetzung für Open Banking. Das Teilen und in gewissem Maße die Kontrolle des Austauschs persönlicher Finanzinformationen zwischen Finanzinstituten und Drittanbietern, den Third Party Providers, meist Fintechs, mit Zustimmung der Kunden via APIs hat inzwischen ordentlich Fahrt aufgenommen.

Hatten Banken anfangs befürchtet, externe Anbieter könnten sie infolge des Zugriffs auf ihre Kundendaten aus dem Markt drängen, so sind sie heute selbst aktive Player im Markt und nutzen ebenfalls die Möglichkeiten, welche die PSD2 bietet, etwa als Zahlungsauslösedienst (Payment Initiation Service Provider, PISP). Dabei müssen Kunden sich etwa beim Einkauf im Internet nicht extra ins Online-Banking ihres Kreditinstituts einloggen, sondern können die Überweisung über einen auf der Händlerseite angebotenen Zahlungsauslösedienst beauftragen.

PSD2 regelt aber nur den Zugang der dritten Zahlungsdienstleister zu den Zahlungskonten bei den kontoführenden Häusern. Genau hier liegt die Krux, denn Banken müssen allein den Zugang zu den zur Ausführung von Zahlungsvorgängen dienenden Konten ermöglichen, also den Girokonten – nicht aber zu Sparkonten, Einlagenkonten, Konten für Tages- oder Termingelder, reinen Kredit- und Kreditkartenabrechnungskonten und auch nicht zu Depots oder Brokerkonten. Insofern könnten auch Kontoinformationsdienste einem Kontoinhaber konsolidierte Informationen lediglich zu seinen Zahlungskonten bei einem oder mehreren Zahlungsdienstleistern (auch Banken) zur Verfügung stellen, wenn sich kontoführende Banken strikt an die PSD2 halten. Eine Verknüpfung von Girokonten mit Geldanlagen oder verschiedenen Krediten ist dadurch in Europa generell nicht möglich, wenn Kreditinstitute ihre Schnittstellen nicht weiter als vorgeschrieben öffnen, wie Drittanbieter monieren. Infolgedessen knirscht es im europäischen Gefüge.

Kommission überprüft Richtlinie

Die EU-Kommission unterzieht deshalb die PSD2 bis Ende 2021 einer Überprüfung. Daraus könnte eine PSD3 entstehen. Marktteilnehmer – sowohl Drittanbieter als auch Banken – erhoffen sich nun, dass sich durch den Review „die Türen öffnen für aggregierte Finanzlösungen“ und damit ein regulatorisches Level Playing Field geschaffen wird. Schließlich ist der Markt schon wesentlich weiter, wie der Blick auf Open Banking zeigt.

Open Banking umfasst inzwischen ein weites Feld mit etlichen Anwendungsmöglichkeiten und geht weit über die Anforderungen der PSD2 hinaus. Zu den gängigsten Formen des Open Banking zählt Account Aggregation, also die Zusammenfassung verschiedener Konten in einer App, die meist extern von einem Drittanbieter, aber auch von vielen Banken angeboten wird, wie Juniper Research erläutert. Diese Apps seien sukzessive erweitert worden und böten nicht nur die Überwachung der verschiedenen Konten, sondern eine Vielzahl an weiteren Informationen und Aktivitäten bis hin zu Investments und Wealth Management. Das habe dann zum persönlichen Finanzmanagement (PFM) über eine App geführt, die anfangs darauf ausgerichtet war, Transaktionen des Nutzers zu kategorisieren. Hinzu seien weitere Anwendungen gekommen wie Vergleiche, um bessere Angebote herauszufinden und schnell das Konto zu wechseln oder Spenden durch das Aufrunden von Beträgen zu veranlassen.

PFM erfreut sich laut Juniper Research großer Popularität. Indem sich immer mehr Banken Open Banking widmeten, werde sich PFM zu einem umfassenden Wealth Management weiterentwickeln, über das Kunden investieren, Gelder an Personen verleihen (P2P-Lending) oder in verschiedenen Währungen handeln können, prognostiziert das Haus.

Deutsche Bank hat viele Apps

Allerdings bietet nicht jede Bank derartige Funktionen bzw. Schnittstellen dafür an. Zu den fortschrittlichsten Instituten, die ihre APIs für verschiedene Anwendungen weit öffnen und Drittanbieter beim Andocken unterstützen, um relevant zu bleiben, zählen die Deutsche Bank, die spanische BBVA, aber auch die österreichische Erste Group, wie Innopay nach einer Analyse von rund 250 in Europa tätigen Banken feststellt. Die Deutsche Bank hat Dutzende von APIs im Angebot sowohl für Privat- als auch für Firmenkunden, und weitere sind in der Planung, wie ein Blick auf ihr umfangreiches API-Programm zeigt.

Innovationen im Zahlungsverkehr

Europas Banken müssen aufpassen. Die Initiierung von Zahlungen ist die Anwendung, bei der Banken das meiste Geschäft an Drittanbieter verlieren und wo die meisten Innovationen stattfinden, wie Juniper festhält. Heutige Anwendungsmöglichkeiten seien zudem vielfältiger und umfassten Zahlungen von Konto zu Konto (A2A), von Person zu Person (P2P) oder zwischen digitalen Wallets, QR-Codes oder Apps der Big Techs (Amazon Pay, Apple Pay, Google Pay). Der Wettbewerb um Zahlungen werde noch intensiver, künftig träten mehr Zahlungsauslösedienste in den Markt ein und kämpften mit Big Tech um einen größeren Marktanteil, prognostiziert Juniper.

Viele von Europas Banken haben die Herausforderung indes erkannt und versuchen, sich mit eigenen Angeboten im Markt zu behaupten.

Von Karin Böhmert, Frankfurt

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