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Viele Menschen stiften bereits Sinn mit ihren Geldanlagen

"Die soziale Verantwortung von Unternehmen ist es, ihren Profit zu erhöhen", propagierte Nobelpreisträger Milton Friedman im Jahr 1970. Ist das heute noch genug? Unternehmen stehen zunehmend unter kritischer Beobachtung, denn der Mangel an natürlichen Ressourcen und der Klimawandel machen ein Umdenken zwingend erforderlich.

Dabei reicht es nicht aus, wenn sich Unternehmen nur "ein grünes Mäntelchen umhängen", um in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image zu erhalten. Analog zum Begriff der "Geldwäsche" hat sich der Begriff "Greenwashing" durchgesetzt: Natur und Umweltschutz werden wie Geld "gewaschen". Dient die Corporate Social Responsibility (CSR) nur als soziales "Feigenblatt", drohen ein immenser Glaubwürdigkeitsverlust und der Vorwurf ebendieses "Greenwashings". Ernstzunehmende CSR sollte daher vom ganzen Unternehmen gelebt und nicht von oben verordnet werden.

Der Verantwortung stellen

Die Finanzwirtschaft steht und stand unter besonders scharfer Beobachtung der Öffentlichkeit, und ihre Rolle in der Gesellschaft ist zunehmend in den Fokus gerückt. Bertolt Brecht fragte schon in den 1920er-Jahren in der Dreigroschenoper: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegenüber der Gründung einer Bank?" Im Zuge der letzten Finanzkrise ist besonders viel Vertrauen, die eigentliche Leitwährung der Finanzmärkte, verloren gegangen. Die Finanzbranche wird vielfach mehr als Verhinderer sozialer Gerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung denn als Förderer empfunden. In der öffentlichen Meinung scheint sich der gedankliche Dreischritt "viel Geld = viel Macht = viel Verantwortung" zu etablieren.

Banken sind also in besonderem Maße aufgefordert, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Sie müssen sich heute verstärkt mit Nachhaltigkeitsaspekten auseinandersetzen: Eine EU-Richtlinie fordert seit dem Geschäftsjahr 2017, dass größere Unternehmen in Deutschland und der EU jährlich Daten zu Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelangen, zur Achtung der Menschenrechte und zur Bekämpfung von Korruption bereitstellen. Zur Entsprechung der Berichtspflicht müssen vergleichbare Mindestanforderungen erfüllt sein, die sogenannten Berichtsstandards.

Immer größere Bedeutung

Auch bei der Kapitalanlage reichen die drei Faktoren Rentabilität, Sicherheit und Liquidität nicht mehr aus. Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt immer mehr an Bedeutung und spielt auch für Anleger eine immer größere Rolle. So lässt sich Nachhaltigkeit als vierte Dimension in der Kapitalanlage begreifen. Nachhaltige Kapitalanlagen befolgen die sogenannten ESG-Faktoren - "Environment Social Governance", also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung.

Zudem werden nachhaltige Aspekte in der Unternehmensanalyse ver-stärkt berücksichtigt. Und Investorengelder fließen zunehmend in "nachhaltige Unternehmen". Dazu kommt: Immer mehr Menschen wollen ihr Geld nicht nur renditebringend, sondern auch umweltfreundlich sowie ethisch und sozial verantwortungsbewusst anlegen. So ist der Markt für nachhaltige Geldanlagen 2016 um 14 % expandiert. Seit 2014 beträgt die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate rund 29 %. Der Anteil von nachhaltigen Investmentfonds ist 2016 auf 23 Mrd. Euro und damit um rund 11 % gestiegen. Die Quote nachhaltiger Fonds und Mandate am Gesamtmarkt konnte von 2015 auf 2016 erneut um 0,1 Prozentpunkt auf 2,8 % wachsen.

Längst ist Nachhaltigkeit mehr als ein Imagethema. Die Bedeutung unternehmerischer Verantwortung für Kaufentscheidungen nimmt auch bei Bankkunden zu. Laut einer Umfrage des Instituts Dr. Grieger mit 1017 Verbrauchern im April 2016 halten rund 88 % der Bevölkerung CSR für wichtig. Rund 76 % bezahlen mehr, wenn sich das Unternehmen nachhaltig verhält. Nahezu für alle spielt unternehmerische Verantwortung eine Rolle für die Reputation.

Was bedeutet Nachhaltigkeit in Bezug auf Kapitalanlagen, wie lässt sich damit Sinn stiften? Und wie können entsprechende Unternehmen identifiziert werden, in die sich eine Investition lohnt? Eine Hilfe sind hier die Siegel von Ratingagenturen, die Unternehmen herausfiltern, die einen nachhaltigen Weg eingeschlagen haben oder sich bereits stark in diesem Bereich engagieren.

Sogenannte Ausschlusskriterien dienen dazu, Unternehmen oder Staaten vom Investmentuniversum auszuschließen, weil sie bestimmte Produkte herstellen, gewisse soziale, ökologische und Governance bezogene Kriterien nicht erfüllen, der Wertvorstellung eines Investors nicht entsprechen oder gegen internationale Normen und Standards verstoßen. Ein Ausschlussgrund für Unternehmen kann zum Beispiel die Herstellung von Tabak, die grobe Verletzung von Menschenrechten oder der Verstoß gegen Arbeitsnormen sein. Für Staaten kann die Anwendung der Todesstrafe zum Ausschluss führen. Anleger, die Wert auf Nachhaltigkeit legen, haben die Möglichkeit, ihr Geld zum Beispiel in Wasserfonds, ethische Fonds, Klimafonds oder Mikrofinanzfonds anzulegen. Nachhaltige Wasserfonds investieren weltweit in Unternehmen, die Technologien, Produkte oder Dienstleistungen mit Bezug zur Wertschöpfungskette des Wassers anbieten.

Ethische Fonds folgen dem Prinzip, dass ethische Grundsätze auch für die Kapitalmärkte gelten sollten, denn Krisen treffen gerade die Ärmsten der Armen besonders hart. "Brot für die Welt" etwa gibt soziale, ökologische und entwicklungspolitische Kriterien für einen Fonds vor. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bezeichnen die zentralen Leitwerte, an denen sich die Negativ- und Positivkriterien orientieren.

Zwei katholische Kirchenbanken aus Deutschland haben einen nachhaltigen Rentenfonds aufgelegt, der sich an christlicher Ethik orientiert. Wertpapiere von Atomkonzernen oder von Unternehmen, die von Abtreibung profitieren, sind für ihn tabu. Von der Missionszentrale der "Franziskaner" wurden ebenfalls mehrere Fonds initiiert. Die Bewertung potenzieller Anlagetitel wird nach ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Gesichtspunkten vorgenommen. Die Verbundenheit mit den franziskanischen Werten Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist Richtschnur für spezifische Ausschlusskriterien.

Klimafonds richten sich gegen den Klimawandel. Investitionen in Ressourceneffizienz sind ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft. Investiert wird in Unternehmen, die durch ihre Klimalösungen die Welt zu einer besseren machen.

Ein Mikrofinanzfonds vergibt das von den Anlegern investierte Kapital als Darlehen an ausgewählte Mikrofinanzinstitute in Entwicklungsländern. Die Institute verleihen das aufgenommene Kapital wiederum an Kleinstunternehmer sowie kleine und mittlere Unternehmen. Typische Kreditnehmer sind zum Beispiel Gemüsehändler, Schneider, Viehzüchter und Handwerker, die Saatgut, Werkzeuge, Materialien oder andere Rohstoffe kaufen oder finanzielle Engpässe, beispielsweise durch Dürreperioden, überbrücken müssen. Nach durchschnittlich neun bis zwölf Monaten werden die Mikrokredite getilgt. Die Mikrofinanzinstitute zahlen die Darlehen schließlich inklusive Zinszahlungen an den Mikrofinanzfonds zurück und die Anleger erhalten über den Fonds eine Prämie in Form von Dividenden und einer moderaten stetigen Rendite.

Mit einer Stiftung Sinn stiften

Eine weitere Option ist, mit der Gründung einer Stiftung Sinn zu stiften. Als wichtige Säule unserer Gesellschaft haben Stiftungen in Deutschland eine lange Tradition. Sie schaffen karitative, kulturelle, wissenschaftliche, soziale oder gesellschaftliche Werte und tragen dazu bei, die Welt ein wenig besser zu machen. Stiftungen tun Gutes - insgesamt 17 Mrd. Euro flossen 2015 in die Förderaktivitäten der bundesweit über 21 000 Organisationen.

Wir sehen also: Viele Menschen stiften bereits Sinn mit ihren Geldanlagen - Nachhaltigkeit wird im finanziellen Kontext immer wichtiger. Wirft man einen Blick auf die beliebtesten Geldanlagen der Deutschen, stellt man jedoch fest: Trotz niedriger Zinsen liegt der Großteil des Vermögens nach wie vor auf Sparbüchern, Spareinlagen sowie Girokonten. Wie sieht sie denn nun also aus, die richtige, "sinnstiftende" Geldanlage in Zeiten der Niedrigzinspolitik - ohne große Risiken einzugehen? Eine allgemeingültige Empfehlung, die für jeden passt, kann keiner geben. Doch das größte Risiko ist sicherlich, gar nicht investiert zu sein.

Wolfgang Kuhn, Vorstandsvorsitzender der Südwestbank AG

Börsen-Zeitung, 15.09.2018, Autor Wolfgang Kuhn, Vorstandsvorsitzender der Südwestbank AG, Nummer 178, Seite B 2, 1070 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2018178801&titel=Nachhaltigkeit---laengst-mehr-als-ein-Imagethema
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