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Redaktion

Exportstruktur spiegelt die typischen industriellen Schwerpunkte wider - EU ist das Ziel für zwei Drittel der Ausfuhren, Europa als Ganzes für 74 Prozent

Das Thema Außenhandel ist seit dem Brexit-Entscheid der britischen Bevölkerung und dem Protektionismus der Trump-Regierung in aller Munde. Die deutschen Unternehmen müssen sich nach Jahren des weltweiten Abbaus von Handelshemmnissen Gedanken machen, wie sie mit der veränderten Situation umgehen. Wie stark ist die nordrhein-westfälische Wirtschaft betroffen oder kann sie gar profitieren?

Auch an andere Länder denken

Die Absatzmärkte für die hierzulande produzierten Güter waren selten auf die heimischen Regionen begrenzt. Zwar ist Deutschland mit seinen 82 Millionen Einwohnern seit der Wiedervereinigung der mit Abstand bevölkerungsreichste Staat in Europa. Wenn Unternehmen jedoch ihre Kosten durch Erhöhung der Stückzahlen senken möchten, müssen sie über den Heimatmarkt hinaus denken. Dann ist es gut, wenn die hiesigen Produkte auch in Ländern wie China mit 1,4 Milliarden Einwohnern, Indien mit 1,3 Milliarden Einwohnern oder den USA mit 326 Millionen Einwohnern nachgefragt werden.

Der Handel über Grenzen hinweg erlaubt es den Konsumenten, aber auch den Unternehmen, ein deutlich größeres Spektrum an Waren und Dienstleistungen entweder zu konsumieren oder als Vorprodukte einzusetzen. Dies erhöht nicht nur die Vielfalt des Angebots weltweit, sondern auch den Nutzen für die Bürger und den Wohlstand eines Landes. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage für Handelsabkommen, so auch für die Europäische Union (EU) mit ihren 510 Millionen Einwohnern.

In den letzten 20 Jahren nahm die Exportquote der deutschen Industrie stetig zu - ein Zeichen für ihr erfolg-reiches Agieren im Europäischen Binnenmarkt und im globalen Wettbewerb. Inzwischen wird rund die Hälfte (51 %) des Umsatzes im Ausland erwirtschaftet. In Nordrhein-Westfalen (NRW) erreicht das Verarbeitende Gewerbe mit einer Ausfuhrquote von 47 % nicht ganz den Bundesdurchschnitt. Allerdings nahm die Exportquote hier während der vergangenen 20 Jahre um gut 15 Prozentpunkte zu. Zuletzt war die Tendenz weiterhin steigend, wenn auch nicht mehr ganz so steil. Es lässt sich also mit Fug und Recht sagen, dass die Produktion und der Absatz deutscher Güter von den Nachfragern im Ausland abhängig sind.

Unterschiedliche Aktivitäten

Die größten Industriebranchen Nordrhein-Westfalens weisen recht unterschiedlich starke Exportaktivitäten auf: Von der Produktion von elektrischen/optischen Geräten, chemischen Erzeugnissen, dem Maschinen- und dem Kraftfahrzeugbau wird deutlich mehr als Hälfte im Ausland abgesetzt. Bei der Erzeugung und Bearbeitung von Metallen sowie bei Nahrungsmitteln gehen weniger als 40 % ins Ausland, wobei auch dies für die Ertragslage der Unternehmen nicht unerheblich sein dürfte.

Bundesweit etwas anders

Die Exportstatistik NRWs zeigt dann folgende Struktur: 17 % der Exporte sind chemische Erzeugnisse, 15 % Maschinen, 10 % Metalle, 10 % elektrische/optische Geräte und 9 % Kraftwagen/-teile. Damit verteilen sich 62 % der Ausfuhren auf nur fünf Warengruppen. Mit Anteilen zwischen 4 % und 6 % sind Nahrungsmittel, Pharma, Gummi-/Kunststoffwaren sowie Metallerzeugnisse vertreten. Die Exportstruktur spiegelt damit die typischen industriellen Schwerpunkte NRWs wider. Bundesweit verhält es sich etwas anders. Dort stehen Automobile (18 %) ganz oben auf der Einkaufsliste der Nachfrager im Ausland - gefolgt von elektrischen/optischen Geräten (15 %) und Maschinen (14 %). Chemische Erzeugnisse spielen mit einem Exportanteil von 9 % eine deutlich geringere Rolle, ebenso wie Metalle (4 %).

Die vier europäischen Hauptdestinationen für die NRW-Warenausfuhren sind mit den Niederlanden (10 %), Frankreich (8 %) und Belgien (6 %) die Nachbarländer Deutschlands im Westen sowie Großbritannien (7 %). Dann werden die Entfernungen schon deutlich größer. So folgen die USA und China mit jeweils 6 %. Im Vergleich zu Deutschland ist die Zielregion Eurozone für NRW wichtiger. Im gemeinsamen Währungsraum werden 43 % der Exporte abgesetzt, wohingegen auf gesamtdeutscher Ebene nur 37 % der Exporte dorthin gehen. Die EU ist Ziel für zwei Drittel der NRW-Ausfuhren und Europa als Ganzes für 74 %. Dies ist vergleichbar mit dem Anteil der USA an den Exporten Mexikos und Kanadas. So ist es verständlich, dass Donald Trump bei den Neuverhandlungen des Nafta-Abkommens eine starke Verhandlungsmacht besaß.

Zusammen kommen Großbritannien und USA in NRW auf einen Exportanteil von 13 %, der verglichen mit dem deutschen Mittelwert von 15 % nur etwas unterdurchschnittlich ist. Insofern dürfte die Betroffenheit von schon eingeführten oder drohenden Handelsrestriktionen in NRW kaum geringer sein. Einzelne Branchen könnten aber die Abschottung der USA deutlicher spüren. So stammen 42 % der aus Deutschland in die USA exportierten Metalle aus NRW, so dass die höheren US-Zölle auf Stahl und Aluminium sich hier besonders negativ auswirken dürften. Allerdings machen diese Exporte nur 12 % der Ausfuhren NRWs in die USA aus.

Bei den chemischen Erzeugnissen sind bisher keine Einschränkungen von US-Seite absehbar. Dies ist erfreulich, da ihr Anteil an den NRW-Exporten in die USA immerhin 17 % beträgt und fast 30 % der deutschen Ausfuhren chemischer Erzeugnisse in die USA ausmachen. Hauptexportgut aus NRW in die USA sind Maschinen mit einem Anteil von gut einem Viertel. Auch hier sind bislang keine Veränderungen der Handelsbedingungen angekündigt. Die angedrohten Strafzölle auf Kraftfahrzeuge sind für NRW weniger relevant, da nur 4 % der aus Deutschland in die USA exportierten Kraftfahrzeuge in NRW hergestellt werden.

Aus den von den USA provozierten Handelskonflikten werden auch deutsche Unternehmen ihre Konsequenzen ziehen müssen. Sollten bestehende internationale Lieferketten durch US-Auflagen unrentabel werden, müssen neue Produktionsstandorte gesucht werden. Je nach der Zuliefer- beziehungsweise Ab-satzstruktur könnte dies zu einer verstärkten Ansiedlung oder zu einem Abzug von Produktionsstätten in den USA führen. Die genauen Auswirkungen auf NRW sind derzeit nicht absehbar. Hohe Kosten der Neuausrichtung und verminderte Absatzchancen wären sicher ein Belastungsfaktor für Unternehmen in Nordrhein-Westfalen. Wenn internationale Konzerne nun aber neue Produktionsstandorte suchen, dann sollte das Bundesland rechtzeitig seine Fühler ausstrecken und mit seiner umfangreichen Erfahrung in der Herstellung unterschiedlichster Industriegüter um Neuansiedlungen werben.

Schwierige Verhandlungen

Die Verhandlungen für den britischen EU-Austritt sind in der entscheidenden Phase. Eigentlich sollte auf dem EU-Gipfel Mitte Oktober ein Austrittsabkommen beschlossen werden. Die Verhandlungen gestalten sich aber als sehr schwierig. Es bestehen jedoch noch gute Chancen, dass eine Lösung gefunden wird. Die Sorge vor dem No-Deal-Szenario dürfte die Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten entscheidend fördern. Bei einem ungeregelten Ausscheiden aus der EU würden im Außenhandel mit Großbritannien Zölle auf WTO-Niveau eingeführt. Diese Verteuerung und letztlich auch die Kosten für die Zollerhebung müssten von den Produzenten oder den Konsumenten getragen werden.

Rechtliche Unsicherheiten

Zudem gäbe es erhebliche rechtliche Unsicherheiten bei Standards beziehungsweise Zulassungen unter anderem für den Flugverkehr, Medikamente und chemische Produkte. Von derartig abrupten Änderungen würde ein Großteil der Exporte nach Großbritannien betroffen sein - haben doch die folgenden Warengruppen an den NRW-Ausfuhren nach Großbritannien Anteile von 9 % bis 13 %: Chemische Erzeugnisse, pharmazeutische Erzeugnisse, Metalle, Maschinen, Kraftwagen/Kfz-Teile sowie sonstige Fahrzeuge.

Grundsätzlich sind aber Briten und Europäer bei den Verhandlungen nicht so weit auseinander. Der im März veröffentlichte Entwurf über das "Scheidungsabkommen" zeigt, dass bei gut 80 % der Textpassagen Übereinstimmung herrscht. So bleibt zu hoffen, dass es letztendlich zu einem Kompromiss kommen wird, bei dem keine Zölle auf Waren eingeführt werden, jedoch die Briten den EU-Pass für Dienstleistungen verlieren. Dies wäre eine gute Nachricht für Deutschland und NRW.

Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin und Bereichsleiterin Volkswirtschaft/Research der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)

Barbara Bahadori, Stellvertretende Abteilungsdirektorin Volkswirtschaft/Research bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)

Börsen-Zeitung, 12.10.2018, Autor Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin und Bereichsleiterin Volkswirtschaft/Research der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) und Barbara Bahadori, Stellvertretende Abteilungsdirektorin Volkswirtschaft/Research bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Nummer 196, Seite B 8, 1135 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2018196812&titel=Chancen-und-Risiken-fuer-die-NRW-Exportindustrie
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