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Redaktion

KOMMENTAR - VOLKSWAGEN
Herbert Diess muss den Vorstandsvorsitz von Volkswagen Pkw Ende Juni nach fünf Jahren abgeben. Kurz vor der geplanten Markteinführung des für den gesamten VW-Konzern wichtigen Kompaktwagens ID3, der dazu beitragen soll, Elektromobilität massentauglich werden zu lassen, entzieht der Aufsichtsrat dem Konzernchef die direkte Verantwortung für die wichtigste Marke, die im Jahr für mehr als die Hälfte der weltweiten Fahrzeugauslieferungen des Konzerns steht. Eine Demontage, die daran zweifeln lässt, dass der frühere BMW-Vorstand in Wolfsburg noch eine lange Zukunft vor sich haben wird.

In einer Phase, in der in Anbetracht hoher Mittelabflüsse infolge der Coronakrise sowie des teuren Technologiewechsels mehr denn je Kräftebündelung und Geschlossenheit im Unternehmen vonnöten wäre, leistet sich Volkswagen eine lähmende Führungskrise. Darauf, dass sich die in den vergangenen Tagen und Wochen gewachsene Kluft zwischen dem Aufsichtsrat und Diess auf Dauer überbrücken ließe, deutet wenig hin. Gestern sah sich der Konzern veranlasst, per Pressemitteilung eine Entschuldigung von Diess "in aller Form" bei den Mitgliedern des Aufsichtsrats zu veröffentlichen. Seine Aussagen in einer Konferenz mit tausenden Führungskräften, die Mitglieder des Aufsichtsrats offenbar als Anschuldigung auffassten, sich wegen Firmeninterna, die angeblich gezielt an die Öffentlichkeit durchgestochen wurden, strafbar gemacht zu haben, galten in Wolfsburg als nicht hinnehmbar. Der Aufsichtsrat habe die Entschuldigung angenommen und werde Diess auch künftig bei seiner Arbeit unterstützen. Damit Schwamm drüber und zurück zur Tagesordnung?

Diess habe - wegen der von Mitgliedern des Kontrollgremiums als Untergraben von Autorität aufgefassten Aussagen kurz vor dem Rauswurf gestanden, wird kolportiert. Formalrechtliche Bedenken hätten einige Entscheidungsträger noch abgehalten. Wie auch immer: Es ist ein Chaos, das Volkswagen in diesen Tagen präsentiert. Der Aufsichtsrat hält Diess nicht mehr für geeignet, die operativen Probleme bei der Kernmarke zu beheben. Das soll nun Ralf Brandstätter schaffen, seit August 2018 bereits für das Tagesgeschäft zuständig.

Für den seit gut zwei Jahren amtierenden Konzernchef gibt es derzeit offenbar keinen Nachfolgekandidaten, der auch aus Sicht der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch geeignet wäre. Doch nach der über Wochen von der bei VW besonders mächtigen Arbeitnehmerseite betriebenen Demontage verwundert es auch, dass Diess den Rückschnitt seiner Machtfülle akzeptiert.


Börsen-Zeitung, 10.06.2020, Autor Carsten Steevens, Nummer 109, Seite 1, 339 Wörter

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