Insolvenzen

Großinsolvenzen nehmen wieder zu

Von Galeria über Borgers bis zu MV Werften: In den zurückliegenden Monaten haben einige bekannte Namen Insolvenzantrag gestellt. Manche von ihnen waren bereits seit Jahren in Schieflage und rutschten trotz staatlicher Hilfen in die Krise.

Großinsolvenzen nehmen wieder zu

sar Frankfurt

Die Zahl der Insolvenzen von Unternehmen mit mehr als 10 Mill. Euro Umsatz ist im zu Ende gehenden Jahr wieder gestiegen, zeigt eine vorläufige Auswertung der Unternehmensberatung Falkensteg. Demnach meldeten 214 Unternehmen in dieser Größenordnung Insolvenz an, knapp ein Drittel mehr als im Vorjahr. In der Langfristbetrachtung liegen die Fallzahlen damit weiterhin niedrig. Sie sind allerdings wie auch im Vorjahr von staatlichen Hilfen beeinflusst.

Der größte Insolvenzfall, die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, hatte während der Corona-Pandemie mehrfach staatliche Hilfen erhalten. Mit insgesamt 680 Mill. Euro zählt Galeria zu den größten Posten im Corona-Hilfsprogramm des Wirtschaftsstabilisierungsfonds WSF, das erneute Schutzschirmverfahren konnten die Zuwendungen dennoch nicht verhindern. Galerias Sanierergespann ist aus dem ersten Schutzschirmverfahren vor zwei Jahren bereits eingespielt: Als Generalbevollmächtigter und damit Berater des Managements ist Arndt Geiwitz im Einsatz, Sachwalter des Verfahrens ist wieder Frank Kebekus. Derzeit läuft die Suche nach Investoren. Mit Buero.de war ein erster Interessent öffentlich vorgeprescht, hat sein Angebot aber inzwischen zurückgezogen – manche ordnen die Offerte im Nachhinein bereits eher der Kategorie „Marketing“ zu. Galeria hat eigenen Angaben zufolge weitere Interessenten und will sich im Januar zum Gesprächsstand äußern.

Filialisten in der Krise

Mit einem Umsatz von zuletzt 2,1 Mrd. Euro und rund 18000 Mitarbeitern ist Galeria der mit Abstand größte Insolvenzfall 2022. Der Warenhauskonzern ist bundesweit bekannt, die Filialen prägen so manches Stadtbild. Doch auf die Innenstädte könnten weitere Veränderungen zukommen. Der ebenfalls in vielen Fußgängerzonen vertretene Schuhhändler Görtz saniert sich derzeit unter Verwalter Sven-Holger Undritz, auch hier konnten WSF-Hilfen über 28 Mill. Euro den Gang zum Insolvenzgericht nicht verhindern. Die Bekleidungskette Orsay, die 33 Mill. Euro vom WSF erhielt, rutschte schon vor gut einem Jahr in die Insolvenz und hat ihre Filialen in Deutschland 2022 geschlossen.

Doch auch in anderen Branchen treffen die jüngsten Entwicklungen große Namen, die zum Teil schon seit längerem kriseln. Der Autozulieferer Borgers, ein Traditionskonzern mit mehr als 150-jähriger Geschichte, steckt seit Jahren in einer Restrukturierung, 2018 kam mit Ralf Schmitz bereits für längere Zeit ein Chief Re­structuring Officer an Bord. Im Sommer 2021 ordnete der Konzern mit zuletzt 650 Mill. Euro Jahresumsatz noch einmal seine Finanzierung neu, zu der neben Altkrediten ein durch eine Bund-Länder-Bürgschaft besichertes Corona-Darlehen vom April 2020 zählte.

Harte Zeiten für Automotive

Eine dauerhafte Lösung brachte das nicht: Im Oktober stellte Borgers, die hierzulande rund 1 900 Beschäftigte zählt, Insolvenzantrag für die Gesellschaften in Deutschland. Als vorläufiger Insolvenzverwalter ist Frank Kebekus bestellt, der auch die Galeria-Sanierung begleitet und damit die beiden derzeit nach Umsatz größten Verfahren in Deutschland auf dem Tisch haben dürfte. Er gibt sich lokalen Medien zufolge vorsichtig optimistisch. In einem Schreiben an die Beschäftigten sei Mitte Dezember von „Endverhandlungen“ mit einem potenziellen Investor die Rede gewesen. Den sucht auch die Dr. Schneider Gruppe, die im September Insolvenz für die deutschen Gesellschaften beantragte. Der Zulieferer zählt mit 450 Mill. Euro Umsatz ebenfalls zu den größten Verfahren des Jahres. Dr. Schneider hatte schon zu Jahresbeginn Personalkürzungen angekündigt. Nach den harten Coronajahren führten steigende Kosten und Schwankungen in der Produktionsauslastung zur Insolvenz, die nun rund 2 000 Beschäftigte betrifft. Insolvenzverwalter Joachim Exner sagte im September, der Investorenprozess werde „in den kommenden Wochen weiter vorangetrieben“. Die Zukunft des Unternehmens sollte sich „unter Einbindung eines strategischen Investors“ positiv gestalten. Inzwischen ist das Insolvenzverfahren eröffnet, weitere Fortschritte bei der Investorensuche wurden öffentlich seither nicht bekannt.

Bei den MV Werften dagegen war eine Komplettlösung schnell außer Sicht, das Unternehmen wurde zerschlagen. Zuletzt konnte Insolvenzverwalter Christoph Morgen das noch nicht komplett fertiggebaute Kreuzfahrtschiff Global Dream I an den Walt-Disney-Konzern verkaufen, dem Vernehmen nach für einen Schnäppchenpreis. Im Gegenzug sichert der Weiterbau Arbeitsplätze. Dennoch droht dem Land Mecklenburg-Vorpommern, das in der Vergangenheit umfassende Bürgschaften abgegeben hat, ein großer Verlust. Die Rede ist von einem dreistelligen Millionenbetrag.

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