Im GesprächVolker Wieland

"Eine Fachkräftebehörde wäre wichtig"

Der hessische Zukunftsrat Wirtschaft hat eine ganze Reihe von Empfehlungen zur Stärkung von Wirtschaftsstandort und Finanzplatz abgegeben – darunter auch den Vorschlag, eine spezielle Behörde für Fachkräftezuwanderung einzurichten.

"Eine Fachkräftebehörde wäre wichtig"

Im Gespräch: Volker Wieland

„Eine Fachkräftebehörde wäre wichtig“

Der Vorsitzende des Hessischen Zukunftsrats über Defizite und Vorteile des Wirtschaftsstandorts und Finanzplatzes Deutschland

fed Frankfurt

Beschleunigte Verfahren zur Digitalisierung der Verwaltung, ein Wagniskapitalfonds speziell für die Wachstumsphase von Start-ups, die Einrichtung von „Reallaboren“ für Jungfirmen, die Innovationen erproben wollen – auf der Liste des Hessischen Zukunftsrats Wirtschaft stehen zahlreiche praxisnahe Handlungsempfehlungen zur Stärkung von Wirtschaftsstandort und Finanzplatz. Das genau sei der Auftrag des Zukunftsrats gewesen, erklärt der Vorsitzende des Gremiums, Prof. Volker Wieland, im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Die Herausforderungen beträfen nicht allein Hessen. Vieles betreffe den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt. „Aber unser Auftrag war es, konkrete Handlungsempfehlungen auszusprechen – und zwar Empfehlungen für Hessen.“

Fokus auf Fachkräftebehörde

Ein besonderes Augenmerk des Zukunftsrats habe dabei Vorschlägen gegolten, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Der Zukunftsrat habe „eine spezielle Behörde für Fachkräftezuwanderung“ empfohlen – also getrennt von Asylzuwanderung. „Eine Fachkräftebehörde wäre wichtig, insbesondere auch für den Finanzplatz“, unterstreicht Wieland, der zugleich Geschäftsführender Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability ist. Fachkräftezuwanderung sollte nicht über einen Kamm geschert werden mit allen anderen Formen der Migration, denn es gehe ja um unterschiedliche Dinge und auch um unterschiedliche Rechtsfragen, die damit verbunden seien. „Wir müssen Einwanderungsverfahren beschleunigen“, fordert Wieland. Um Fachkräfte, die vorher in London waren, für Frankfurt zu gewinnen, sei es wichtig, dass diese Fachkräfte in Deutschland ähnliche Bedingungen für Kinderbetreuung fänden und mindestens so gute Aussichten hätten, Kinder auf internationale Schulen schicken zu können.

„Das Thema Finanzplatz ist sehr wichtig“, betont Wieland. Der Zukunftsrat habe es als einen Schwerpunkt im dienstleistungsorientierten Hessen identifiziert. Der Finanzplatz habe natürlich eine große Bedeutung für die hessische Wirtschaft. Deshalb sei es so bedeutsam, den Finanzstandort zu entwickeln, um die Wirtschaft in Hessen und Deutschland zu stärken.

Finanzdienstleister schwächeln

Wieland macht in diesem Zusammenhang auf eine bemerkenswerte statistische Beobachtung aufmerksam. Vom Jahr 2000 bis 2021 sei die Wertschöpfung der US-Wirtschaft um insgesamt 50% und damit doppelt so schnell gewachsen wie Deutschlands Wirtschaft. Und der Beitrag der Finanzdienstleistungen an diesem Wachstum in den USA sei mit gut dreieinhalb Prozentpunkten positiv gewesen, in Deutschland jedoch mit gut anderthalb Prozentpunkten negativ – „und das, obwohl Deutschland vergleichsweise weniger stark von der Finanzkrise getroffen worden ist“.

Nach Wielands Wahrnehmung wird der Finanzwirtschaft „ja seit der Finanzkrise seitens der Bundespolitik mit einer gewissen Reserviertheit“ begegnet. „Wir brauchen aber ein effektives Zusammenstehen von Bund, Ländern und Gemeinden für einen starken Finanzplatz Frankfurt, denn die Konkurrenz mit Paris ist knallhart.“ Frankfurt müsse dabei „die Ambition haben, das führende Finanzzentrum Europas zu sein“. Im Wettbewerb mit Paris „können wir nicht Louvre und Opera bieten, deshalb müsse wir in den Bereichen, in denen wir wettbewerbsfähig sein können, deutlich besser sein als die Standortkonkurrenten in Europa“.

Gute Infrastruktur

Frankfurt verfüge über eine ganze Reihe von Vorteilen, etwa als Flughafen- und Bahnverkehrsknoten oder auch als Bankenplatz und – mit Bundesbank, EZB, BaFin, EIOPA und ISSB – als bedeutender Sitz von Notenbanken, Finanzaufsichts- und Standardisierungsbehörden. Einen Rückstand gebe es unterdessen etwa bei der Digitalisierung der Verwaltung. „Wir fordern die Regierung nachdrücklich auf, die Verfahren zu beschleunigen“, sagt Wieland.

Empfehlungen hat der Rat auch mit Blick auf junge, wachstumsstarke Unternehmen in der Wirtschaft und in der Finanzbranche ausgesprochen. Er hat einen Wagniskapitalfonds speziell für die Wachstumsphase empfohlen. „Start-ups müssen skalieren können. Das ist die Schwachstelle in Deutschland“, argumentiert das frühere Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.  Das Gleiche gelte für Fintechs. „Im Übrigen, es kann doch eigentlich nicht sein, dass Frankfurt beim Thema Fintechs hinter Berlin rangiert“, fügt der Hochschullehrer an. Bei Fintechs und Start-ups gebe es in Frankfurt noch viel Potenzial nach oben. „Da müssen wir die Rahmenbedingungen noch verbessern.“

Sondervoten in der Steuerpolitik

Wieland weiß, dass die Politik „gewiss nicht alles umsetzen wird, was wir empfehlen“. Aber die Politik könne sich nicht über Ratschläge hinwegsetzen, die eine so breite Basis haben. „Entscheidend ist, dass es gelungen ist, einstimmige Empfehlungen eines sehr breiten Kreises von Interessen vorzulegen“, unterstreicht der Vorsitzende des Zukunftsrats. In dem Gremium „waren Mittelständler ebenso vertreten wie Gewerkschafter, Wissenschaftler ebenso wie Praktiker“. Das Echo der Politik auf die Empfehlungen sei im Übrigen „sehr positiv“ gewesen. „Denn unsere Vorschläge sind konsentiert und kondensiert.“

Lediglich in steuerpolitischen Fragen habe es Sondervoten gegeben. Konsens habe zwar darüber bestanden, dass die Steuerlast in Deutschland einen großen Wettbewerbsnachteil darstelle. „Aber nur ein Teil des Zukunftsrats hat sich für niedrigere Steuern für Kapitalgesellschaften ausgesprochen.“ Und: „Über Steuervorteile für gut verdienende Fachkräfte – die viel an Geschäft mit nach Hessen bringen würden – nach dem Modell von Paris und Mailand konnten wir im Zukunftsrat kein Einvernehmen herstellen, deshalb haben wir das Thema nicht mit hineingenommen.“ Der Zukunftsrat habe sich allgemeiner für Anreizmaßnahmen ausgesprochen, um Talente und Fachkräfte für den Finanzplatz zu gewinnen.

Der hessische Zukunftsrat Wirtschaft hat eine Reihe von konkreten Empfehlungen zur Stärkung von Wirtschaftsstandort und Finanzplatz abgegeben – darunter auch den Vorschlag, eine spezielle Behörde für Fachkräftezuwanderung einzurichten.

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