MACHTWECHSEL IN WASHINGTON - IM INTERVIEW: FRANK SPORTOLARI

"Erstaunlich schlechtes Timing"

Der Chef der hiesigen US-Handelskammer über das transatlantische Verhältnis und den Umgang mit China

"Erstaunlich schlechtes Timing"

Herr Sportolari, das transatlantische Verhältnis ist an einem Tiefpunkt. Trauen Sie Joe Biden zu, es zu reparieren?Da muss ich etwas widersprechen. Auf Ebene der Unternehmen sind die Beziehungen erstaunlicherweise fast so gut, wie es immer war. Wenn man nach Illinois, Nebraska oder Kalifornien schaut, gibt es ein ungebrochenes Interesse, deutsche Firmen nach Amerika zu holen. Die Unternehmen aus der Industrie werden als beispielhaft gelobt, etwa wegen guter Arbeitsplätze. Selbst in konservativsten Bundesstaaten sagt der Gouverneur: Kommt bitte zu uns! Die Zölle waren natürlich problematisch. Viele deutsche Unternehmen klagen, dass sie als Unbeteiligte in Handelskonflikte hineingezogen worden sind. Haben Sie nicht den Eindruck, dass bleibende Schäden entstanden sind?Zölle sind nie gut und helfen niemandem. Denn sie machen Produkte teurer und schränken die Auswahl für Verbraucher ein. Für betroffene Firmen war das natürlich schlimm, auch Mitglieder von uns in der Stahl- und Aluminiumindustrie hatten unangenehme Situationen. Es ist aber nicht vergleichbar mit dem Vorgehen gegen China. Nun gibt es auch erste Sanktionen der USA im Rahmen von Nord Stream 2. Rechen Sie mit einer Fertigstellung der Pipeline?Das fällt nicht in unseren Zuständigkeitsbereich, das ist Geopolitik. Grundsätzlich ist unsere Auffassung: Diese Probleme lassen sich nur lösen, indem man eine transatlantische Zusammenarbeit anstrebt. Das fordern wir auch in diesem Fall. Wo sehen Sie die größten Schnittmengen zwischen Deutschland und der neuen US-Regierung?Die Schnittmengen sind immens. Die USA sind unser größter Exportmarkt, und den größten Kunden muss man pflegen. Das ist in den letzten vier Jahren zu kurz gekommen. Sicher hat es nicht viel Spaß gemacht mit der Trump-Regierung und es wäre keine lustige Reise nach Washington geworden, aber wir haben einfach zu wenig gemacht. Gerade wenn es nicht läuft, muss man noch mehr tun – auch wenn es unangenehm ist. Dafür werden wir als Unternehmer und Politiker bezahlt. Wie oft waren Politiker und Wirtschaftsvertreter überhaupt in Washington in den letzten vier Jahren? Wie zuversichtlich sind Sie, dass Biden, Deutschland und die EU zu einer gemeinsamen Linie in der China-Politik finden?Ich halte das für sehr, sehr wichtig. Das ist ein weiteres Beispiel, wie wir mit transatlantischer Kooperation besser dran sind. Die USA hat diesen Handelskrieg mit China angezettelt. Es ist unklar, was man überhaupt erreicht hat. Mit einem transatlantischen Ansatz könnte das ganz anders aussehen. Wir müssen grundsätzlich entscheiden, was das richtige Geschäftsmodell für uns ist: Das wertegebundene westliche oder eines, das entscheidend davon abweicht. Was ist der wichtigste Schritt einer gemeinsamen Strategie im Umgang mit China?Als Erstes klarer zu definieren, was man mit Zöllen erreichen will. Wir müssen akzeptieren, dass China eine ökonomische und geopolitische Macht geworden ist. Es wird auch nichts bringen, sich von China zu entkoppeln, dafür sind die globalen Lieferketten zu komplex. China ist zu kompetent. Die machen viele Dinge sehr gut. Nicht abfinden müssen wir uns hingegen damit, dass sie gewisse Dinge außerhalb ihres Landes machen oder als Bedingung für den Markteintritt verlangen, die wir nicht akzeptieren. Da müssen wir ganz klar definieren, was für uns hinnehmbar ist und was nicht, um Arbeitsplätze und Wachstum in Europa und Amerika nicht zu gefährden und um China zu zwingen, sich etwas mehr unseren Vorstellungen anzupassen. War es hilfreich, dass die EU unter deutscher Ratspräsidentschaft kurz vor Bidens Amtsübernahme ein Investitionsabkommen mit China abgeschlossen hat, oder war das ein Fehler?Ich halte das für erstaunlich schlechtes Timing. Es hat wohl einige Leute in Washington überrascht. Ich weiß nicht, warum man das machen musste, gerade jetzt, da Biden einen Neuanfang anbietet. Das ist mehr PR als Inhalt. Gerade als Signal der EU halte ich das für sehr komisch und unnötig. Stimmt Sie die deutsch-amerikanische Impfstoff-Kooperation von Biontech und Pfizer hoffnungsvoll?Ja! Am Ende teilen wir immer noch die gleichen Werte. Sollte Trump nachträglich des Amtes enthoben und für künftige Ämter gesperrt werden?Skepsis und Unsicherheit, ob Trump wiedergewählt wird, ist weit verbreitet. Egal was passiert, sollte der Senat zunächst Bidens Kabinett bestätigen, damit er gleich mit der Arbeit beginnen kann und nicht sein Momentum in Bezug auf transatlantische oder andere wichtige Themen verliert. Das Interview führte Stefan Reccius.