Konjunktur

Industrie kommt aus dem Tief nicht heraus

Die Talfahrt der deutschen Industrie setzt sich fort, wenn sich auch das Tempo verlangsamt. Immerhin ist Materialmangel kaum noch ein Problem.

Industrie kommt aus dem Tief nicht heraus

Industrie kommt aus dem Tief nicht heraus

Materialmangel kaum noch ein Problem – Ökonomen erwarten enttäuschende Dezember-Daten

ba/mpi Frankfurt

Die deutsche Industrie plagen mittlerweile zwar kaum noch Materialsorgen und die Stimmung hat sich leicht aufgehellt, der Abwärtstrend ist allerdings ungebrochen. Allein das Tempo dürfte weiter nachlassen. Es steht zu erwarten, dass im Dezember die Produktion leicht sinkt und die Auftragseingänge wohl nur dank der volatilen Großaufträge ein schmales Plus aufweisen werden.

Erfolg bei den Lieferketten

Die Bemühungen der Unternehmen seit der Corona-Pandemie, ihre Lieferketten neu aufzustellen und die Abhängigkeit von China zu reduzieren, zeigen derweil Wirkung: „Die Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer haben im Moment keinen Einfluss auf die Versorgungslage mit Rohstoffen und Vorprodukten“, betonte Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. Allerdings mahnt er zugleich, dass wegen der langen Transportwege „eine Verschlechterung der Situation für die kommenden Monate nicht ausgeschlossen werden“ könne. Auch die Bahnstreiks in Deutschland könnten in einigen Fällen zu Engpässen führen.

Ein ähnliches Bild hatten bereits die Ergebnisse der Einkaufsmanagerumfrage von Januar gezeichnet. Dass sich die Vorlaufzeiten im Durchschnitt bislang noch nicht verlängert haben, führt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, „auf ein verbessertes Management der Lieferketten“ zurück, insbesondere durch eine strategische Diversifizierung der Zulieferer.

Kaum Auswirkung auf Inflation

Auch auf die Inflation haben die Angriffe der jemenitischen Huthi – aus Solidarität mit der Hamas – auf Frachter im Roten Meer bislang wenig Einfluss. „Dies wird derzeit als ziemlich begrenztes Thema eingeschätzt“, ordnete EZB-Chefvolkswirt Philip Lane die Einschätzung der Notenbank ein. Dies liege daran, dass die Transportkosten nur einen geringen Anteil an den Gesamtkosten der Unternehmen hätten. Oxford Ecomics geht derzeit davon aus, dass die Lage im Roten Meer die Euro-Inflation in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte erhöht.

Sollten die Huthi-Angriffe auf Frachtschiffe jedoch länger andauern und die Euro-Konjunktur wieder anziehen, dürften die Auswirkungen auf die Inflation größer werden. Die dann höhere Güternachfrage würde dann möglicherweise auf ein wegen Lieferengpässen zu niedriges Angebot treffen. In so einem Szenario zieht die Inflation an.

Großaufträge dürften erneut helfen

Wegen der immer noch hohen Lagerbestände, der knappen Budgets sowie der geopolitischen Spannungen hat sich die geringe Nachfrage nach Industriegütern auch im Januar fortgesetzt, zeigen die Ergebnisse der Einkaufsmanagerumfrage. Wie der Dezember für die Industrie gelaufen ist, berichtet das Statistische Bundesamt (Destatis) am kommenden Dienstag und Mittwoch. Den Auftakt machen die Daten zum Auftragseingang. Im Konsens wird ein Plus von 0,1% erwartet nach dem Anstieg um 0,3% im November. Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen etwa rechnet mit einer Gegenbewegung der immer sehr volatilen Orders im Sektor „sonstiger Fahrzeugbau“ (Flugzeuge etc.), die im November vergleichsweise niedrig waren. „Ohne diesen Sektor und die immer wieder für kurzfristige Ausschläge sorgenden Großaufträge aus anderen Bereichen dürften die Auftragseingänge aber weiter gefallen sein“, betonte Solveen.

Produktion dürfte schwach ausfallen

Für die Industrieproduktion wiederum wird im Mittel eine Stagnation prognostiziert. Sollte nach dem Minus von 0,7% im November ein weiterer Rückgang folgen, wäre es der siebte in Folge. „Eine so lange Phase schrumpfender Produktion gab es noch nie in der gesamtdeutschen Geschichte“, heißt es bei den Ökonomen der DekaBank. „Immerhin ist die Sinkgeschwindigkeit geringer als in früheren Phasen.“ Das passe in das Bild einer kriselnden, aber nicht abstürzenden Volkswirtschaft. Zum Jahresende war die Wirtschaftsleistung – wie auch im Gesamtjahr 2023 – um 0,3% geschrumpft, was zu einem beträchtlichen Teil wohl auf eine geringere Wertschöpfung in der Industrie zurückzuführen ist, analysiert Solveen. Und auch zum Jahresbeginn dürfte die Industrie die deutsche Wirtschaft bremsen, erwartet der Commerzbank-Ökonom.

Automobilbau bleibt am stärksten betroffen

Laut des Ifo-Instituts berichten im Januar noch 12,5% der befragten Firmen von Engpässen. Im Oktober waren es 18,2%. Zum Vergleich: Der Höhepunkt der Lieferprobleme lag im Dezember 2021, als 81,9% der Unternehmen darüber klagten. Die Lage der Branchen ist allerdings sehr unterschiedlich: Der Automobilbau ist immer noch am stärksten betroffen, auch wenn hier der Anteil betroffener Unternehmen auf 26% nach 36,8% im Oktober gesunken ist. Bei den Herstellern von elektrischen Ausrüstungen und dem Maschinenbau sind es je 18,9%.

Bei der Mehrheit der Branchen liegt der Wert laut Ifo unter 10%. Nahezu sorgenfrei sind die Getränkehersteller (0%), die Nahrungsmittelindustrie (1,2%), das Papiergewerbe (1,1%) und die Metallerzeugung und -bearbeitung (1,6%).

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