Geldpolitik

Zu starke geldpolitische Straffung laut EZB weiter besser als zu geringe

Die EZB sorgt sich stärker darüber, dass die Inflation weiter zu hoch bleibt, als dass die Wirtschaft zu sehr abkühlt. Dies geht aus dem Juli-Sitzungsprotokoll hervor. Der Ausgang der kommenden Zinssitzung ist dennoch weiter offen.

Zu starke geldpolitische Straffung laut EZB weiter besser als zu geringe

Zu starke Straffung laut EZB besser als zu geringe

Juli-Sitzungsprotokoll: Sorgen vor zu hoher Inflation größer als vor zu starkem Wirtschaftsabschwung

mpi Frankfurt

Die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) sind weiter besorgter darüber, dass die Inflation mittelfristig nicht auf den Zielwert von 2% sinkt, als dass die Wirtschaft in eine Rezession abrutscht. „Angesichts der vorherrschenden Unsicherheiten und der hohen Kosten für die Senkung der Inflation, sobald sie sich verfestigt hat, wurde argumentiert, dass es besser sei, die Geldpolitik weiter zu straffen, als sie nicht ausreichend zu straffen“, heißt es im am Donnerstag veröffentlichten Protokoll der EZB-Zinssitzung vom 26. und 27. Juli.

Die Notenbanker führen weiter aus, dass die Gefahr bestehe, dass die Wirtschaft angesichts der Zinswende in eine Phase der Stagflation rutschen könnte, statt eine „weiche Landung“ hinzulegen. Doch solange es keine Beweise dafür gebe, dass die bisherigen Zinserhöhungen ausreichen, um das Inflationsziel zu erreichen, sei eine weitere Anhebung der Zinsen notwendig.

Seit der letzten Zinssitzung im Juli hat es eine Reihe von Konjunktur- und Inflationsdaten gegeben, die unterschiedliche Signale an den EZB-Rat senden. Die Gesamtrate der Inflation ist im August nicht wie erwartet zurückgegangen, sondern ist bei 5,3% stagniert, wie das Statistikamt Eurostat ebenfalls am Donnerstag mitteilte (siehe Text oben auf dieser Seite). Die Kernrate, die als besserer Gradmesser für den zugrundeliegenden Preisdruck gilt, ist hingegen wie erwartet auf ebenfalls 5,3% gesunken – bleibt damit jedoch auf einem hohen Niveau. Die Auswirkungen der Zinserhöhungen werden zudem immer stärker in der Realwirtschaft sichtbar. Inzwischen kühlt auch der Arbeitsmarkt ab, was im Sinne der EZB ist, da so die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale abnimmt.

Hohe Unsicherheit

Wie hoch die Unsicherheit über die Inflationsentwicklung ist, zeigt sich auch an der Tendenz der verschiedenen Indikatoren für den zugrundeliegenden Preisdruck. Die von Ökonomen und in der Öffentlichkeit viel beachtete Kernrate ist nur einer von mehreren. Dass einige der Indikatoren der EZB-Ökonomen zur Vorhersage der mittelfristigen Inflation nicht nach unten zeigen, deute darauf hin, dass es „immer noch Aufwärtspotenzial“ bei der Inflation gebe, heißt es im Sitzungsprotokoll. Zudem weisen die Notenbanker darauf hin, dass die Inflationsprognosen der EZB zuletzt dennoch zuverlässiger gewesen seien als die Wachstumsprognosen.

Es gilt als völlig offen, ob die EZB bei ihrer Zinssitzung in zwei Wochen eine weitere Zinserhöhung beschließen wird oder nicht. „Die EZB selbst wird wohl erst am Tag der nächsten Sitzung wissen, was zu tun ist“, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann meldete sich am Donnerstag ebenfalls zu Wort. „Ich habe noch keine Entscheidung getroffen, weil ich noch nicht alle Daten habe, aber ich würde eine Anhebung nicht ausschließen."

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.