Impfstoffhersteller

Druck auf Pascal Soriot nimmt zu

Pascal Soriot hat die PR-Krise um mögliche Nebenwirkungen des Oxford-Impfstoffs in Australien ausgesessen. So sehen es zumindest seine Kritiker, die eine engagierte Verteidigung des Präparats fordern.

Druck auf Pascal Soriot nimmt zu

Von Andreas Hippin, London

Der AstraZeneca-Chef Pascal Soriot (61) hat das Auftaktquartal mit seiner Familie in Sydney verbracht, die dort über ein Eigenheim verfügt. Seine zwei Kinder und ein Enkel leben in Australien. Reisebeschränkungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie sorgten dafür, dass er nach den Weihnachtsfeiertagen dort bleiben musste. Unterdessen eskalierte erst der Streit mit der EU-Kommission über die Auslegung des Liefervertrags für den von der Universität Oxford entwickelten Sars-CoV-2-Impfstoff. Europäische Politiker wie Emmanuel Macron säten Zweifel an der Wirksamkeit des Präparats. Dann wurden auch noch gefährliche Blutgerinnsel im Gehirn als mögliche Nebenwirkung des Vakzins identifiziert. Soriot sitze „auf dem heißen Stuhl“ und er wisse das auch, sagte die französische Industrieministerin Agnès Pannier-Runacher vergangenen Monat.

Kein Wunder, dass in der City of London die Frage laut wurde, ob Soriot ausreichend Zeit in Großbritannien verbringt. Seine Verbündeten sind der Meinung, dass er die Nummer 2 der britischen Pharmabranche auch aus der Ferne sehr effizient führt. Soriots Abwesenheit „sendet nicht das richtige Signal oder die richtige Botschaft“, zitiert dage­gen der „Daily Telegraph“ den Fondsmanager Ketan Patel von Eden Tree Investment Management. „Wenn man die Daten betrachtet und sieht, dass die Chance, mit diesem Impfstoff ein Blutgerinnsel zu bekommen, bei 4 zu einer Million liegt, bei der Anti-Baby-Pille dagegen bei 4 in 10 000, muss diese Perspektive herausgestrichen werden“, bemängelt der Investor. Er könne nachvollziehen, wenn sich die Leute fragten: „Warum ist Pascal nicht hier?“

F&E statt Erbsenzählerei

Wie die „Daily Mail“ vom Unternehmen erfahren haben will, kehrt Soriot unmittelbar nach Lockerung der Ausgangsbeschränkungen zu­rück. Nachdem der ehemalige Chief Operating Officer und Leiter der Pharmasparte des schweizerischen Konkurrenten Roche Holding 2012 das Steuer von AstraZeneca übernommen hatte, setzte er die von Erbsenzählern heruntergewirtschaftete britisch-schwedische Ge­sellschaft wieder auf die Erfolgsspur. Er hauchte Lynparza, dem auf Eis gelegten Medikament gegen Eierstockkrebs, neues Leben ein und trieb die Entwicklung des Lungenkrebsmittels Tagrisso aggressiv voran. Statt auf Aktienrückkaufprogramme setzte Soriot, der über einen MBA der französischen Elitehochschule HEC Paris verfügt, auf Forschung und Entwicklung. Er investierte stark in die Volksrepublik China. Den Viagra-Hersteller Pfizer mit seinem 118 Mrd. Dollar schweren Übernahmeangebot ließ er unter Verweis auf die guten Perspektiven als eigenständiges Unternehmen abblitzen. Vermutlich machten ihm nach der Debatte dazu auch die Drohungen von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen mit einem Exportverbot keine große Angst mehr. „Medizin sollte nicht für die Medien praktiziert werden, sondern von Experten“, sagte Soriot einmal.

Die Ende vergangenen Jahres verkündete Übernahme der auf seltene Immunerkrankungen spezialisierten Alexion für insgesamt 39 Mrd. Dollar zeugt allerdings davon, dass es AstraZeneca nicht leicht fällt, ihr Expertentum in klingende Münze umzusetzen. Alexion wurde vor allem als Cash-Lieferant benötigt. Man darf gespannt sein, wie die Aktionäre am Ende über den Abstecher in die Impfstoffproduktion urteilen. Zumal das Unternehmen das Vakzin für die Dauer der Pandemie zum Selbstkostenpreis anbietet.