Grossbritannien

Brutaler Jahresauftakt im Einzelhandel

Eine Reihe von Pleiten und die Streichung von fast 15.000 Stellen – so sah das neue Jahr im britischen Einzelhandel bisher aus. Die Krise trifft auch den Online-Handel, der in der Pandemie florierte.

Brutaler Jahresauftakt im Einzelhandel

hip London

Der britische Einzelhandel hat einen brutalen Jahresauftakt hinter sich. Wie das Centre for Retail Research ermittelte, wurden seit Ende 2022 in der Branche 14 874 Stellen gestrichen. Die Schreibwarenkette Paperchase, die Textilkette M&Co und der Fliesenhändler Tile Giant verabschiedeten sich im neuen Jahr in die Insolvenz. Der Großteil der Jobverluste geht allerdings darauf zurück, dass große Unternehmen wie Tesco und Asda ihre Belegschaften reduzieren. Der Tiefkühl-Discounter Iceland, die Drogeriekette Boots und die Kaufhausketten House of Fraser und Marks & Spencer haben die Schließung von Niederlassungen angekündigt. Die steigenden Lebenshaltungskosten haben Iceland-Geschäftsführer Richard Walker zufolge dazu geführt, dass ein Teil der Kundschaft zu Tafelläden abgewandert ist.

Absatzvolumen schrumpft

Die vom Statistikamt ONS vorgelegten Zahlen zum Einzelhandel zeigen zwar, dass der Umsatz der Branche im abgelaufenen Jahr um 4,8 % gestiegen ist. Dieses Wachstum ging aber ausschließlich auf Preiserhöhungen zurück. Das Absatzvolumen schrumpfte um 3,3 %. Für das laufende Jahr wird vor dem Hintergrund der schwachen Wirtschaftsentwicklung – im Schlussquartal vermied das Land haarscharf eine technische Rezession – und der hartnäckigen Inflation eine ähnliche Entwicklung erwartet. Im Januar stieg der Einzelhandelsumsatz um 3,7 %. Aber wie schon in der jüngsten Weihnachtszeit wurde das Wachstum vom Preisauftrieb getragen. Der Absatz schrumpfte um 5 %.

Auch der Internethandel , der stark von der Pandemie profitierte, wird von der Krise nicht verschont (siehe Grafik). Sein Anteil am Gesamtumsatz der Branche ging dem ONS zufolge von 25,7 % im Dezember auf 25,0 % im Januar zurück. Damit lag er allerdings immer noch deutlich über den 19,8 %, die vor der Pandemie (im Februar 2020) erreicht worden waren. Beim Online-Lebensmittelhändler Ocado, der im Weihnachtsgeschäft glänzte, wechselten Kunden verstärkt zu preisgünstigeren Produkten. Die Zahl der bei einem Einkauf bestellten Produkte ging zurück.

Angesichts der rasanten Teuerung tobt unter den Supermarktbetreibern ein harter Preiswettbewerb. Discounter wie Aldi und Lidl profitieren davon, dass die Verbraucher ihr Geld zusammenhalten wollen. Die vor zwei Jahren vom Finanzinvestor Clayton, Dubilier & Rice übernommene Morrisons droht in diesem Wettkampf ins Hintertreffen zu geraten. Im vergangenen Jahr wurde sie bereits von Aldi von Platz 4 unter den größten Supermarktketten verdrängt. Wie „The Grocer“ ermittelte, kostete ein Warenkorb mit 33 alltäglichen Produkten bei Morrisons 18 % mehr als ein Jahr zuvor. Der Branchendurchschnitt hatte bei plus 13 % gelegen. Der Verbraucherschutzorganisation Which? zufolge ist Aldi der billigste Supermarkt in Großbritannien. Ein typischer Einkaufskorb koste ein Drittel weniger als in der Nobelkette Waitrose (John Lewis). Ocado blieb bei den Preiserhöhungen hinter den Wettbewerbern zurück, was zur Kundenbindung beigetragen haben dürfte. Allerdings gehört der einstige Börsenliebling zu den hochpreisigen Anbietern, die wenig Spielraum nach oben haben.