S&P-Studie

Energierechnung 1 Bill. Euro höher

Dass der Kreml den Gashahn der wichtigsten Pipeline Nord Stream 1 zugedreht hat, wird von Standard & Poor’s nun als dauerhafter Basisfall für die Bonitätsnoten eingestuft. Das werde den Druck auf die Preise sowie auf die Liquidität der Versorger noch erhöhen.

Energierechnung 1 Bill. Euro höher

cru Frankfurt

Nach einem heißen Sommer sehen die europäischen Strom- und Gasunternehmen nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) nun einem noch härteren Winter entgegen, nachdem der russische Staatskonzern Gazprom am 2. September mit Nord Stream 1 seine wichtigste Versorgungsroute nach Deutschland geschlossen hat. Bei voller Auslastung der Kapazität von 55 Mrd. Kubikmetern pro Jahr Anfang 2022 deckte die Pipeline 12% des europäischen Bedarfs. Seit Mitte Juni lag die Auslastung bei nur 20%.

Im aktualisierten Rating-Basisszenario betrachtet S&P die „unbefristete Schließung“ von Nord Stream 1 nun als dauerhaft. „Auch wenn sich die europäischen Winterlieferungen dadurch im Vergleich zum August nur um etwa 2% verringern, wirken sich alle marginalen Kürzungen exponentiell auf die Marktpreise aus, wie der zweistellige Preisanstieg vom Montag bestätigte“, sagt Emmanuel Dubois-Pelerin, S&P-Chefanalyst für europäische Energiekonzerne. „Wir haben bereits am 1. August unsere Annahmen für die TTF-Preise (European Title Transfer Facility) deutlich angehoben, und zwar auf ein Niveau, das weit über dem liegt, das bis Mitte 2021 vorherrschte.“

Der Angebotsdruck und das Bestreben der Regierungen, Gas um jeden Preis zu speichern, um die Versorgungssicherheit trotz der russischen Gaskürzungen zu erhöhen, seien nicht die einzigen Faktoren, die nach Einschätzung von S&P die sehr hohen Gas- und Strompreise in den nächsten Monaten weiter stützen würden.

Hinzu kommen die geringe Verfügbarkeit von Wasserkraftwerken in Südeuropa, die geringe Stromerzeugung aus französischen Kernkraftwerken, das langsame Hochfahren der Kohleverstromung und die zögerliche Drosselung des Verbrauchs in Privathaushalten und Unternehmen. Angesichts der begrenzten Versorgungsmöglichkeiten hänge die Wiederherstellung des europäischen Energiegleichgewichts nun davon ab, dass die Nachfrage im Einklang mit dem EU-Ziel von 15% für den Winter gesenkt wird.

Wer trägt die Finanzlast?

Die hohen Preise werden nach Einschätzung von S&P die ohnehin schon akute Frage verschärfen, wer die daraus resultierende massive finanzielle Belastung tragen soll. „Wir schätzen, dass die Energierechnung in Europa das Niveau von vor der Pandemie um weit über 1 Bill. Euro übersteigen wird“, sagt Dubois-Pelerin. Die Regierungen hätten in noch nie dagewesener Weise eingegriffen, um das Funktionieren des Marktes und bestimmte Versorgungsunternehmen zu unterstützen. Ganz Europa diskutiere in diesem September darüber, wie die Verbraucherpreise gedämpft werden können, und die Energieminister der EU werden voraussichtlich am Freitag (9. September) weitere Ankündigungen machen.

„Trotz der beispiellosen staatlichen Interventionen auf den Märkten und bei bestimmten Versorgungsunternehmen wird die unver­meidliche Neugestaltung des Gasmarktes komplex sein und birgt viele Risiken für die bewerteten Versor­gungsunternehmen in diesem Winter.“ Übergewinnsteuern (Windfall Taxes) könnten auch die Ertragsmöglichkeiten für die Stromerzeugung zu weitgehend festen Kosten bei nicht abgesicherter Produktion beeinträchtigen, fügt Dubois-Pelerin hinzu.

„Generell glauben wir, dass die europäischen Regierungen angesichts der massiven Nachschusspflichten von Versorgern für ihre derivativen Absicherungsgeschäfte auf den volatilen Strommärkten zunehmend bereit sind, die Liquidität an den Energiebörsen und bei den europäischen Versorgern gegen die massiven Bewegungen bei der Buchung von Sicherheiten zu unterstützen“, sagt Dubois-Pelerin.

Meistens Herabstufungen

Im Verlauf des Sommers habe es sich bei den meisten Ratingveränderungen um Herabstufungen gehandelt. Zu den am meisten gefährdeten Erzeugungstechnologien gehören nach Einschätzung von S&P die kommerzielle Wasserkraft, erneuerbare Energien, Kernkraft und Biomasse. Die Liquiditätsrisiken für Versorgungsunternehmen mit einem Ra­ting seien erheblich in diesem ex­tremen Preisumfeld, das zu hohen Nachschusspflichten bei Absicherungsgeschäften führe.

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