Firmenpleiten

Insolvenz­geschehen am Wende­punkt

Das Insolvenz-Paradox dürfte sich allmählich auflösen. Dazu trägt der Ukraine-Krieg samt der damit einhergehenden Inflationsbeschleunigung bei. Problematisch dabei: Zunehmend triff es größere Firmen.

Insolvenz­geschehen am Wende­punkt

ab Köln – Zwei Jahre lang haben die Firmen dank der üppigen staatlichen Hilfsmaßnahmen der Pandemie getrotzt. Waren die Insolvenzen in Westeuropa 2020 um mehr als ein Viertel zurückgegangen, reduzierte sich die Zahl der Firmenpleiten 2021 erneut um gut 5 % auf 110 451 Fälle, wie die Wirtschaftsauskunftei Credit­reform ermittelt hat. Das Insolvenzgeschehen als Gradmesser der wirtschaftlichen Gesamtlage hat seine Signalfunktion eingebüßt, be­klagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung. „Die aktuellen Insolvenzzahlen spiegeln die wahre wirtschaftliche Situation vieler Wirtschaftsbereiche nur unzureichend“, ergänzt Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer von Creditreform Österreich.

Doch wenngleich sich allmählich eine Veränderung der Situation abzeichnet, geht Hantzsch auch für das laufende Jahr in Westeuropa von weiter rückläufigen Insolvenzzahlen aus. Der Krieg in der Ukraine werde sich noch nicht in den Insolvenzstatistiken niederschlagen. Der Kreditversicherer Allianz Trade erwartetet dagegen schon im laufenden Turnus leicht anziehende Insolvenzzahlen. Weltweit werde mit einem Zuwachs um 10 % gerechnet, 2023 um 14 %. Hierzulande dürfte das Plus mit 4 % allerdings moderater ausfallen, geht aus der aktuellen Studie hervor. Erst im kommenden Jahr dürfte der Anstieg mit 10 % auf dann 16 130 Fälle größer sein. „Dennoch dürften die Fallzahlen auch Ende 2023 noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau liegen“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland.

Allerdings dürften in den kommenden Jahren größere Unternehmen von Insolvenz betroffen sein. Das sei die Folge von strukturellen Veränderungen und anhaltenden Schocks, unterbrochenen Lieferketten, gestiegenen Arbeitskosten sowie deutlich höheren Rohstoff- und Energiepreisen, zählt der Kreditversicherer auf. Das hatte sich schon 2021angekündigt. Obgleich die Insolvenzen in Deutschland das zwölfte Jahr in Folge zurückgingen, seien die Schäden auf ein Rekordniveau gestiegen. Nach den Angaben stieg die durchschnittliche Verschuldung der insolventen Unternehmen 2021 auf 3,4 Mill. Euro. „Unternehmen sollten sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Wenn es kracht, dann richtig“, verdeutlicht Bogaerts.

Druck auf Firmenbilanzen

Aufgelöst hat sich inzwischen auch das homogene Bild, das Westeuropa bislang abgab. „Die Hilfsmaßnahmen sind dauerhaft nicht durchzuhalten“, glaubt Hantzsch. Allein für Kurzarbeitergeld habe Deutschland bis dato 43 Mrd. Euro aufgewendet.

In Österreich ist der Wendepunkt im Insolvenzgeschehen bereits erreicht. Seit Spätsommer 2021 werden wieder steigende Insolvenzzahlen registriert. Allein im ersten Quartal 2022 sei die Zahl der Insolvenzen um 111 % geklettert, weiß Weinhofer. In Dänemark, Finnland, Griechenland, Großbritannien, Italien und der Schweiz wurden bereits 2021 mehr Insolvenzen gezählt. Die sich abzeichnende Zinswende in Kombination mit auslaufenden Hilfsmaßnahmen könnte den Druck auf die Unternehmen erheblich verschärfen, glaubt Hantzsch.

Aus Sicht von Restrukturierungsexperten liegt in der Inflation das Hauptrisiko für die Konjunktur. Wie aus der Distressed-M&A-Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte hervorgeht, gibt es erste Anzeichen einer sich verschärfenden Situation. Denn Inflationsdynamik, stockende Lieferketten und die Folgen des Ukraine-Kriegs verstärken den Druck auf die Firmenbilanzen. Ein Großteil der für die Studie befragten Experten rechnet daher schon ab der Jahresmitte mit einem signifikanten Anstieg von Insolvenzen und kriegsbedingten Firmentransaktionen. Der Krieg habe die Lieferkettenproblematik verschärft und zugleich zur Kostenexplosion bei Rohstoff- und Energiepreisen geführt. Zugleich bleibe der Transformationsbedarf in vielen Branchen hoch.

Private Equity hat Nase vorn

„Der Gedanke liegt nahe, dass diese Aspekte in den Gewinn-und Verlust-Rechnungen negative Auswirkungen zeigen, die Liquiditätsbestände der Unternehmen verringern und daher geradezu zwangsläufig die Anzahl von Distressed M&A-Fällen erhöhen müssten“, konstatiert Thomas Sittel, Managing Director bei Deloitte. Kein Wunder, dass zwei Drittel der für die Studie Befragten schon für das laufende Jahr einen spürbaren Anstieg der Distressed-Fälle vorhersagen. Ganz vorn stehen dabei Unternehmen aus den Branchen Tourismus, Automobil und Handel, die geringsten Zuwächse werden in der chemischen Industrie, der Telekommunikation sowie im Bank- und Versicherungsgewerbe erwartet. Auf der Käuferseite dürften sich nach der Befragung vor allem Private-Equity-Investoren tummeln, erst mit Abstand folgen strategische Investoren. Zugleich dürften sich die Bewertungen stabilisieren.

Bericht Seite 5

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