Merkel fordert Schulterschluss

Allianz aus Staat und Autoindustrie soll für schnellen Ausbau der Mobilitätsinfrastruktur sorgen

Merkel fordert Schulterschluss

BZ Frankfurt – Der Umbruch in der Mobilität sei eine “Herkulesaufgabe” für Staat und Industrie gleichermaßen, bei der eng zusammengearbeitet werden müsse, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag anlässlich der Eröffnung der Automesse IAA in Frankfurt. Die Branche stecke in der größten Umbruchphase seit Entwicklung des Autos. Sie verwies auf Neuerungen wie autonomes Fahren oder neue Technologien wie Elektroantriebe.Die Verlässlichkeit der Ladeinfrastruktur sei für den Erfolg der Elektromobilität von größter Bedeutung. 20 000 Ladepunkte seien noch lange nicht ausreichend. Einer Studie des europäischen Branchenverbands Acea zufolge gab es 2018 in der gesamten Europäischen Union weniger als 145 000 Ladepunkte für Elektroautos. 2030 würden mindestens 2,8 Millionen benötigt.Kritisch äußerte sich Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) auf seiner Facebook-Seite zu den steigenden Verkaufszahlen von Stadtgeländewagen: “Frankfurt braucht mehr Busse und Bahnen, aber nicht mehr SUVs.” Der Text ist überschrieben mit den Worten: “Die nicht gehaltene Rede zur IAA 2019.” Während Volkswagen-Chef Herbert Diess Kanzlerin Merkel auf der IAA den VW-Stand zeigte, stiegen mehrere junge Leute auf die Dächer von ausgestellten VWs und entfalten gelbe Transparente der Umweltorganisation Greenpeace. Darauf zu sehen waren ein stilisiertes brennendes Autos und der Slogan “Klimakiller”. Warnung vor IllusionenMerkel warnte in ihrer Rede vor Illusionen. Die Regierung müsse einen Dreiklang von Anreizen, CO2-Bepreisung und Ordnungsrecht beschließen, um die Klimaschutzziele 2030 zu erreichen, sagte sie auf der IAA, die in diesem Jahr von Protesten von Umweltschutzaktivisten begleitet wird. Das Ordnungsrecht, zu dem etwa gesetzliche Vorgaben für einen geringeren CO2-Ausstoß für Autoflotten gehören, werde aber zu höheren Auto-Preisen für Verbraucher führen, sagte Merkel.Derweil sprachen sich die Betriebsratschefs von BMW, Daimler und Volkswagen gegen eine Dämonisierung der Autoindustrie aus. “In der öffentlichen Diskussion bekommt man im Moment den Eindruck, das Auto sei nichts als ein einziges Risiko. In der Gefahrenskala liegt es irgendwo zwischen Ebola und nordkoreanischen Raketen”, sagte VW-Arbeitnehmervertreter Bernd Osterloh.Die Politik sieht sich mit immer lauteren Rufen aus der Branche nach Staatshilfe konfrontiert. Grünen-Chef Robert Habeck, der am Nachmittag in Frankfurt mit Daimler-Chef Ola Källenius diskutierte, forderte dagegen ein grundlegendes Umsteuern in der deutschen Automobil-Politik und ab 2030 nur noch die Zulassung emissionsfreier Pkw. “Bis dahin müssen jährlich steigende Quoten für emissionsfreie Autos den Weg ebnen”, sagte Habeck.Rund um die Ausstellung gab es heftige Kritik von Klimaschützern. Diese werfen der Autoindustrie vor, den Wandel zu emissionsfreier Elektromobilität nicht entschlossen genug voranzutreiben und weiter auf SUVs zu setzen. Die Stimmung ist zudem von einer sich eintrübenden Autokonjunktur geprägt. Zulieferer hatten berichtet, dass die Nachfrage nach klassischer Verbrennertechnik für Benzin- und Dieselmotoren teilweise zurückgehe.Schaeffler-Chef Klaus Rosenfeld dagegen erachtet den Umbruch eher als große Chance denn als Risiko. “Ich sehe den Wandel als große Chance, wenn man es jetzt richtig macht und das Unternehmen für die nächsten Jahre ausrichtet”, sagte Rosenfeld. Aus Sicht des Vorstandschefs des Auto- und Industriezulieferers aus dem fränkischen Herzogenaurach wird es die Zulieferbranche trotz der derzeitigen Branchenkrise auch im Jahr 2030 noch geben. Absagen machen IAA DruckDie IAA steht in diesem Jahr nach zahlreichen Absagen früherer Aussteller massiv unter Druck. Ein Vertrag zur Fortsetzung in den kommenden Jahren besteht nicht, wie der Branchenverband VDA als Veranstalter bestätigt. Umweltaktivisten wollen am Wochenende massiv gegen die Klimabelastung durch das Auto protestieren, wenn die Messe ihre Tore für die breite Öffentlichkeit öffnet.