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Redaktion

Um dieser verhängnisvollen Entwicklung gegenzusteuern, bedarf es eines Bündels an Maßnahmen - Ein Umdenken muss bereits in den Schulen einsetzen

Drei Mal im Jahr fragt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) die Unternehmer in Deutschland, worin sie ihre größten Geschäftsrisiken sehen. Mit inzwischen 61 % steht unangefochten der Fachkräftemangel an der Spitze. Die Sorge kommt nicht von ungefähr. Schon heute können 34 % der Betriebe nicht alle ihre angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Der Fachkräftemonitor der Industrie-Handelskammern (IHKs) in Nordrhein-Westfalen (NRW) prognostiziert allein für unser Bundesland für das Jahr 2030 einen Engpass von etwa 740 000 Fachkräften. Der Löwenanteil betrifft nicht Akademiker, sondern beruflich Qualifizierte.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Zunächst einmal wird das Reservoir an jungen Menschen, aus dem Unternehmen Fachkräfte gewinnen, kleiner. Nach vielen Jahren rückläufiger Geburtenzahlen schrumpft die Zahl derer, die die allgemeinbildenden Schulen verlassen. Im Jahr 2008 erreichten 223 000 junge Menschen in NRW einen Schulabschluss oder brachen die Schule ab. Im Jahr 2017 waren es nur noch 197 000 - ein Rückgang von knapp 12 %. Während immer kleinere Jahrgänge in den Arbeitsmarkt eintreten, wächst die Zahl derjenigen, die den Arbeitsmarkt am anderen Ende verlassen, also in die Rente gehen. Die geburtenstärksten Jahrgänge, die sogenannten "Baby-Boomer", werden sich etwa ab Mitte der 2020er Jahre in Richtung Ruhestand verabschieden.

Die zweite wesentliche Veränderung betrifft die Verteilung des "Fachkräftekuchens". Von den 2008er Schulabgängern verfügten in NRW 33 % über eine Hochschulzugangsberechtigung. Im vergangenen Jahr waren es 42 %. Bei (Fach-) Abiturienten hat die duale Ausbildung traditionell einen schweren Stand.

Folgerichtig hat sich das Verhältnis zwischen Studien- und Ausbildungsanfängern in Nordrhein-Westfalen umgedreht: Standen im Jahr 2010 in NRW noch knapp 125 000 neue Auszubildende gut 95 000 Erstsemestern gegenüber, waren es im Jahr 2016 knapp 125 000 Studienanfänger gegenüber knapp 115 000 Neuauszubildenden. Das Fatale dabei: Diese Entwicklung passt nicht zu den Bedarfen des Arbeitsmarktes, denn dort überwiegt die Suche nach beruflich qualifizierten Fachkräften.

Automatismus durchbrechen

Um diese verhängnisvolle Entwicklung umzukehren, muss bereits in den Schulen ein Umdenken einsetzen. Der immer noch vorherrschende Automatismus vom Gymnasium über das Abitur an die Universität muss durchbrochen werden. Die duale Ausbildung - insbesondere in Verbindung mit einem darauf aufbauenden Abschluss der höheren Berufsbildung etwa zum Industriemeister - sollte mehr als bisher als gleichwertige Alternative zum Studium wahrgenommen werden. Die Erwerbslosenquote von Absolventen der höheren Berufsbildung ist schon seit dem Jahr 2010 geringer als bei Hochschulabsolventen.

Die berufliche Orientierung der gymnasialen Oberstufe sollte deshalb mehr über Karrieremöglichkeiten informieren, die auf einer Ausbildung aufbauen. Zudem wäre eine größere Durchlässigkeit zwischen der beruflichen und der akademischen Bildung mit gegenseitiger Anerkennung von erbrachten Leistungen sinnvoll. Modelle, welche die Berufsausbildung mit dem Erwerb der Fachhochschulreife kombinieren, könnten ebenfalls dazu beitragen, dass die Ausbildung schon vor der Oberstufe als Alternative wahrgenommen wird.

Einstiegsqualifizierungen

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen diejenigen, die Unterstützung benötigen, um nach der Schule Anschluss zu finden. Für noch nicht (ganz) ausbildungsreife Jugendliche sind sogenannte Einstiegsqualifizierungen (EQ) der beste Weg, sie auf die Ausbildung vor-zubereiten. In betrieblichen Praxisphasen mit begleitendem Berufsschulunterricht erfahren sie einen geförderten Einstieg in das Berufsleben und können anschließend in eine Ausbildung übernommen werden.

Spezielle Unterstützungsleistungen sind bei Geflüchteten gefragt. Sinnvoll ist eine gezielte Hinführung zur Ausbildung. Der durchschnittliche Aufenthalt in Deutschland vor Ausbildungsbeginn liegt bei zwei Jahren. Diese Zeit sollte genutzt werden, um gegebenenfalls einen Schulabschluss nachzuholen, Deutsch zu lernen und Praxiserfahrungen im angestrebten Beruf zu erlangen. Auch hier erweisen sich EQ, gegebenenfalls in Verbindung mit Sprachkursen, als sinnvolles Mittel, um die Erfolgswahrscheinlichkeit der Ausbildung zu erhöhen.

Sowohl Unternehmen als auch Geflüchtete benötigen dabei Rechtssicherheit. Wer eine Ausbildung (oder besser: schon eine EQ) beginnt, sollte sich sicher sein können, dass er diese auch zu Ende bringen darf und im Erfolgsfall auch danach keine Abschiebung befürchten muss. Zudem sollten Geflüchteten dieselben Ausbildungsförderungen zur Verfügung stehen wie allen Auszubildenden.

Rein statistisch gesehen ist der Ausbildungsmarkt in Nordrhein-Westfalen zurzeit ausgeglichen. Zum Start des Ausbildungsjahres stehen unter dem Strich fast genauso viele unbesetzte Ausbildungsstellen wie unversorgte Jugendliche: Im Dezember 2017 waren es 7 324 erfolglose Bewerber und Bewerberinnen und 7 461 freie Ausbildungsstellen.

Um die unversorgten Jugendlichen mit den unbesetzten Stellen zusammenzubringen, ist mehr Flexibilität auf beiden Seiten gefragt. Ausbildungsplatzsuchende sollten weniger bekannte Berufe in den Blick nehmen. Eine tiefere Berufsorientierung ist hierfür notwendig. Manche Betriebe könnten sich mehr als bisher auf Auszubildende einlassen, die im Bewerbungsgespräch nicht zu 100 % überzeugen konnten, gegebenenfalls nach einer Kennenlernphase in einer EQ oder mit Unterstützung durch sogenannte ausbildungsbegleitende Hilfen. Schließlich sind Maßnahmen zur Steigerung der Mobilität von Auszubildenden gefragt. Ein günstiges und verbundübergreifendes Azubiticket wäre ein Anfang.

Modulare Nachqualifizierung

Eine weitere Zielgruppe sind diejenigen, die bereits über die Phase der Ausbildung hinaus sind, beziehungsweise diese ausgelassen haben. Für manche Arbeitnehmer und Arbeitsuchende ist das Absolvieren einer vollständigen Ausbildung ab einem gewissen Alter und damit verbundenen familiären Umständen keine gangbare Alternative mehr. Sofern sie das 25. Lebensjahr erreicht haben, sollte ihnen die Möglichkeit gegeben werden, sich modular in sogenannten Teilqualifikationen nachzuqualifizieren. Ziel sollte dabei jedoch stets sein, dass am Ende über eine Externenprüfung der vollwertige Berufsabschluss erreicht wird.

Ferner sollte es unser Ziel sein, die Erwerbsquote von Fachkräften zu erhöhen beziehungsweise die Grundlagen zu schaffen, damit alle Fachkräfte sich in dem Ausmaß am Arbeitsmarkt beteiligen können, wie sie es wünschen. Bei jungen Eltern sind zum Beispiel noch Potenziale zu heben. Die wirksamsten Stellschrauben hier könnten flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitausbildungen und ein flächendeckendes Ganztagsangebot in der Kinderbetreuung sein.

Bei älteren Fachkräften sowie Menschen mit Behinderungen sind es häufig körperliche Hemmnisse, die die Arbeit erschweren. Digitalisierung und Automatisierung bieten hier vielversprechende Chancen. Maschinen und Roboter als Hilfssysteme übernehmen bereits heute körperlich beschwerliche Teilaufgaben in Produktion und Logistik oder fungieren als Hilfssysteme im Dienstleistungsbereich.

Zuwanderung von Fachkräften

Schließlich ist das Vorhaben der Bundesregierung, die Einreise beruflich qualifizierter ausländischer Fachkräfte zu erleichtern, ein weiterer wichtiger Schritt zur Deckung des Fachkräftebedarfs. Menschen mit Berufsabschluss sollten, wie Hochschulabsolventen aus dem Ausland, schon zur Anerkennung des Berufsabschlusses sowie zur Arbeitsplatzsuche nach Deutschland kommen können.

Thomas Meyer, Präsident der IHK NRW, der Landesarbeitsgemeinschaft der 16 Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen

Börsen-Zeitung, 12.10.2018, Autor Thomas Meyer, Präsident der IHK NRW, der Landesarbeitsgemeinschaft der 16 Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen, Nummer 196, Seite B 6, 965 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2018196808&titel=Der-Fachkraeftemangel-bedroht-Unternehmen
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