ÖkonomenumfrageChristoph M. Schmidt

„Es besteht das Risiko, dass die Preise für Rohstoffe noch einmal kräftiger steigen“

Geopolitische Konflikte können die Rohstoffpreise wieder kräftig steigen lassen, meint Ökonom Christoph M. Schmidt im Interview der Börsen-Zeitung. Dennoch ist er optimistisch, dass die Inflation 2024 deutlich nachlassen sollte.

„Es besteht das Risiko, dass die Preise für Rohstoffe noch einmal kräftiger steigen“

Herr Schmidt, was ist aus Ihrer Sicht die überraschendste Nachricht, die von der geldpolitischen Sitzung der EZB ausging?

Die Entscheidung der EZB, die Zinsen unverändert zu lassen, ist keine Überraschung. Eine Senkung der Zinsen zum jetzigen Zeitpunkt käme in der Tat zu früh, da die Inflationserwartungen noch über dem Inflationsziel von 2% liegen.

Für wann rechnen Sie mit einer ersten Zinssenkung der EZB?

Wir rechnen mit einer ersten Zinssenkung im Frühjahr dieses Jahres. Bis dahin dürfte sich der Abwärtstrend bei den Inflationsraten wieder deutlicher zeigen.

Wie hoch ist aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass die EZB zu spät die Zinsen senkt?

Die Gefahr, die Zinsen zu spät zu senken, ist derzeit keinesfalls größer als die, sie zu früh zu senken.


Der Interviewte: Christoph M. Schmidt ist Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Von 2009 bis 2020 war er Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“), von März 2013 bis Februar 2020 dessen Vorsitzender.


Wie wird sich die Euro-Inflation 2024 entwickeln?

Wir erwarten zum Jahresbeginn eine vorübergehend höhere Inflationsrate, die im Verlauf des Jahres aber zurückgeht. Für den Jahresdurchschnitt 2024 erwarten wir eine Inflationsrate von 2,3%.

Was ist derzeit das größte Aufwärtsrisiko für die Inflation?

Angesichts der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten besteht das Risiko, dass die Preise für Rohstoffe noch einmal kräftiger steigen. Dies betrifft nicht nur die Preise für Öl und Gas. Der jüngste Anstieg der Energiepreise ging ebenfalls mit einem Anstieg der Preise für Rohstoffe einher, die für die Energiewende benötigt werden.

Kann die Eurozone eine Rezession in diesem Jahr vermeiden?

Es ist nicht auszuschließen, dass das BIP im ersten Quartal noch einmal leicht zurückgeht. Ab dem Frühjahr rechnen wir allerdings mit einer allmählichen Erholung der Konjunktur.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ein?

Die deutsche Wirtschaft dürfte schwach in das Jahr 2024 starten. Weder vom Außenhandel noch von der Binnennachfrage sind kurzfristig Impulse zu erwarten. Ab dem Frühjahr dürfte aber auch hier eine Erholung einsetzen. Mit dem Rückgang der Inflation und den vergleichsweise hohen Lohnabschlüssen werden die real verfügbaren Einkommen in diesem Jahr voraussichtlich deutlich steigen und den privaten Konsum stützen. Im Zuge der zu erwartenden Zinssenkungen dürften auch die Investitionen wieder etwas stärker ausgeweitet werden.

Das Interview führte Martin Pirkl



Mehr zum Thema:

Einen analytischen Bericht zum Zinsentscheid der EZB können Sie hier nachlesen. Einen Kommentar zur jüngsten Kommunikation der Notenbank finden Sie hier.

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