Konjunkturtableau

Ökonomen setzen auf 2022

Ökonomen haben das laufende Jahr bereits abgeschrieben. Zu sehr belasten die Folgen der Corona-Pandemie, vor allem die Logistikprobleme, Materialengpässe und gestiegenen Kosten.

Ökonomen setzen auf 2022

ba Frankfurt

Unterm Strich trauen Ökonomen der deutschen Wirtschaft in diesem und im kommenden Jahr ein ordentliches Wachstum zu. Auch mit Blick auf die Inflation zeigen sie sich entspannt und rechnen – im Gegensatz zu den Märkten – mit keinem allzu baldigen Zinsschritt der Europäischen Zentralbank (EZB) (siehe auch Bericht Seite 5).

Das aktuelle Konjunkturtableau der Börsen-Zeitung und des Mannheimer Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeichnet allerdings die Prognoserevisionen der vergangenen Wochen deutlich nach: Angesichts der rasant anschwellenden herbstlichen Coronawelle, der anhaltenden Lieferprobleme und der rasanten Preissteigerungen auf allen Ebenen sind die Wachstumserwartungen für 2021 niedriger, die für 2022 aber höher als zuvor.

Ursächlich für die deutlichen Revisionen sind insbesondere die Lieferengpässe, die die Industrieproduktion massiv belasten. Laut Ifo-Institut, das die Industrieunternehmen regelmäßig zu Engpässen und Problemen bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen befragt, hat sich die Lage im Oktober zwar geringfügig verbessert. 70,4% der Unternehmen, nach 77,4% im September, sind demnach betroffen. „Von einer Entspannung kann aber nicht gesprochen werden“, mahnte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Die meisten Betriebe erwarteten, dass die Probleme noch acht Monate andauern werden. Daher planten viele Unternehmen, an der Preisschraube zu drehen. „Wir sehen, wie sich die Preiserhöhungen durch die gesamte Wirtschaft ziehen“, sagte Wohlrabe.

Dies bekommen auch die Verbraucher zu spüren. Im Oktober kletterte die Inflationsrate auf 4,5%, und Ökonomen erwarten zum Jahresende hin sogar eine 5 vor dem Komma. Die Medianprognose für das Gesamtjahr 2021 ist im aktuellen Tableau um 0,3 Prozentpunkte auf 3,0% und für 2022 um 0,2 Punkte auf 2,1% erhöht worden.

Für den Euroraum haben die Auguren die Inflationsprognosen zwar ebenfalls angehoben – für 2021 auf 2,3 (zuvor: 2,0)% und für 2022 auf 1,9 (1,6)%. Doch sind diese demnach immer noch mit dem EZB-Zielwert von 2,0% vereinbar. „Basierend auf diesen Prognosen könnte die EZB ihre ultralockere Geldpolitik immer noch damit begründen, dass noch keine übermäßige Inflationsentwicklung vorliege. Angesichts der dynamischen Aufwärtsentwicklung der letzten Monate könnte die EZB jedoch schnell in große Erklärungsnot geraten, wenn sie die geldpolitischen Zügel nicht bald wieder strafft“, kommentierte Schröder.

Mit Blick auf das Wirtschaftswachstum hierzulande hat sich die zeitliche Verschiebung der erwarteten starken Erholung von diesem auf das kommende Jahr fortgesetzt. Die Medianprognose für das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt für das laufende Jahr nun bei einem Plus von 2,7%. Im Oktober erwarteten die Auguren noch 3,4%, zu Jahresbeginn waren es sogar 4,0%, wie ZEW-Experte Michael Schröder sagt. Auf Sicht von zwei Jahren habe sich allerdings nicht allzu viel verändert, da die BIP-Prognosen für 2022 gleichzeitig angehoben wurden. Aktuell werden 4,6% avisiert, nach 4,4% im Oktober und 3,2% zu Jahresbeginn.

Wenn man die Prognosen für 2021 und 2022 zusammen betrachtet, dann liegt das vorhergesagte BIP-Wachstum aktuell bei 7,4%. Vergangenen Monat betrug das prognostizierte Zweijahreswachstum 7,9% nach 7,3% im Januar. Mit dieser zeitlichen Verschiebung erhöhe sich allerdings die Unsicherheit, mahnte Schröder, da sich die Treffergenauigkeit von BIP-Prognosen für längere Zeithorizonte erheblich verschlechtere. Sollten die Produktionsprobleme nicht im Laufe der nächsten Monate geringer werden, „könnte sich die BIP-Prognose für 2022 schnell als reiner Hoffnungswert darstellen, der mit der Realität nur wenig zu tun hat“, sagte Schröder.

Der Blick auf das Tableau zeigt auch, dass in diesem Jahr positive Wachstumsimpulse vom Außenhandel, von den Anlageinvestitionen und dem Staatskonsum zu erwarten sind. Obwohl die Lage auf dem Arbeitsmarkt derzeit solide ist und das GfK-Konsumklima just vor dem startenden Weihnachtsgeschäft kauffreudige Verbraucher erwarten lässt, bleiben die privaten Haushalte in den Augen der Ökonomen außen vor. Zumindest in diesem Jahr. 2022 sollen sie dann wieder ihrer Rolle als Wachstumsstütze gerecht werden.

Konjunkturtableau Deutschland
  2. Quartal3. QuartalPrognose 2021Prognose 2022
2019202020212021TiefMedianHochTiefMedianHoch
Volkswirtschaftliche Daten
Bruttoinlandsprodukt10,6− 4,91,91,8*2,32,74,03,54,65,3
Privatkonsum11,6− 6,13,2− − 0,80,01,33,94,77,3
Staatskonsum12,53,31,8− 0,51,52,9− 0,20,02,0
Anlageinvestitionen12,5− 3,10,5− 0,51,84,01,02,74,8
Exporte10,9− 9,40,5− 3,56,115,62,53,88,0
Importe11,9− 8,52,1− − 3,7− 0,411,1− 4,3− 1,17,6
   letzter Wert      
Verbraucherpreise21,40,54,5 (Oktober)*2,33,03,11,12,12,7
Arbeitslosenquote35,05,95,2 (Oktober)3,75,76,13,25,26,1
Zinsen und ZinsdifferenzenIn 3 MonatenIn 12 Monaten
3-Monats-Geld3−0,36− 0,43− 0,57− 0,6− 0,5− 0,5− 0,6− 0,5− 0,5
10-jährige Anleihen3− 0,14− 0,57− 0,17− 0,3− 0,20,0− 0,5− 0,10,1
USA/Eurozone, langfristig3, 4205151172170178195170185195
USA/Eurozone, kurzfristig3, 426910771306375306377
Eurozone lang/kurz3, 4221440203555546185
Redaktionsschluss: 3. November; Tagesdaten vom 2. November1) real gegen Vorjahr bzw. Vorquartal in %; 2) gegen Vorjahr in %; 3) Werte für 2019 und 2020 sind Jahresdurchschnitte, letzter Wert der Zinsen und Zinsdifferenzen sind Stände vom Vortag; 4) in Basispunkten *) vorläufige Schätzung
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