Im InterviewMarkus Ferber, CSU

„Das ist mit zu heißer Nadel gestrickt“

Erstmals seit 2015 gab es jüngst Bewegung im EU-Gesetzgebungsverfahren für eine EU-Einlagensicherung. Der CSU-Abgeordnete Markus Ferber kritisiert, dass ein Kompromiss im „Hopplahopp-Verfahren“ erarbeitet wurde.

„Das ist mit zu heißer Nadel gestrickt“

„Das ist mit zu heißer Nadel gestrickt“

Erstmals seit 2015 gab es jüngst Bewegung im EU-Gesetzgebungsverfahren für eine EU-Einlagensicherung. Der zuständige Ausschuss des EU-Parlaments hat für einen Kompromiss votiert. Der CSU-Abgeordnete Markus Ferber stimmte dagegen – auch, weil er das „Hopplahopp-Verfahren“ kritisiert.

Herr Ferber, im Wirtschafts- und Währungsausschuss wurde vor wenigen Tagen ein Kompromissvorschlag zur EU-Einlagensicherung beschlossen. Ist nun der Weg frei für eine vergemeinschaftete Vollversicherung der Spareinlagen?

Nein. Denn es ist ja immerhin gelungen, einen sehr umfassenden Katalog von Bedingungen zu formulieren, der erfüllt sein muss, bevor man über die zunächst vorgesehene Stufe der Liquiditätsunterstützung hinaus einen weiteren Schritt hin zu einem vergemeinschafteten Ansatz macht: So sind etwa die Sonderregeln für Frankreich hinsichtlich der Zielausstattung infrage gestellt. Auch müssten, bevor man einen nächsten Schritt geht, erst noch Maßnahmen zur Risikoreduzierung beschlossen werden. Also das ist kein Automatismus hin zu einer Vollversicherung.

Trotzdem sind Sie alles andere als glücklich über das Votum?

Ja, denn erstens habe ich die Sorge, dass die EU-Kommission das Votum missbrauchen kann, um weitergehende Vorschläge für die EU-Einlagensicherung zu machen. Und zweitens halte ich den Umfang der möglichen Liquiditätsunterstützung für viel zu groß. Immerhin sollen ja Mittel im Umfang von 0,4% der gedeckten Einlagen in den EU-Fonds überführt werden und stünden dann als Liquiditätshilfe zur Verfügung. Wenn dann ein Land in eine größere Schieflage kommt, wird es Probleme haben, eine Hilfe in dieser Größenordnung – so wie es ja vorgeschrieben ist – wieder zurückzuzahlen. Das ist mit zu heißer Nadel gestrickt – das war ein Hopplahopp-Verfahren.

Sie hätten also lieber eine niedrigere Ausstattung für den EU-Fonds ge- sehen?

Ja. Für eine angemessene Liquiditätsunterstützung hätte ein deutlich geringerer Betrag ausgereicht. Nehmen Sie das Beispiel Frankreich: Frankreich sichert überhaupt nur 0,5% der gedeckten Einlagen ab. Wenn es künftig 0,4% in den Liquiditätspool weiterreichen muss, dann sind die französischen Einlagen nicht mehr gesichert. Das ist nicht wirklich ein Beitrag, um einen Bank Run zu verhindern.

In der Debatte wurden auch Vorbehalte wegen mangelnder Konsistenz von EDIS und anderen EU-Vorgaben geäußert.

Ja, wir haben momentan ein Riesenproblem. In den vergangenen Tagen haben wir die erste Lesung für das Gesetzespaket Krisenmanagement und Einlagenschutz, kurz CMDI, abgeschlossen. Das jüngste Votum in Sachen EDIS steht im Widerspruch zu dem, was wir bei CMDI beschlossen haben. Insofern muss man sich ohnehin einmal überlegen, wie sinnvoll es ist, EDIS voranzutreiben, solange wir noch mit dem Rat über das Krisenmanagement-Paket verhandeln.

Das EU-Parlament hat sich vor wenigen Wochen auch zur Retail Investment Strategy positioniert. Ist damit ein Provisionsverbot nun endgültig vom Tisch?

Ich denke, die Parlamentsposition ist deutlich und klar, nämlich: kein Provisionsverbot! Auch kein verdecktes! Wir sind einen anderen Weg gegangen mit einem Benchmark-Modell. Die Mitgliedstaaten wären gut beraten, sich am Parlamentsbeschluss zu orientieren. Aber die EU-Staaten sind bislang, was das Thema beratungsfreier Vertrieb angeht, noch auf einem anderen Weg.

Sind Sie zufrieden, dass im EU-Parlament eine Mehrheit gegen das Provisionsverbot gestimmt hat?

Ja, ich bin froh darüber, dass eine große Mehrheit des EU-Parlaments meine Sicht teilt. Denn im Vorfeld musste ich Anfeindungen erleben. Nun ist klar: Ich habe alles andere als Einzelinteressen vertreten.

Die Legislaturperiode neigt sich dem Ende zu. Was ist im Bereich der Finanzmarktregulierung in dieser Amtsperiode gelungen?

Auf der Habenseite steht sicherlich die Finalisierung von Basel III und das Aufsichtsrecht für Versicherer. Also CRR, CRD und Solvency II, alles das hatten wir ja in den vergangenen Tagen abschließend im Plenum. Da haben wir bewiesen, dass wir in der Lage sind, im Bereich der Banken- und Versicherungsaufsicht maßvoll nach vorne zu gehen.

Und wo hätten Sie sich mehr gewünscht?

Was zu kurz kam, ist das Thema Kapitalmarktunion. Wir müssen uns überlegen, ob wir uns nicht lösen sollten von der Konzentration auf die Harmonisierung von Produkten. Nehmen Sie etwa das paneuropäische Pensionsprodukt: Das ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Wir sollten vielmehr stärker in den infrastrukturellen Bereich gehen. Dazu müssen wir aber Mehrheiten dafür haben, beispielsweise das Euro-Clearing wieder zurückzuholen. Den Franzosen ist es ja scheinbar lieber, das Euro-Clearing bliebe in London.

Wie steht es mit den umfassenden Regeln im Bereich Nachhaltigkeit?

Die notiere ich im Rückblick ebenfalls auf der Negativseite. Durch Nachhaltigkeitsregulierung und -reporting sind die größten bürokratischen Lasten für die Finanzbranche entstanden. Ich glaube nicht daran, dass man CO2-Reduktion durch Dokumentation erreicht, sondern durch Investition. Wir müssen daher Anreize geben, schmutzige in saubere Technologien fortzuentwickeln. Stattdessen hat man fest zementiert, dass möglichst viel Geld in grüne Technologien fließt. Da werden wir ein Umdenken benötigen.

Womit wird sich das neue EU-Parlament im Herbst zunächst beschäftigen?

Zunächst einmal stehen noch eine ganze Reihe von Level-2-Maßnahmen aus, die im Aufsichtsrecht, im Nachhaltigkeitsreporting oder in der MifiR angelegt sind. Entbürokratisierung wird deshalb nicht ganz einfach werden. Denn der Gesetzgeber muss ja diese delegierten Rechtsakte liefern. Andererseits nehme ich selbst in der EU-Kommission wahr, dass es Überlegungen über eine regulatorische Pause gibt.

Und welches Thema wird auf der Agenda oben stehen?

Die Kapitalmarktunion. Die Frage, wie wir den Finanzbinnenmarkt konkret voranbringen können, hat zuletzt ja auch bei den Staats- und Regierungschefs eine gewichtige Rolle gespielt. Ich plädiere dafür, dass wir uns dabei zunächst einmal weniger auf Maßnahmen für den Privatanleger konzentrieren, sondern uns darum kümmern, die Voraussetzungen zu schaffen, dass wieder mehr Börsengänge in Europa stattfinden.

Das Interview führte Detlef Fechtner.

Im INTERVIEW: Markus Ferber

Der CSU-Europaabgeordnete über den Kompromiss zur EU-Einlagensicherung sowie über Provisionsverbote und Nachhaltigkeitsvorgaben

Das Interview führte Detlef Fechtner.

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