Streik

Der Preis der Inflation

Hohe Preissteigerungsraten haben nicht nur negative Auswirkungen auf volkswirtschaftliche Kennziffern, sondern beeinträchtigen auch den sozialen Frieden. Das lässt sich nächsten Montag beobachten. Die Verkehrsgewerkschaften rufen zu einem Streik, den es so in Zeiten niedriger Inflation vermutlich nicht gegeben hätte.

Der Preis der Inflation

Am Montag steht Deutschland still – so lautet die Ansage der Gewerkschaften Verdi und EVG für den „Mega-Streiktag“. „Das hat es in dieser Form noch nie gegeben“, lautet der erste Satz in der Erklärung der Gewerkschaften. In der Tat steuert Deutschland auf eine außergewöhnliche Situation zu. Im Zugverkehr, im Schiffsverkehr und im Flugverkehr droht der Stillstand – und selbst der Autofernverkehr dürfte beeinträchtigt werden. Denn die Beschäftigten der Autobahngesellschaft sind aufgerufen, sich zu beteiligen. Verdi-Chef Frank Werneke prophezeit be­reits „Einschränkungen im Bereich von Tunnelverbindungen“ – was immer das konkret bedeuten wird.

Die Warnung eines Arbeitgeberlobbyisten vor „französischen Verhältnissen“ ist zwar polemisch – auch, weil am Montag nicht mit brennenden Autoreifen zu rechnen ist. Aber im Vergleich zu anderen Streiks in Deutschland erscheint der Stil des Arbeitskampfes rabiater und aggressiver. Das hat damit zu tun, dass die zentrale Verkehrsinfrastruktur zum Erliegen gebracht werden soll. Die Hebelkraft der Beschäftigten in der Verkehrsbranche ist schlichtweg größer als die von anderen Gewerkschaften.

Viel wird jetzt über die Angemessenheit der Mittel diskutiert. Fluglinien, Flughäfen und Bahn sprechen von einer „maßlosen“ Aktion. Betroffene Reisende werden dem zustimmen. Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Immerhin liegt es in der Natur der Sache eines Arbeitskampfs, dass eine Seite der jeweils anderen Unangemessenheit im Vorgehen vorwirft. Anders gesagt: Es kommt selten vor, dass Arbeitgeber einen Streik als „maßvoll“ einstufen.

Ökonomen haben weitgehend einvernehmlich erklärt, dass der volkswirtschaftliche Bremseffekt des angekündigten Streiktags überschaubar bleiben dürfte. Die Minderung der Jahresarbeitszeit je Arbeitnehmer habe in vergleichbaren Fällen deutlich unter der Promillegrenze gelegen. Ein nennenswerter negativer Effekt auf die Wirtschaftsleistung Deutschlands in diesem Jahr wird daher nicht erwartet.

Es gibt jedoch einen anderen Aspekt, der sorgenvoll stimmen sollte. Die Gewerkschaften begründen ihre zweistelligen Ge­haltsforderungen, denen sie mit dem Streik nun Nachdruck verleihen wollen, mit Verweis auf „schmerzhaft“ hohe Energiepreise und steigende Lebensmittelpreise. Die in die Höhe geschossene Inflation spielt somit eine entscheidende Rolle, dass aktuell zwischen den Vorstellungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern über das Lohnplus eine Differenz von mehr als 5 Prozentpunkten klafft. Das macht eine Verständigung der Tarifparteien natürlich schwerer als in Zeiten niedriger Lebenshaltungskosten.

Die Diskussionen über den angemessenen geldpolitischen Kurs der Notenbanken konzen­trieren sich oft auf Zinsdifferenzen, Rezessionsrisiken oder Markterwartungen. Dabei wird manchmal ausgeblendet, dass eine stabile Preisentwicklung auch den sozialen Frieden befördert. Oder andersherum gesagt: Inflation hat nicht nur einen wirtschaftlichen Preis, sondern auch einen politischen. Der nächste Montag bietet Anlass, Notenbanker daran zu erinnern, dass es sehr gute Gründe gibt, der Inflation weiter entschlossen gegenzusteuern – trotz Bankenbeben und Abschwungrisiken.

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