Ratingagenturen

Gefahr von Zahlungs­ausfällen steigt

Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen wirken sich auf die Haushalte vieler Staaten aus. Die sind bereits durch die Corona-Pandemie belastet. Es drohen Zahlungsausfälle – und politische Unruhen.

Gefahr von Zahlungs­ausfällen steigt

Von Anna Steiner, Frankfurt

Der russische Überfall auf das Nachbarland Ukraine hat nicht nur Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit der beiden Kriegsparteien, sondern wirkt sich längst auch auf andere Weltregionen aus. Das trifft insbesondere Schwellen- und Entwicklungsländer, die aufgrund der Ausgaben im Zuge der Coronavirus-Pandemie ohnehin bereits mit ihrer Kreditwürdigkeit kämpfen.

Das zeigen die Ratingentwicklungen von allen großen Agenturen. Russland selbst wurde im März auf Ramschniveau heruntergestuft (Fitch: C), ein Zahlungsausfall war demnach zu diesem Zeitpunkt sehr wahrscheinlich. Bis Anfang April zogen allerdings alle drei großen Ratingagenturen, Fitch, Moody’s und S&P, ihre Ratings zur Kreditwürdigkeit des Landes zurück: Die EU-Kommission hatte im Zuge ihrer Sanktionen das Geschäft mit russischen Emittenten untersagt, um Russland den Zugang zu westlichen Kapitalmärkten zu erschweren.

Ende Juni stellte Moody’s formal den Zahlungsausfall Russlands fest: Zinsen für Staatsanleihen bei internationalen Investoren waren nicht fristgerecht beglichen worden. Grund sind die Sanktionen. Unter normalen Umständen ist Russland kein Fall für eine Staatspleite, weil die Staatskasse voll ist und die Schulden – etwa 20 % der Wirtschaftsleistung – niedrig sind. Der Staatshaushalt erzielte laut Finanzministerium im ersten Halbjahr 2022 ein Plus von umgerechnet mehr als 20 Mrd. Euro.

In einigen Schwellenländern sieht es anders aus. Alvise Lennkh, Analyst bei Scope Ratings, erklärt: „Handel, Energie, Tourismus und Finanzen sind die Hauptkanäle, über die die Auswirkungen des Krieges und der Sanktionen gegen Russland auf andere Länder übergreifen, inmitten der allgemeinen Unsicherheit über die Dauer des Konflikts, mögliche Zweitrundeneffekte und die Folgen für Unternehmen und das Verbrauchervertrauen.“ Seit der Pandemie sind viele Länder mit erhöhtem fiskalischem Druck, einem ungünstigen Wachstums-Inflations-Mix und enormen Schuldenständen konfrontiert, was zu Herabstufungen der Kreditratings führt. Hinzu kommt, dass viele dieser Staaten eine hohe Importabhängigkeit in Sachen Energie und Nahrungsmittel aufweisen. Die seit Monaten rapide steigenden Kosten dafür (siehe Grafik) treffen nun auf diese bereits in Schieflage geratenen Länderhaushalte. „Viele Volkswirtschaften der Welt sind erschöpft. Wir haben einen starken Dollar und ungeheuer hohe Preise für Lebensmittel“, warnte der Chef des Berliner Büros der UN-Welthungerhilfe, Martin Frick, im Interview der Börsen-Zeitung (vgl. BZ vom 23. Juni).

Den Anfang machte Mitte April Sri Lanka: Das Land stellte die Zahlungen an ausländische Anleihegläubiger ein. Die großen Ratingagenturen stuften den Inselstaat sogleich herab auf die vorletzte Stufe: Für Sri  Lanka wird es nun immer teurer, seine Schulden zu finanzieren. 50 Mrd. Dollar haben sich im Ausland angehäuft. In der vergangenen Woche wurde der Verkauf von Treibstoff an Privathaushalte eingestellt, am vergangenen Samstag demonstrierten Hunderttausende gegen Misswirtschaft, Korruption und gegen „Gota“, wie die Bevölkerung den Präsidenten Gotabaya Rajapaksa nennt. 95 Menschen wurden verletzt, der Präsidentenpalast gestürmt, das Haus des Premierministers brannte ab.

Weitere Zahlungsausfälle sind wahrscheinlich. Die Zahl der Schwellenländer mit Staatsanleihen, die auf notleidendem Niveau handeln, hat sich im vergangenen halben Jahr einer Bloomberg-Erhebung zufolge mehr als verdoppelt. Betroffen sind demnach 237 Mrd. Dollar an Anleihen in der Hand ausländischer Gläubiger, die womöglich bald nicht mehr bedient werden. Größere Staaten wie China, Indien oder Brasilien können auf Devisenreserven zurückgreifen und weisen robuste Außenhandelsbilanzen auf. Kleinere Länder stehen deutlich schlechter da.

Nicht nur die direkten Folgen für Finanzmärkte und Staatshaushalte treiben Ökonomen die Sorgenfalten auf die Stirn. Die Analysten von Moody’s etwa ziehen Parallelen zu den Preisschocks in der Folge des Kollapses des globalen Finanzsystems im Jahr 2008. In vielen Ländern mit niedrigem Einkommen waren wirtschaftliche Instabilität und soziale Unruhen die Folge – etwa in Tunesien, Ägypten und Kamerun, wo Volksproteste aufgrund der hohen Preise für Lebensmittel und Öl letztlich zum Arabischen Frühling und zum Sturz bestehender Regime in den Folgejahren führten.

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