Klimaschutz

Klimawandel gefährdet Wohlstand

Die derzeitigen Klimaschutz-Maßnahmen weltweit reichen nicht aus. Bis zu 3 Prozent könnte die internationale Staatengemeinschaft bis 2050 an Wachstum einbüßen, wenn sie nicht mehr unternimmt.

Klimawandel gefährdet Wohlstand

Von Anna Steiner, Frankfurt

Der Klimaschutz ist zurück auf der Tagesordnung. Jetzt, da die dritte Coronawelle nahezu überall auf der Welt abebbt, ist Platz für andere drängende Themen. Eine neue Studie des Analysehauses Oxford Economics rechnet vor, dass der Klimawandel, sollte die Staatengemeinschaft nicht schneller in die Gänge kommen, das weltweite Wachstum um 3% reduzieren könnte (siehe Grafik). Die Internationale Energieagentur (IEA), die am Mittwoch ihren neuesten Bericht vorlegte, mahnt eine Verdreifachung der Investments in saubere Energien bis 2030 an. Und einige Länder stecken sich neue Ziele: Frankreich will den Klimaschutz in die Verfassung aufnehmen, die deutsche Bundesregierung legte ein Klimaschutz-Sofortprogramm vor, und selbst Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro will mehr für die Umwelt tun (siehe Texte auf dieser Seite).

Doch obwohl an vielen Stellschrauben für mehr Klimaschutz gedreht wird, reichen die aktuell ergriffenen Maßnahmen noch nicht aus, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, wie es das Pariser Klimaabkommen von 2015 vorsieht. Auf der Internetseite des Climate Action Tracker lässt sich nachvollziehen, welche Fortschritte es bislang gab. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bereits 2020 war die Erde 1,2 Grad wärmer als im vorindustriellen Zeitalter. Verfolgt die Staatengemeinschaft nur ihre aktuellen Ziele, wird sich die Erderwärmung bis 2100 auf 2,1 bis 3,9 Grad belaufen.

Eine Gefahr ist Oxford Economics zufolge etwa der unkoordinierte Einsatz unterschiedlicher Instrumente. Eine zu invasive CO2-Steuer kombiniert mit der eingeschränkten Verfügbarkeit erneuerbarer Energien würde einen „substanziellen ökonomischen Schaden“ provozieren, schreiben die Forscher. Um das zu verhindern, müsste eine aggressive Steuerpolitik, die den inflationären Druck deutlich erhöhen würde, einhergehen mit dem Ausbau erneuerbarer Energiequellen und hohen Investitionen in die Energieeffizienz – und das möglichst bereits gestern. Denn wie das pessimistische Szenario der Forscher zeigt, wirkt sich jedes weitere Zögern der Politik negativ auf das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus. Dem Thinktank zufolge könnte das weltweite BIP bis 2050 um bis zu 3% niedriger ausfallen. Ein noch schwärzeres Bild malt die Prognose des Network for Greening the Financial System (NGFS). Der Schätzung des Zusammenschlusses von 83 Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden zufolge könnte das BIP weltweit sogar um 6% niedriger ausfallen, wenn nicht schleunigst koordinierte Maßnahmen ergriffen werden.

Mehr Effizienz gefordert

Am effizientesten ist den Wissenschaftlern zufolge die Kombination aus mehr erneuerbaren Energien, dem vollständigen Kohleausstieg und Investitionen in die Energieeffizienz. Der Weg dorthin könne geebnet werden durch eine CO2-Steuer, die den Elektrizitätssektor wettbewerbsfähiger mache.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die Internationale Energieagentur. Das Jahr 2020 sei ein verlorenes Jahr gewesen. Zwar würden die weltweiten Energie-Investments im laufenden Jahr voraussichtlich um 10% steigen und damit die Corona-Flaute nahezu wettmachen. „Aber die Ausgaben für saubere Energie müssen viel schneller steigen, um die Klimaziele zu erreichen“, betonte die IEA am Mittwoch.

Wohlwollend registriert die IEA, dass im klimaschonenden Strombereich anhaltend mehr investiert wird. 2021 könnte demnach das sechste Jahr in Folge sein, in dem die Investments in den Stromsektor jene in die Öl- und Gasversorgung übersteigen. Besonders die erneuerbaren Energien profitieren von diesen finanziellen Zuflüssen. 70% der Strominvestments fließen in die Erzeugung von grünem Strom. In den Kraftwerksbereich dürften dieses Jahr 820 Mrd. Dollar fließen und damit 5% mehr als bisher. Das wäre ein Allzeithoch.

Auf dem Weg zum Null-Emissionen-Ziel 2050 sei aber noch vieles zu schaffen, betonte IEA-Direktor Fatih Birol: „Basierend auf unserer neuen ‚Net Zero Roadmap‘ müssen sich die Investitionen in saubere Energien bis 2030 verdreifachen.“ Neben mehr finanziellen Ressourcen gelte es zudem, neue Technologien zu erforschen. Denn nach wie vor sei Kohle vielerorts ein Grundpfeiler der Energie- und Stromversorgung.