Arbeitskräftenachfrage

Regierung dementiert großen Fachkräfte­mangel

Die Bundesregierung sieht keinen flächendeckenden Fachkräftemangel. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag hervor. Das IW Köln widerspricht: Die Regierung habe bei ihrer Berechnung zwei Fehler gemacht.

Regierung dementiert großen Fachkräfte­mangel

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat einer Darstellung der Bundesregierung widersprochen, wonach der Fachkräftemangel nicht flächendeckend sei. Anlass für die Mitteilung war eine Kleine Anfrage der Linke-Fraktion im Bundestag. Der Bundesregierung zufolge gibt es bei 118 von 144 Berufsgruppen laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) mehr Arbeitslose als gemeldete Stellen. Die Schlussfolgerung des Bundesarbeitsministeriums: Es müsste in vielen Bereichen ausreichend Fachkräfte geben. „Die Logik hat gleich mehrere Haken“, monierte Sabine Köhne-Finster, Referentin im Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) des IW.

„Wie die Bundesregierung darlegt, kann von einem umfassenden Fachkräftemangel beziehungsweise allgemeinen Arbeitskräftemangel in Deutschland nicht gesprochen werden“, heißt es auf der Seite des Bundestags. Grundlage für diese Einschätzung sind demnach aktuelle Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Der IAB-Stellenerhebung zufolge waren im dritten Quartal 2022 rund 1,82 Millionen offene Stellen zu besetzen. Dem standen im Dezember rund 2,45 Millionen Arbeitslose gegenüber.

Das jedoch ist dem IW zufolge ein methodischer Denkfehler. Denn längst nicht jede offene Stelle wird von der BA erfasst, „gerade in Mangelberufen wie der Pflege gibt es oft deutlich mehr Nachfrage als Stellenausschreibungen“, erklärte IW-Expertin Köhne-Finster. Zudem ist der Anteil der gemeldeten Stellen in den vergangenen Jahren durch die verstärkte Nutzung von Online-Stellenportalen kontinuierlich gesunken. Das IAB selbst geht von einer 44-prozentigen Erfassung aus. Das heißt: Nur etwas mehr als vier von zehn offenen Stellen tauchen in der offiziellen Statistik auf. Die tatsächliche Arbeitskräftenachfrage liegt demnach deutlich über dem von der Bundesregierung veranschlagten Wert von 1,82 Millionen.

Die Stellungnahme Berlins widerspricht auch den Erfahrungen der Unternehmen, die immer weniger passende Bewerbungen erhalten. Die Erklärung des IW ist erneut statistischer Natur: In den Berufsgruppen der offiziellen Statistik werden Berufe mit ähnlicher fachlicher Ausrichtung, aber unterschiedlicher Qualifikation zusammengefasst. Beispielsweise seien Uhrmachergehilfen und Waffen- oder Maschinenbauingenieure in derselben Berufsgruppe ausgewiesen, auch wenn sie ganz unterschiedliche Tätigkeiten ausübten, heißt es vom IW. „Bei der Berechnung von Fachkräftelücken ist es daher wichtig, nicht nur Berufsgruppen, sondern auch Berufe und ihr Qualifikationsniveau zu betrachten“, forderte Köhne-Finster.

Auf Grundlage eines differenzierten Vergleichs von offenen Stellen und Arbeitslosen für jeden einzelnen Beruf hat das KOFA berechnet, dass die Fachkräftelücke ohne Helfertätigkeiten bereits 533000 Stellen umfasst. Die IW-Statistiker haben dabei nicht nur die (grobe) fachliche Ausrichtung berücksichtigt – wie in der offiziellen Statistik der BA –, sondern auch die konkret erforderliche Qualifikation und die Tätigkeit der ausgeschriebenen Stellen. Das Ergebnis: Der IW-Berechnung zufolge gab es im Dezember 2022 in 959 von 1300 Berufen mehr offene Stellen als Arbeitslose. Zudem ergab die Untersuchung, dass in 107 von den offiziellen 144 Berufsgruppen in mindestens einem der zugehörigen Berufe eine Fachkräftelücke besteht. Zwar ging dem KOFA-Fachkräftereport zufolge die Fachkräftelücke im Jahresschlussquartal zurück, sie befindet sich aber nach wie vor auf einem bedenklichen Niveau.

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