Konjunktur

Verbraucher schieben Wachstum an

Konsumfreudige Verbraucher haben das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal kräftig angeschoben. Ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft aber zeigen sie angesichts der vierten Coronawelle und der hohen Inflation Nerven.

Verbraucher schieben Wachstum an

ba Frankfurt

Mitten im Weihnachtsgeschäft verlieren die deutschen Verbraucher ihre Konsumlust. Das sind nicht nur schlechte Nachrichten für den Handel, für welchen November und Dezember die zwei wichtigsten Monate im Jahr sind, sondern auch für die Konjunktur insgesamt. Im dritten Quartal etwa hat der Privatkonsum dafür gesorgt, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,7% zum Vorquartal gewachsen ist, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Donnerstag mitteilte – und damit die vorherige Schätzung von 1,8% revidierte. Während die privaten Haushalte 6,2% mehr als im Vorquartal ausgaben, bremsten Staatskonsum (–2,2%), Investitionen in Ausrüstungen (–3,7%) und Bauten (–2,3%) sowie der Außenhandel das Wachstum (siehe Grafik).

Vor allem die Dienstleistungsbereiche profitierten von den Sommermonaten, in denen die Pandemie nur vermindert zu spüren war. Den Wiesbadener Statistikern zufolge nahm insbesondere die Bruttowertschöpfung im Bereich sonstige Dienstleister merklich zu, zu dem unter anderem die Bereiche Unterhaltung und Erholung zählen (+13,5%). Dementsprechend werden sich hauptsächlich hier die Folgen der vierten Coronawelle zeigen. Dazu brauche es noch nicht einmal einen Lockdown, mahnt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. „Alleine das wieder vorsichtigere Agieren der Verbraucher führt zu einer Erosion der Umsätze im Hotel- und Gaststättengewerbe und des stationären Einzelhandels“, so Gitzel.

Dass die Verbraucher vorsichtiger werden, lässt sich am Konsumklima ablesen, das die GfK für Dezember mit –1,6 Punkten prognostiziert. Im November stand das Barometer bei revidiert 1,0 (zunächst 0,9) Zählern. „Das Konsumklima wird gegenwärtig von zwei Seiten in die Zange genommen“, erklärte GfK-Experte Rolf Bürkl. Zum einen sei es die vierte Coronawelle mit der Furcht vor weiteren Einschränkungen, zum anderen lasse die Inflationsrate von aktuell 4,6% (HVPI) die Kaufkraft der Verbraucher dahinschmelzen. „Dies dämpft die Aussichten für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft etwas.“ Den Nürnberger Konsumforschern zufolge verzeichneten sowohl die Konjunktur- und Einkommenserwartung als auch die Anschaffungsneigung zum Teil deutliche Einbußen. Zudem steige die Sparneigung wieder. Die Sparquote liegt derzeit ohnehin auf einem hohen Niveau, denn während der vergangenen Lockdowns gab es schlicht kaum Möglichkeiten, Geld auszugeben. Im dritten Quartal lag die Sparquote laut Destatis bei 10,7%. Im zweiten Vierteljahresabschnitt waren es noch 16,3% und im dritten Quartal des vergangenen Jahres 13,1%.

Überall Lieferprobleme

Doch „selbst wer sein Geld ausgeben will, kann das nicht ohne Weiteres tun“, betonte Jörg Zeuner, Chefvolkswirt bei Union Investment. „Denn die Lieferengpässe belasten das Angebot, und die Eindämmungsmaßnahmen halten manche Menschen von den Geschäften fern.“ Dies belegen auch die Google-Mobilitätsdaten – zuletzt waren 10% weniger Menschen in den Läden als in Vor-Corona-Zeiten, und die Tendenz ist weiter rückläufig. Doch selbst der Online-Handel, der in den letzten beiden Monaten des Jahres mehr als ein Viertel seines gesamten Jahresumsatzes erzielt, ist von den möglichen Lieferengpässen bei Waren aus Fernost betroffen. Die Kunden sollten sich auf eine begrenzte Auswahl einstellen, schreiben die Ökonomen der DZBank in einer Studie. „Und das dürfte nicht allein die bereits seit vielen Monaten kaum erhältlichen Spielkonsolen und Fahrräder betreffen.“ Der deutsche Einzelhandelsverband HDE rechnet dennoch mit einem versöhnlichen Jahresausklang. Im November und Dezember sollen die Umsätze 2% zulegen und damit ein neues Rekordniveau von fast 112 Mrd. Euro erreichen.

Die Chancen stehen gut, denn auch wenn die Verbraucher die Einkommensaussichten derzeit weniger rosig einschätzen, stützt doch die gute Lage am Arbeitsmarkt. Gemessen am IAB-Arbeitsmarktbarometer, das im November um 0,8 auf 104,0 Punkte sank, werde „sich die Aufwärtsentwicklung am Jobmarkt zwar etwas abkühlen“, ein größerer Rückschlag in der vierten Coronawelle werde aber auch nicht erwartet, erklärte IAB-Experte Enzo Weber.

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