Freihandel

Wie Europa produktiver werden kann

Die Europäische Union ist der offenste Wirtschaftsraum der Welt und erlaubt einen nahezu ungehinderten Handel. In puncto Produktivität wurden ebenfalls Fortschritte gemacht, es ist aber noch Luft nach oben.

Wie Europa produktiver werden kann

Als offenster Wirtschaftsraum der Welt ermöglicht der Binnenmarkt der Europäischen Union einen nahezu ungehinderten Handel sowie den freien Personen- und Kapitalverkehr zwischen mehr als 30 Ländern. Dennoch finden die Fortschritte bei der Integration und Öffnung durch weitere Handelsabkommen angesichts der Infragestellung von Globalisierungsvorteilen in der Öffentlichkeit vergleichsweise wenig Beachtung: So wurden die Abschlüsse von EU-Freihandelsabkommen mit Japan, Kanada und Vietnam kaum kommentiert, während der Handelskrieg zwischen den USA und China fast ständig für Schlagzeilen sorgte.  

Dabei hat die EU außergewöhnlich viele Handelsabkommen mit anderen Ländern oder Regionen geschlossen und liegt in Bezug auf den Gesamthandel in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vor China und den USA. Dies gilt selbst dann, wenn man den EU-Binnenhandel nicht miteinbezieht. Diese Offenheit der EU zeigt weltweit Wirkung, insbesondere auch mit Blick auf ihre Rolle als Importeur aus den Schwellenländern. So kann Europa aufgrund dieser Haltung von der globalen Konjunkturerholung – die von China und den USA als zwei ihrer wichtigsten Handelspartner angeführt wird – profitieren, die bestehende Produktivitätsschwäche abmildern und damit das eigene Wirtschaftswachstum vermutlich auch über die Konjunkturerholung hinaus stützen.  

Offenheit und Produktivität

Eine Studie zur offenen Handelspolitik der EU beschäftigt sich mit der Frage, ob die Zusammenhänge zwischen Offenheit und Produktivität quantifizierbar sind – und wenn ja, welche wirtschaftlichen Auswirkungen damit einhergehen. Zunächst einmal zeigt die Forschung, dass Handel und Produktivität innerhalb der EU positiv korrelieren, was mit bestehenden länderübergreifenden Studien übereinstimmt. Länder mit größeren Handelsströmen – etwa Belgien und die Niederlande – sind gemessen in Prozent des BIP tendenziell produktiver. In Übereinstimmung mit diesen Ergebnissen verzeichneten die EU-Volkswirtschaften, die seit der globalen Finanzkrise und der europäischen Staatsschuldenkrise erhebliche Produktivitätssteigerungen erzielen konnten, auch einen starken Anstieg der Bruttohandelsströme.  

Im Rahmen dieser Entwicklung haben Länder in peripheren Regionen der EU wie Portugal und Spanien, die während der Staatsschuldenkrise stark unter Druck standen, eine bemerkenswerte Wende vollzogen. Die erzielten Steigerungen in Handel und Produktivität spiegeln strukturelle Veränderungen insbesondere in Bezug auf die Produktmarktregulierungen wider, die nachhaltig zu sein scheinen. Die Daten liefern zwar keine kausalen Beweise, zeigen aber, dass die offeneren Volkswirtschaften der EU tendenziell produktiver sind und Produktivitätsverbesserungen mit einer größeren Offenheit einhergehen.  

Basierend auf den Arbeiten von Égert und Gal lassen sich die langfristigen Auswirkungen von Produktmarktregulierung und Offenheit auf die Produktivität einzuschätzen. Anhand des Stichprobenzeitraums mit jährlichen Daten von 1995 bis 2018 und der Ländergruppe von 20 EU-Mitgliedstaaten lässt sich erkennen, dass ein Abbau der Produktmarktregulierung die Produktivität ebenso steigert wie eine größere Offenheit.

Die Ergebnisse mögen angesichts des schwachen Produktivitätswachstums in der EU seit der Finanzkrise überraschen. So ist die Faktorproduktivität in der ersten Hälfte der Stichprobe um schätzungsweise 13,5% gestiegen, seit 2008 jedoch nur um 4,3%. Jedoch bleiben in der Analyse weitere Faktoren – wie etwa die Demografieentwicklung –, von denen ebenfalls anzunehmen ist, dass sie die Produktivität belasten, unberücksichtigt. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass das Wachstum der Totalen Faktorproduktivität ohne Produktmarkt- und Offenheitsreformen wahrscheinlich deutlich schwächer ausgefallen wäre.

Stärke durch offene Märkte

Die kürzlich verabschiedete Handelsstrategie der Europäischen Kommission unterstreicht deren Ambitionen, die Handelsbeziehungen insbesondere mit den Entwicklungsländern in Afrika, Lateinamerika und im asiatisch-pazifischen Raum weiter auszubauen. Nach 20 Jahren Verhandlungen würde das Abkommen mit dem Handelsblock Gemeinsamer Südamerikanischer Markt (Mercosur), das wegen strittiger Punkte in den Bereichen Landwirtschaft und Umwelt noch nicht ratifiziert wurde, das bisher größte Freihandelsabkommen der EU darstellen. Doch derzeit ist das Abkommen auf Eis gelegt – und vor den eben erst abgehaltenen Wahlen in Deutschland und den in Frankreich anstehenden Wahlen im kommenden Frühjahr sind weitere Fortschritte, zunächst mit Blick auf Europa, unwahrscheinlich.

Dennoch sieht die Europäische Kommission die EU als eine der größten Volkswirtschaften und Handelsblöcke der Welt gut aufgestellt, um die Zukunft des globalen Handels zu gestalten. Gemeinsam verabschiedete EU-Vorschriften dürften dazu dienen, die Handelsbeziehungen für die kommenden Jahre zu festigen. Das Streben nach einer offenen strategischen Autonomie wird aus unserer Sicht den Einfluss und die „sanfte Macht“ der EU stärken – nicht zuletzt, indem sie weiter daran arbeitet, ihre eigenen Regulierungspraktiken in den anderen Regionen der Welt zu etablieren.

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