Aktienkultur

Deutsche greifen wieder zur Aktie

Rekordhohe 12,9 Millionen Deutsche sind am Aktienmarkt investiert, und die Anleger sind reifer und informierter geworden. Allerdings sind nach wie vor zu viele Deutsche nicht am Aktienmarkt engagiert.

Deutsche greifen wieder zur Aktie

Auf 12,9 Millionen ist im zurückliegenden Jahr die Zahl der Bundesbürger, die entweder direkt oder indirekt über ETFs und aktive Fonds in Aktien investiert sind, gestiegen. Damit wurde der bisherige Höchststand des Jahres 2001, der nach der Dotcom-Blase erreicht wurde, leicht übertroffen. Doch nicht allein die Tatsache, dass laut der Erhebung des Deutschen Aktieninstituts (DAI) ein Rekord aufgestellt worden ist, ist bemerkenswert. Der stark gestiegene Zuspruch, auf den die Aktie wieder bei den Deutschen stößt, wirkt erstaunlich, wenn man die Umstände in Betracht zieht.

Schocks schrecken nicht ab

Zur Jahrtausendwende setzte unter dem Eindruck des Platzens der Dotcom-Blase und des Desasters des Neuen Marktes eine Flucht der deutschen Anleger aus Dividendentiteln ein, die die gesamte erste Dekade des Jahrtausends anhielt. Der Tiefpunkt wurde nach einem weiteren Desaster, der Großen Finanzkrise, 2010 mit 8,4 Millionen Aktionären erreicht. Nachdem die Zahl der Aktionäre im Jahr 2014 nochmals auf 8,4 Millionen zurückgefallen war, setzte 2015 ein Aufschwung ein, der sich in den letzten Jahren beschleunigte. Dabei war gerade dies mit der Pandemie und dem Angriff Russlands auf die Ukraine eine Zeit weiterer großer Krisen, von denen man erwarten könnte, dass sie die deutschen Anleger wieder verscheuchen würden. Auch der sehr abschreckende Wirecard-Betrugsskandal fiel in diese Zeit.

Der Umstand, dass die Aktie trotzdem wieder stärker gefragt ist und die Anleger eben nicht in Scharen weggerannt sind, zeigt an, dass sich einiges verändert hat. „Neuaktionäre nutzen offenbar die Kurskorrekturen von Dax, Dow Jones und Co. für den Einstieg in den Aktienmarkt“, so das DAI anlässlich der Veröffentlichung der Aktionärszahlen. „Gleichzeitig reagieren erfahrene Aktiensparerinnen und Aktiensparer gelassen und bleiben investiert.“ Es hat erkennbar ein Reifeprozess stattgefunden, Anleger sind heute informierter und haben ein besseres Verständnis von der Aktie.

Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Situation um die Jahrtausendwende. Viele Menschen wurden in den 90er Jahren durch den mit großen Werbekampagnen – mit großer Präsenz auch im Fernsehen – orchestrierten Börsengang der Deutschen Telekom zu Anlegern, vielfach ohne Vorstellung von der Funktionsweise des Aktienmarktes. Es folgte ein weiterer kräftiger Schub durch den Höhenflug des Neuen Marktes. Die rasanten Kurssteigerungen lockten weitere Menschen in den Aktienmarkt, die in der Hoffnung, schnell reich werden zu können, und ohne jegliche Kenntnis und Risikobewusstsein zugriffen.

Langfristig und diversifiziert

Allerdings gibt es auch heutzutage Anleger, die aus Unkenntnis schwere Fehler begehen, etwa den, große Summen auf eine einzelne Aktie zu setzen. Etliche Fälle, in denen Anleger auf den Hype um Wirecard aufgesprungen sind, sorgten nach deren Kollaps für Aufsehen und wurden in den Medien aufgegriffen. So schlimm das für die Betroffenen auch ist, repräsentativ ist es für die heutigen Anleger nicht. Das Gegenteil trifft zu, wie eine vor rund einem Jahr veröffentlichte DIW-Econ-Studie zeigt, die vom Neobroker Trade Republic beauftragt wurde. Befragt wurden Kunden des Neobrokers, der vor allem von jungen Anlegern, die maßgeblich hinter dem jüngsten Anstieg der Aktionärszahlen stehen und zu einem signifikanten Teil erstmals investieren, genutzt wird. Danach handelt es sich bei dem Zulauf, den Neobroker derzeit erfahren – und das ist ein bedeutender Unterschied zum Boom des Neuen Marktes – eben nicht um einen Hype, bei dem die Anleger zum Zocken verführt werden. Vielmehr investieren 72% der für die Studie Befragten langfristig und mit dem Ziel, zu ihrer Altersvorsorge beizutragen. Erstmalige Anleger investieren in diversifizierte und wenig riskante Produkte. Nur 34% legen großen Wert auf schnelle Gewinne. 60% des Kapitalvermögens werden in Aktien und 26% in ETFs angelegt. Riskante Derivate kommen nur auf 2%. Das Anlegerverhalten, so die Autoren der Studie, zeige, dass die Neobroker-Kunden langfristig investieren und auch das notwendige Finanzwissen haben, um entsprechend ihren Motiven und Wünschen anzulegen.

„Die deutschen Anleger sind reifer geworden“, sagt Gerrit Fey, Leiter Fachbereich Kapitalmärkte des DAI. „Hinzu kommt eine neue Generation Anleger, die begreift, dass sie für die eigene Altersvorsorge etwas tun muss. Die Anleger haben verstanden, dass man das mit Aktien erreichen kann und das Aktien langfristig gesehen nicht riskant sind. Die Scheu vor der Aktienanlage geht sukzessive zurück, auch bei der älteren Generation.“

Neue Medien und Angebote

Der starke Zustrom gerade junger Anleger in den Aktienmarkt – laut dem DAI kamen 2022 rund 826000 neue Anleger hinzu, von denen fast 600000 unter 30 Jahre alt waren – geht mit technologischen Veränderungen sowie mit neuen Medien und Angeboten seitens der Finanzbranche einher beziehungsweise wird von diesen Veränderungen befördert. „Es war noch nie so leicht, Aktien zu kaufen“, so Fey. „Anleger können das heute mit ein paar Fingerwischs auf dem Handy tun. Neue Anbieter, aber auch traditionelle Finanzdienstleister haben einfache Zugänge geschaffen, beispielsweise über Smartphone-Apps. Die technologische Entwicklung spielt eine wichtige Rolle. Die junge Generation ist gut informiert. Dazu trägt auch das hohe Interesse an Finanzthemen in den sozialen Medien bei. Es gibt eine ausgeprägte Szene von Influencern und Chat-Gruppen, die sich mit Finanzthemen beschäftigt. Dort werden die jungen Menschen auf Augenhöhe informiert. Die neuen Medien holen Jugendliche und junge Erwachsene da ab, wo sie sich informieren: am Handy.“

Sparplan stark gefragt

Eine wichtige Rolle hat in den zurückliegenden Jahren allerdings auch das Umfeld extrem niedriger Renditen und damit der Mangel an Alternativen zur Aktie gespielt. Dieses Umfeld ist nun nicht mehr vorhanden, weil es wieder Zinsen gibt. Fey glaubt aber nicht, dass dies das gesteigerte Interesse wieder zurückdrehen wird: „Das Niedrigzinsumfeld hat zu dem gestiegenen Interesse beigetragen. Dennoch bin ich optimistisch, dass in einem normalisierten Zinsumfeld das Aktieninteresse stabil bleiben wird.“ Auch das veränderte Verhalten der Anleger stimmt Fey zuversichtlich. „Anders als früher, als stärker die Story einzelner Aktien im Mittelpunkt stand, setzen heute viele Aktiensparerinnen und -sparer als Grundinvestments auf einen Sparplan mit Fonds oder ETFs. Kurzfristige Schwankungen am Aktienmarkt spielen bei einem solchen Langfristinvestment und mit regelmäßigen Sparraten keine Rolle.“

So positiv die Entwicklung auch ist: Dass nun 18,3% der über 14-jährigen Deutschen am Aktienmarkt investiert sind, bedeutet eben auch, dass mehr als 80% es leider nicht sind. Deutschland ist noch weit davon entfernt, ein Land der Aktionäre zu sein, der Anteil der Investierten an der Bevölkerung liegt weit unter dem Anteil etwa in angelsächsischen und skandinavischen Ländern. Das liegt auch daran, dass es hierzulande keine staatliche Aktien einbeziehende Altersvorsorge gibt. Insofern kommt dem Vorhaben der Ampel-Koalition, das zu ändern, für die Weiterentwicklung große Bedeutung zu. An die Stelle der ursprünglich angedachten Aktienrente ist aber mittlerweile das Generationenkapital genannte Konzept eines steuerfinanzierten Topfs getreten, der das Rentensystem stützen soll. Das ist kein Ansatz, der größere Bevölkerungskreise zu eigens am Aktienmarkt aktiven Menschen machen kann.

Das DAI sieht dennoch eine positive Entwicklung, einen ersten Schritt zur kapitalmarktgestützten Altersvorsorge, der sich letztlich auch positiv auf die Aktienkultur auswirken könnte. „Die Politik beginnt, den Kapitalmarkt nicht mehr als Problem, sondern als Problemlöser zu begreifen“, so Fey. „Hier stellt sich langsam ein Wandel ein. Sie sollte das Momentum des gestiegenen Aktieninteresses in der Bevölkerung jetzt durch eigene Maßnahmen stützen. Wenn der Vorschlag des Generationenkapitals beherzt und mit deutlich mehr Mitteln umgesetzt wird, hilft das nicht nur bei der Stabilisierung der Rente. Wenn wir perspektivisch zu einer Beitragsfinanzierung gelangen, wird sich auch das Interesse der Bevölkerung an der Aktienanlage verändern. Allerdings wird das ein langfristiger Prozess sein, wie beispielsweise Schweden zeigt.“

Von Christopher Kalbhenn, Frankfurt

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