LeitartikelBlick auf 2024

Realitäts-Rendezvous mit Risiken

Ein Jahr verläuft selten wie gedacht. 2024 wird Unerwartetes bereithalten. Auch weil wichtige Weichenstellungen anstehen.

Realitäts-Rendezvous mit Risiken

Realitäts-Rendezvous mit Risiken

Von Sebastian Schmid

Ein Jahr verläuft selten wie gedacht. Auch 2024 wird Unerwartetes bereithalten. Umso wichtiger, die Perspektive zu wahren.

Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität“, hat der jüngst verstorbene ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble einmal gesagt. Wenn dem so ist, war das Rendezvous für die Ampel-Koalition bislang ein äußerst unerfreuliches. Um im Bild der romantischen Verabredung zu bleiben: Viele der in Berlin schön aufgemalten Pläne für das Date mit den Bürgern sind am Ende so gar nicht aufgegangen. Da war das vergeigte Gebäude-Energie-Gesetz, das erst mehrfach modifiziert wurde, um dann wirkungslos zu verpuffen. Und kurz vor Jahresschluss ließ das Bundesverfassungsgericht dann noch den Traum platzen, man könne mit umgewidmeten Kreditermächtigungen aus der Coronakrise bei Klimaschutz und Transformation schön auf dicke Hose machen.

Das abgelaufene Jahr war also in vielerlei Hinsicht eine politische Pleite. Aber muss das auch für 2024 gelten? Nein. Es gibt keinen Grund, mit einer derart pessimistischen Einstellung ins neue Jahr zu starten. So eröffnet fast jede Krise auch neue Perspektiven. Beispiel Elektromobilität: Wie groß war das Gejammer in der Automobilindustrie über das plötzliche Wegbrechen der Umweltprämie. Praktisch über Nacht hatte die Regierung der Verkaufsförderung für E-Autos nach dem Verfassungsgerichtsurteil den Stecker gezogen. Die Folge: Die Autobauer beeilten sich, die staatliche Förderlücke schnell selbst zu schließen. Damit zog endlich der Preiswettbewerb ein, der zuvor künstlich unterdrückt worden war.

Und man kann schlecht behaupten, dass die Umweltprämie der deutschen Autoindustrie überhaupt geholfen hat. Die Verkaufsförderung im Heimatmarkt hat dafür gesorgt, dass Autos gebaut wurden, die preislich nah an den Fördergrenzen positioniert waren, um diese maximal ausnutzen zu können. Derweil wurden die Fahrzeuge verglichen mit denen fernöstlicher Wettbewerber oder gegenüber den Tesla-Modellen sukzessive zu teuer – mit entsprechenden Absatzproblemen als Folge.

Dass die Preise in wettbewerbsintensivem Umfeld purzeln, hat man im vergangenen Jahr in China gesehen, wo VWs ID.3 zumindest temporär zu einem Einstiegspreis von umgerechnet 16.000 Euro zu haben war. In Deutschland wird das Fahrzeug, wenn auch etwas anders ausgestattet, mit der kleineren Batterie erst ab knapp 40.000 Euro angeboten. Kein Wunder, dass die Sorge vor chinesischen Wettbewerbern wächst, die in den europäischen Markt drängen. Ein Rendezvous mit der Realität droht 2024 nicht nur der Politik, sondern auch den Unternehmen der Automobilindustrie.

Aber nicht immer folgt auf ein Realitäts-Rendezvous auch Ernüchterung. Gerade wenn man sich die Zukunft in den schlimmsten Farben ausmalt, kommt es zuweilen besser als befürchtet. So ist den Aktienmärkten für 2023 ein mehr oder weniger gebrauchtes Jahr vorausgesagt worden. S&P500 oder Dax 40 wurden Tiefs bei 3.200 bzw. 10.000 Zählern prognostiziert. Ersterer markierte sein Jahrestief tatsächlich aber nur bei 3.780, Letzterer bei 13.871 Punkten. Kurz vor dem Jahreswechsel stehen sie bei 4.780 bzw. rund 16.700 Zählern. Auch die Öl- und Gaspreise hätten infolge des Ukraine-Kriegs in Europa durch die Decke gehen sollen. Nicht umsonst wurden von der Politik Preisdeckel beschlossen. Mittlerweile haben sich die Preise aber wieder von ihren Höchstständen entfernt. Und eine Rückkehr zu diesen ist, das Ausbleiben eines Flächenbrandes in Nahost vorausgesetzt, erst einmal unwahrscheinlich.

Stattdessen gibt es Grund für Zuversicht. Jene, die sich schon länger beschweren, Politik und Gesellschaft würden sich zu sehr mit Randthemen und zu wenig mit der Wirtschaft befassen, sollten aufatmen. Wettbewerbsfähigkeit, Energiesicherheit, Preisstabilität, Ausgabenpriorisierung, Migration und Technologie-Regulierung – schon lange standen nicht mehr so viele wirtschaftlich zentrale Themen in Europa oben auf der Agenda wie derzeit. Sicherlich auch, weil in der vergangenen Dekade so manches Rendezvous mit der Realität wegen akuter Krisen aktiv gemieden wurde. 2024 dürfte daher ein Jahr der Weichenstellungen werden. Diese sind natürlich mit Risiken behaftet. Umso wichtiger, dass sie beherzt angegangen werden. Zögerlichkeit gab es in der Vergangenheit genug.

2024

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