Italien

„Wanderprediger“ Cottarelli geht in die Politik

Mit fast 68 Jahren wagt Carlo Cottarelli, einer der bekanntesten Ökonomen Italiens, den Sprung in die Politik. Er will Abgeordneter der Sozialdemokraten werden.

„Wanderprediger“ Cottarelli geht in die Politik

Von Gerhard Bläske, Mailand

Carlo Cottarelli hat schon länger über einen Einstieg in die Politik nachgedacht. Mit fast 68 Jahren bewirbt er sich nun für den sozialdemokratischen PD bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus am 25. September um ein Mandat.

Im Mai 2018 wäre er beinahe Premierminister geworden. Staatspräsident Sergio Mattarella hatte ihn mit der Bildung einer technischen Regierung beauftragt. Doch er gab den Auftrag nach viertägigen Sondierungsgesprächen zurück, denn die rechtspopulistische Lega und die 5-Sterne-Bewegung einigten sich auf die Bildung einer Regierung. Cottarelli arbeitete weiter als Professor an der Katholischen Universität Mailand, wo er auch das Institut für öffentliche Finanzen leitet. Cottarelli ist Gastprofessor an der Universität Bocconi, tritt regelmäßig im Fernsehen auf, schreibt Beiträge für die Zeitung „La Stampa“ und manchmal für „La Repubblica“. Außerdem hat er viele Bücher veröffentlicht.

Der ehemalige IWF-Ökonom ist einer der bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler des Landes und auch für ausländische Medien zu sprechen. Seine Kandidatur für den PD überrascht. Schließlich hat er ein Programm für Azione, die Partei des linksliberalen Politikers Carlo Calenda, erarbeitet, der das Bündnis mit den Sozialdemokraten gerade aufgekündigt hat. Cottarelli begründet seine Entscheidung damit, dass Italien an einer politischen und ökonomischen Weggabelung steht. „Jeder von uns muss sich engagieren, um unser Land in die richtige Richtung zu bringen: die des Fortschritts.“

Cottarelli, der nach einem Wirtschaftsstudium in Siena an der London School of Economics studierte, danach für die Banca d`Italia und den Mineralölkonzern Eni arbeitete, bevor er zum IWF in die USA ging, vertritt linksliberale Positionen. Der Ökonom bezeichnet sich selbst als „Wanderprediger“, wohl auch weil viele seiner Vorschläge nie umgesetzt worden sind. Er tritt für Steuer- und Abgabensenkungen ein, die aber gegenfinanziert sein müssten, und hält die hohen Schulden des Landes für inakzeptabel. Unter der Regierung Enrico Lettas, der heute an der Spitze der Sozialdemokraten steht, erarbeitete er Vorschläge zur Reduzierung der Staatsausgaben, die nie realisiert wurden. Cottarelli befürwortet europäische Hilfsprogramme wie das Wiederaufbauprogramm und mahnte an, die Mittel für den raschen Ausbau der Infrastruktur und die Digitalisierung zu verwenden. Er prangert Steuerflucht an, fordert einen Bürokratieabbau und eine Justizreform und kritisiert den wachsenden Einfluss des Staates auch unter Ministerpräsident Mario Draghi. Cottarelli, der mit einer Ökonomin verheiratet ist und zwei erwachsene Kinder hat, unterstützte Draghi, kritisierte aber, dass die Regierung Wirtschaftshilfen mit der Gießkanne ausgeschüttet habe.

Cottarelli ist ein großer Fan des Fußballclubs seiner Heimatstadt Cremona und von Inter Mailand. Man darf gespannt sein, wie der Ökonom, der die von der PD geforderte Vermögensteuer ablehnt, in der Politik reüssiert. Die Rechtsparteien sind bei den Wahlen klar favorisiert.

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