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Redaktion

Geld oder Brief
Von Markus Gärtner, Vancouver

In Kanada vergleichen Analysten die Nortel-Aktie gerne mit Ikarus, der mit Flügeln aus Wachs und Federn himmelhoch aufstieg, zu nahe an die Sonne kam, und dann jäh abstürzte. Im Juli 2000 erreichte das Papier des größten Telekomausrüsters in Nordamerika 1 200 kanadische Dollar (CAD) und repräsentierte 36,5 % des S & P / TSX Index an der Börse von Toronto. Das Tech-Unternehmen war zu einer Ikone des neuen Zeitalters aufgestiegen. Kein Fondsmanager konnte es sich leisten, um Nortel einen Bogen zu machen. Dank Nortel überflügelte der Leitindex in Toronto mitten im rauschenden Dotcom-Boom 1999 mit einem Zuwachs von 30 % sogar den Dow Jones, der damals 25 % zulegen konnte. Ohne Nortel und den Telefonriesen BCE hätte der Zuwachs im TSX damals nur schlappe 6,5 % betragen.

Dann kamen das Ende der Dotcom-Blase, ein milliardenschwerer Bilanzskandal, Managerwechsel, Schulden und der unbarmherzige Absturz. Noch im Januar 2008, als Nortel bei 12 CAD notierte, glaubten viele Beobachter, es sei nur eine Frage der Zeit, bis das jahrelange Siechtum beendet werden und das Unternehmen und damit sein Aktienkurs sich erholen könnte. Doch am 14. Januar dieses Jahres flüchtete sich der Telekomausrüster mit 4,5 Mrd. CAD langfristigen Verbindlichkeiten und einer Cash-Position von 2 Mrd. unter den Gläubigerschutz des "Chapter 11", die Aktie stürzte auf 11 Cent ab. Und da steht sie auch noch in dieser Woche, praktisch ein Totalverlust.

Mutiges Gesicht

"Ich denke, wir haben das Schlimmste jetzt hinter uns", hatte am Tag vor der Insolvenzanmeldung der ehemalige kanadische Finanzminister John Manley, der dem Verwaltungsrat von Nortel angehört, gesagt. Auch Nortel-CEO Mike Zafirovski setzte ein mutiges Gesicht auf und versicherte bei der Verkündung der Schreckensnachricht seine Absicht , im Insolvenzverfahren das Unternehmen "ein und für alle Mal auf ein gesundes finanzielles Fundament" zu stellen.

Doch die Analysten bezweifeln das, auch wenn der bei Nortel für den Geräteverkauf an Privatfirmen zuständige Präsident Joel Hackney am Dienstag zu Protokoll gab, seit dem 14. Januar habe das Unternehmen "hunderte" neuer Kunden weltweit gewonnen und die Restrukturierung unter Chapter 11 sei im Zeitplan. Details über das Volumen neuer Aufträge gab Hackney nicht preis.

"Es ist nicht wahrscheinlich, dass Nortel ein unabhängiges Unternehmen bleibt", sagt der Analyst Brian Modoff bei der Deutsche Bank. Tamas Koplyay, der Technologie-Management an der University of Quebec lehrt, sieht "keinen Beweis dafür, dass die Firma eine Kehrtwende schafft". Die Begründung: "Den größten Wert in diesem Unternehmen stellen die Leute dar", doch nach 16 Entlassungsrunden in diesem Jahrzehnt "kann dort keiner mehr kreativ arbeiten". Und Nortel-Analyst Mark Sue bei der Royal Bank of Canada stellte schon im vergangenen November ein Kursziel von Null für Nortel auf.

Aufkauf erwartet

Ross Healy, der CEO von Strategic Analysis, ein Unternehmen das sich auf die Bewertung börsennotierter Firmen spezialisiert hat, erwartet, dass Nortel von einem US-Unternehmen aufgekauft wird. Im Gespräch unter jenen, die das erwarten, ist vor allem Cisco. Besonders alarmiert sind die Analysten, weil Nortels größter Lieferant, Flextronics, Mitte Januar ankündigte, bis Juli seine starke Ausrichtung auf Nortel zu reduzieren. Bei 1. Mrd. Dollar Liefervolumen im Jahr eine brisante Ankündigung. "Nortel ist fast völlig abhängig von Flextronics, die müssen den Zulieferer bei Laune halten, sonst haben sie keine Produkte mehr", warnt der Analyst Ed Snyder bei Charter Equity Research, eine Research-Firma in San Francisco, die sich auf drahtlose Kommunikation spezialisiert hat. Nortel hat Flextronics vorsorglich viele Lagerbestände abgekauft.

Doch die Analysten verunsichert noch etwas anderes, und das sind die Absatzperspektiven. "Wir erwarten, dass Nortels Kunden ihre Abhängigkeit von dem Unternehmen reduzieren", sagt der Analyst George Notter bei Jeffries & Co., eine Investmentbank in San Francisco, die sich auf den Mittelstand spezialisiert.

Die Anleger sind durch derlei Vorhersagen verunsichert. Die Nortel-Aktie dümpelt bei 0,11 CAD seit Wochen vor sich hin, mit Umsätzen, die nur ein Sechstel bis ein Zehntel des mehrmonatigen Schnitts entsprechen. Das Interesse an dem Wert hat sichtlich nachgelassen. Die Börsenkapitalisierung ist von einstmals 400 Mrd. CAD ist auf aktuell nur noch 44,7 Mill. zusammengeschrumpft. Die New York Stock Exchange hat die Streichung vom Kurszettel angedroht, weil der Kurs unter einen Dollar gefallen ist. Solches Ungemach wurde an der Heimatbörse erst einmal abgewendet. In Toronto wurde am 16. Januar die Untersuchung einer Börsen-Kommission, die prüfen sollte, ob die Anforderungen für eine Notierung noch erfüllt sind, abgebrochen, zur Erleichterung der Börsianer.

Verheerende Schwäche

Doch nicht alle Analysten sind so skeptisch wie Ross Healy, der sagt, es sei praktisch unmöglich für Nortel, seine Bilanz in Ordnung zu bringen, wenn die Aktie so niedrig bewertet ist. Nortel bleibt ein wichtiger Anbieter von Telekom-Hardware für Unternehmen, die Sparte Enterprise Solutions steuerte im jüngsten Quartal 27 % zum Umsatz bei. Langfristige Lieferverträge mit Banken, Versicherern und Regierungen stützen das Geschäft, sagt Hackney. Die Börsianer, die in dieser Woche die schockierenden Zahlen für das vierte Quartal bei Nortels größtem Konkurrenten Alcatel-Lucent sahen - ein Nettoverlust von 3,89 Mrd. Euro - fragen sich nun, wie der ohnehin schwer angeschlagene kanadische Telekom-Ausrüster die verheerende Schwäche am Markt überstehen soll. Aufschluss werden erst die nächsten Quartalszahlen geben.


Börsen-Zeitung, 06.02.2009, Autor Markus Gärtner, Vancouver , Nummer 25, Seite 17, 827 Wörter

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