Bankenkrisen

Der Anfang von allem

Die turbulenten Kursbewegungen der Bankenwerte in den vergangenen Wochen sind eine Ermahnung an Bankvorstände, Solidität, Transparenz und Glaubwürdigkeit wieder mehr Gewicht beizumessen. Denn wenn sich das Umfeld für Banken eintrübt, geht es sehr schnell nicht mehr um Kennziffern, sondern um Vertrauen.

Der Anfang von allem

Die gute Nachricht lautet: Das Bankenbeben scheint sich gelegt zu haben. Die schlechte Nachricht: Niemand kann belastbar ausschließen, dass es zu neuen Erschütterungen kommt, sobald wieder ein Institut in Schieflage gerät – selbst wenn es nur eine Regionalbank ist. Die oft geäußerte Behauptung, Banken seien heute krisenfester als in den Jahren der Lehman-Krise, ist im Lichte der Turbulenzen der vergangenen Wochen jedenfalls nur noch ein Hoffnungswert.

Häufig ist zuletzt an das „Nahtoderlebnis“ der Deutschen Bank 2016 erinnert worden, als sie durch starke Abflüsse von Einlagen an den Rande des Abgrunds geriet. Die Deutsche Bank musste erleben, wie sich ihr früherer Werbe­slogan bewahrheitete: Vertrauen ist der Anfang von allem. Bedeutet im Umkehrschluss: Vertrauensentzug kann der Anfang vom Ende sein. Geprägt von den Erfahrungen von vor sieben Jahren wurden zuletzt gerade in der Deutschen Bank die Ereignisse rund um die Credit Suisse mit Sorge – und sogar Anteilnahme – beobachtet.

Diese Ereignisse haben für ernüchternde Klarstellungen gesorgt. Erstens: Die Möglichkeiten, Ruhe in einen nervösen Markt zu bringen, sind arg begrenzt. So kam der Vorstand der Credit Suisse mit seinen Botschaften überhaupt nicht mehr durch. Und am Ende reichte nicht einmal der Milliarden-Beistand der Schweizer Nationalbank, um den Abzug der Kundengelder zum Halt zu bringen.

Zweitens: Über die stabilisierende Wirkung eines Großaktionärs lässt sich streiten. Denn dem kommt in kritischen Situationen eine besondere Bedeutung zu. Im Falle von Credit Suisse reichten einige unglücklich gewählte Worte des Chairmans der Saudi National Bank aus, damit der Aktienkurs der Schweizer Bank in den Keller rauschte.

Drittens: Es kann verdammt schnell gehen. Viel wird deshalb in diesen Tagen über das Tempo diskutiert, in dem eine Lage eskaliert. Die Ansicht, in den jüngsten Verwerfungen in der Bankenbranche spiegele sich die virale Dynamik wider, wie sie bei sogenannten Meme-Aktien zu beobachten sei, ist aber nicht überzeugend. Soziale Medien spielen zwar zweifellos eine Rolle. Doch gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Verwerfungen rund um die Credit-Suisse-Aktie und beispielsweise bei Gamestop – allein schon, was das Aktionariat angeht.

Andererseits: Laut Europäischer Zentralbank haben Bankkunden ihre Sichteinlagen im Februar so schnell von Bankkonten abgezogen wie nie zuvor in den vergangenen 20 Jahren. Das heißt zwar nicht zwingend, dass sich die Fluchtbewegungen von Bankkunden in Krisenzeiten dramatisch beschleunigt haben. Aber das sollte allen Bankern eine Warnung sein, die auf Besonnenheit oder gar auf Lethargie ihrer Kundschaft setzen.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht in Bankenkrisen oft der Aktienkurs. Der ist nicht unerheblich, aber – sofern die Bank nicht eine Kapitalerhöhung vor sich hat – auch nicht spielentscheidend. Empfindlicher trifft eine Bank der jähe Abzug von Einlagen. Dagegen bieten weder komfortable Liquiditätsausstattungen noch reichliche Kapitalpuffer nachhaltigen Schutz. Sie sind notwendig, aber eben nicht hinreichend. Denn auch üppige Liquidität ist rasch verbraucht, wenn erst einmal das Vertrauen der Kundschaft angeknackst ist. Zudem stellt sich die Frage, ob Banken in Zeiten riesigen Finanzierungsbedarfs wegen digitaler und nachhaltiger Transformation ihre volkswirtschaftliche Aufgabe erfüllen könnten, wenn man ihnen strengere Liquiditätsanforderungen stellen würde. Gerade im Moment ist die – kontrollierte – Risikobereitschaft der Banken gefragt, um die Wirtschaft zukunftsfest machen zu können.

In der Debatte über die Stabilität der Banken spielt schließlich auch das Thema der Schwächung durch Abwanderung von Personal eine zunehmende Rolle. Wegen des Fachkräftemangels droht ein Teufelskreis. Sobald ein Haus als angeschlagen gilt, nimmt das Fachpersonal heute schnell Reißaus. Damit geht ausgerechnet in angespannten Situationen tiefe Kenntnis der bankspezifischen Risiken verloren. Wenn dann wiederum hohe Boni eingesetzt werden, um der Abwanderung entgegenzuwirken, werden die Ergebnisse zusätzlich belastet.

Die jüngsten Ereignisse sind deshalb eine Ermahnung an Bankmanager, der Solidität, der Transparenz und der Glaubwürdigkeit eigener Ansagen mehr Gewicht beizumessen als sportlichen Ansagen zur Geschäftsentwicklung. Denn wenn sich das Umfeld eintrübt, geht es sehr schnell nicht mehr um Kennziffern, sondern um Vertrauen. Und dann geht es sehr schnell um alles.

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