Notenbanken

Geldpolitische Gräben

Während die US-Notenbank Fed und die Bank of England Zeichen setzen gegen die hartnäckig hohe Inflation, agiert die EZB weiter übervorsichtig. Sie wirkt damit zunehmend „behind the curve“.

Geldpolitische Gräben

Die US-Notenbank Fed und die Bank of England setzen Zeichen gegen die hartnäckig hohe Inflation. Die Fed will ihre billionenschweren Anleihekäufe nun schneller beenden als zuvor avisiert und steuert 2022 auf drei Zinserhöhungen zu. Die Bank of England hat derweil bereits am Donnerstag ihren Leitzins überraschend angehoben. Vor allem im Fall der Fed war ein solches Zeichen überfällig. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält da­ge­gen recht unbeirrt am Mantra eines temporären Inflationsanstiegs und an einer ultralockeren Geldpolitik fest. Sie wirkt damit zunehmend „behind the curve“.

Die Fed hat dem Inflationsgeschehen in den USA viel zu lange ta­tenlos zugeschaut und muss nun eine Kehrtwende hinlegen, um nicht die Kontrolle zu ver­lieren. Es ist ja nicht nur so, dass die US-Verbraucherpreisinflation auf 6,8% hochgeschnellt ist. Viel bedenklicher ist, dass sek­torübergreifend Zweitrundeneffekte sichtbar werden. Zu­gleich steht die US-Wirtschaft solide da – trotz der Unsicherheit über die Coronavariante Omikron. Wie stark die Fed tatsächlich an der Zinsschraube drehen muss, wird sich 2022 zeigen. Zur ganzen Wahrheit gehört schließlich, dass bei den jetzt von der Fed prognostizierten Zinserhöhungen und Inflationsraten der reale Zins bis 2023 negativ bliebe.

Dass die Bank of England bereits jetzt ihren Zins erhöht hat, hat viele überrascht. Das spricht nicht für das Kommunikationsgeschick der britischen Währungshüter. Angesichts der Ausbreitung von Omikron auf der Insel und Brexit-Spätfolgen wäre es zu­dem denkbar gewesen, dass sie noch ab­war­ten. Bei 5,1% Inflation und rasant steigenden Inflationserwartungen ist der Schritt jetzt aber sinnvoll. Es geht längst auch um Glaubwürdigkeit der Geldpolitik.

Die EZB dagegen agiert weiter übervorsichtig. Sie hat nun zwar das Ende des Corona-Notfallanleihekaufprogramms PEPP im März 2022 beschlossen und eine schrittweise Rückführung aller Käufe in Aussicht ge­stellt. De facto wird sie aber 2022 erneut Anleihen für meh­rere hundert Milliarden Eu­ro kaufen. Das Anleihekaufprogramm APP läuft sogar erst einmal unbefristet, und Zinserhöhungen scheinen für lange Zeit tabu. Nun ist das Inflationsproblem in Euroland sicher weniger eklatant als in den USA oder Großbritannien. Die Lagen unterscheiden sich aber auch nicht so fundamental, dass das derartige geldpolitische Gräben rechtfertigen würde. Die Verhältnismäßigkeit der EZB-Politik mutet immer fraglicher an. Und was langfristig noch ge­fährlicher ist: Der geldpolitische Notstandsmodus mit breiten Anleihekäufen und Null- und Negativzinsen droht so immer mehr zur Normalität zu werden.

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