Ölpreis

„Ein Tropfen im Ozean“

Hohe Energiepreise stellen für US-Präsident Joe Biden ein ernstes politisches Problem dar. Doch seine Initiative, die Ölpreise durch die Freigabe strategischer Reserven zu senken, zeigt kaum Wirkung.

„Ein Tropfen im Ozean“

Von Dieter Kuckelkorn, Frankfurt

Auch am Tag, nachdem die USA eine Freigabe von Öl aus ihren strategischen Reserven angekündigt hatten, ist es nicht zu einem deutlichen Rückgang des Ölpreises gekommen. Die Notierung der wichtigsten Rohölsorte Brent Crude hielt sich auch Mittwoch oberhalb der Marke von 82 Dollar je Barrel. Am Abend wurde die Sorte zu 82,27 Dollar gehandelt, ein minimaler Rückgang von 0,1%. US-Leichtöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) verteuerte sich um 0,1% auf 78,56 Dollar. Am Vortag hatte es bereits einen kräftigen Anstieg der Ölpreise gegeben. Damit sieht es weiter danach aus, dass der Versuch von US-Präsident Joe Biden, mit Blick auf das Abschneiden seiner Demokratischen Partei bei den Kongresswahlen im kommenden Jahr den Ölpreis zu senken, gescheitert ist. Dies reflektiert den internationalen Machtverlust der USA, wie er auch schon mit der US-Niederlage in Afghanistan klar erkennbar wurde.

Politisches Problem

Hohe Energiepreise sind für Biden ein ernstes politisches Problem. Im kommenden Jahr stehen am 8. November die Halbzeitwahlen an, bei denen alle 435 Abgeordneten des Repräsentantenhauses und 34 der 100 US-Senatoren gewählt werden. Bereits jetzt zeichnet sich infolge der Unzufriedenheit der Wähler mit den Ergebnissen der bisherigen Regierungsarbeit Bidens eine klare Niederlage der Demokraten ab. Kommen dann noch hohe Energiepreise dazu, die Inflationsanstiege anheizen und die in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits stark beeinträchtigte Kaufkraft der amerikanischen Mittelschicht weiter reduzieren, könnte es einen Erdrutschsieg der Republikaner geben. Bereits jetzt kostet Benzin im US-Durchschnitt 3,76 Dollar je Gallone, wobei der Preis in einigen Regionen bereits 4,70 Dollar beträgt.

Daher hatte sich Biden bereits Anfang November an das erweiterte Kartell Opec plus gewandt, insbesondere an die beiden Schwergewichte Saudi-Arabien und Russland, mit der Aufforderung, die Ölförderung deutlich zu steigern. Da die US-Politik gegenüber Russland und auch gegenüber dem umstrittenen saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman konfrontativ ist, haben beide Länder Biden jedoch abblitzen lassen. Nach wie vor bleibt es dabei, dass die Opec plus monatlich die Förderung um lediglich 400000 Barrel pro Tag (bpd) anhebt, womit die weltweite Ölproduktion hinter dem Anstieg der Nachfrage zurückbleibt.

Nun versucht es Biden im zweiten Anlauf mit einer internationalen konzertierten Aktion, mit der Öl aus den strategischen Reserven der Staaten auf den Markt geworfen werden soll. Aber auch diese Aktion fällt alles andere als beeindruckend aus. Angeschlossen haben sich nur wenige Länder aus dem unmittelbaren US-Machtbereich, zu dem seit einiger Zeit aufgrund eines politischen Kurswechsels auch Indien gehört. Während die von den USA genannte Menge 50 Mill. Barrel beträgt, steuert Indien lediglich 5 Mill. Barrel bei, Japan nach bislang inoffiziellen Angaben bis zu 4,2 Mill. Barrel und Großbritannien 1,5 Mill. Barrel aus privaten Beständen. Südkorea hat zwar die grundsätzliche Bereitschaft zur Beteiligung erkennen lassen, aber noch keine Mengen genannt. Auffällig ist, dass weder China noch die Europäische Union mitmachen.

Hinsichtlich der von der US-Regierung genannten Menge von 50 Mill. Barrel sind Fragezeichen angebracht. Zwar entsprechen diese nach Berechnungen von Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank, einer Erhöhung des Ölangebots um 1,6 Mill. Barrel pro Tag und damit dem Vierfachen der monatlichen Produktionsausweitungen der Opec plus – allerdings nur für einen einzigen Monat. Von den 50 Mill. Barrel entfallen 18 Mill. auf die zeitliche Beschleunigung von Ölverkäufen, die der Kongress bereits längst genehmigt hat. Die restlichen 32 Mill. stellen lediglich einen Austausch dar, Raffinerien müssen diese Mengen später wieder dem Staat zur Verfügung stellen, zuzüglich Zinszahlungen. Sollten die Preise weiter steigen, würden die Raffinerien mit diesem Tausch Verluste machen, sodass ihr Anreiz, die genannte Menge jetzt abzunehmen, gering ist. Somit gilt es als wahrscheinlich, dass die USA letztlich eine sehr viel geringere Menge Öl auf den Markt werfen.

Wenig beeindruckt zeigen sich auch die Rohstoffanalysten von Goldman Sachs. Sie merken zunächst an, die in Aussicht gestellte Ölmenge von 70 bis 80 Mill. Barrel bleibe hinter den am Markt eingepreisten 100 Mill. Barrel zurück. Aber auch bei Goldman Sachs glaubt man nicht, dass die versprochenen Mengen eine realistische Größe sind. Sie gehen unter Verweis auf die genannten Tauschgeschäfte von lediglich 40 Mill. Barrel aus. die Analysten nennen die Initiative Bidens daher „einen Tropfen im Ozean“.

Umwelttrend belastet

Für Biden liegt das Problem vor allem darin, dass die Erholung der amerikanischen Schieferölproduktion sehr langsam und gemächlich verläuft. Diese liegt nach wie vor um rund 1 Mill. bpd unter dem Wert von vor dem Beginn der Pandemie, auch wenn sie, wie von der Energy Information Administration der US-Regierung angekündigt, im Dezember auf 8,32 Mill. bpd steigen sollte. Dies liegt daran, dass der Zufluss von Finanzmitteln in die Schieferölindustrie immer noch vergleichsweise schwach ausfällt, zumal die Energiebranche darunter leidet, dass sich umweltbewusste Investoren zunehmend von ihr abwenden.

Dies offenbart eine weitere Schwäche der US-Regierung: Die Administration konnte zumindest in der Vergangenheit zwar ölproduzierende Klientelstaaten zu Änderungen ihrer Förderpolitik bewegen. Auf die eigene Ölindustrie kann sie jedoch kaum einwirken. In der Vergangenheit hatte sie schon mehrfach die Opec zu Produktionseinschränkungen aufgefordert, während die eigene Ölindustrie den Hahn aufdrehte, was für böses Blut sorgte. Auch diese Historie ist ein Grund dafür, dass ölproduzierende und ölverbrauchende Länder rund um den Globus nur eine geringe Veranlassung verspüren, aktuell auf die amerikanischen Wünsche einzugehen.

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