Elektromobilität

Rivian stehen Kurstiefs wohl erst noch bevor

Der Aktienkurs des Elektroautoherstellers Rivian hat sich bereits stark reduziert. Allerdings darf bezweifelt werden, dass der Tiefpunkt der Kursentwicklung schon erreicht ist.

Rivian stehen Kurstiefs wohl erst noch bevor

Von Dieter Kuckelkorn, Frankfurt

Elon Musk, CEO des Elektroautopioniers Tesla, hat sich am Mittwoch in ungewöhnlicher Weise über einen Wettbewerber seines Konzerns geäußert: Rivian, Anbieter eines elektrischen Pick-up-Trucks, bewegt sich seiner Meinung nach auf einen Konkurs zu. Dieselbe Gefahr sieht Musk auch für einen weiteren Tesla-Konkurrenten, nämlich Lucid Motors. Nun ist es in den USA durchaus nicht unüblich und auch nicht verboten, seine Wettbewerber verbal durch den Dreck zu ziehen und Musk ist für seine provokanten Äußerungen weltweit bekannt. Der Tesla-Tycoon liefert aber auch zumindest ein Argument für seine provokante These: „Wenn diese Firmen ihre Kosten nicht dramatisch senken, geraten sie in große Schwierigkeiten und werden auf dem Friedhof enden, so wie sämtliche andere Autokonzerne mit der Ausnahme von Tesla und Ford“, erklärte er in einem Youtube-Video.

IPO als Highflyer

Rivian war Anfang November 2021 als Highflyer an die Börse gekommen. Mit Erlösen von mehr als 13 Mrd. Dollar hatte es sich um das sechstgrößte Initial Public Offering (IPO) in den USA gehandelt. Insbesondere Privatanleger waren sich sicher, in die nächste Tesla investiert zu haben. In der Spitze stieg der Kurs bis auf 179,74 Dollar. Dann ging es allerdings stetig abwärts und gegenwärtig notiert die Aktie mit fast 29 Dollar. Im bisherigen Jahresverlauf hat der Titel damit 72% an Wert verloren, davon allein in den vergangenen drei Monaten 33%. Die Analystengemeinde übt sich hingegen in Optimismus, offenbar mit Blick auf die Tatsache, dass Rivian mit seinem Pick-up-Truck ein Produkt vorweisen kann, das in Autotests gar nicht schlecht abschneidet, sowie vor dem Hintergrund der bereits absorbierten Kursverluste. So raten von 18 US-Häusern immerhin neun zum Kauf der Aktie, bei einer Einstufung mit „Overweight“. Sieben Analysten empfehlen, den Titel im Portfolio zu behalten. Eine Bank rät zum Untergewichten, Verkaufsempfehlungen gibt es überhaupt keine.

Die entscheidende Frage, die offensichtlich viele Analysten mit Ja beantworten, bestehen darin, ob die Aktie nach dem starken Kursrückgang nun angemessen bewertet ist und ob das Unternehmen eine Zukunft hat. Die Nachrichtenlage war zuletzt aber nicht besonders positiv. So hat sich der Ford-Konzern, der ursprünglich 1,2 Mrd. Dollar in Rivian investiert hatte, Mitte März noch einmal von sieben Millionen Aktien getrennt – mit der zu vermutenden Absicht, den Anteil von jetzt noch 87 Millionen Aktien weiter zu reduzieren. Bereits Anfang Januar war den Anlegern sauer aufgestoßen, dass der E-Commerce-Riese Amazon, der zunächst allein auf Rivian für die Entwicklung einer neuen Generation von elektrisch angetriebenen Auslieferfahrzeugen gesetzt hatte, mit dem Autokonzerns Stellantis eine Partnerschaft ebenfalls für Lieferfahrzeuge geschlossen hatte.

Es gibt aber auch einige Argumente, die für die Rivian-Aktie sprechen. So verfügte das Unternehmen per Anfang Mai über immerhin 90000 Vorbestellungen für sein Pick-up-Modell R1, inzwischen sind rund 10000 neue Orders hinzugekommen, trotz angehobener Preise. Positiv zu vermerken sind auch die hohen Cash-Reserven von 17 Mrd. Dollar am Ende des ersten Quartals.

Ein großes Problem liegt für Rivian und seinen Aktienkurs aber darin, dass sich die Produktion deutlich langsamer steigern lässt, als das Management eigentlich gehofft hatte. So wird nun für das laufende Jahr eine Produktion von rund 25000 Fahrzeugen avisiert, ursprünglich sollten es doppelt so viele werden. Rivian verfügt über eine von Mitsubishi übernommene Fabrik in Illinois. Es gibt nun allerdings eine Übereinkunft mit dem US-Bundesstaat Georgia über den Bau eines weiteren Werks, das 5 Mrd. Dollar kosten soll, wovon Georgia 1,5 Mrd. Dollar übernimmt. In Betrieb genommen soll die Fabrik aber erst 2025. Sie soll dereinst 400000 Fahrzeuge pro Jahr ausspucken, so dass das Management binnen fünf Jahren eine jährliche Produktion von 750000 Fahrzeugen erwartet.

Rivian ist wie Tesla im hochpreisigen Segment angesiedelt, die Fahrzeuge kosten bis zu 100000 Dollar, womit ein stattlicher Umsatz generiert würde. Unterstellt man einen durchschnittlichen Verkaufspreis von 80000 Dollar, wären es dann nicht weniger als 60 Mrd. Dollar Umsatz. Bei einer operativen Marge von 10% (Tesla kommt auf 15%) liefe das auf einen jährlichen operativen Gewinn von 6 Mrd. Dollar hinaus. Dies vergleicht sich mit einem aktuellen Börsenwert des Unternehmens von nur 24,6 Mrd. Dollar.

Allerdings sind das nur Zukunftsvisionen. Für die nächsten vier Jahre sind noch keine Gewinne zu erwarten, und 2021 wurden gerade einmal 55 Mill. Dollar an Umsatz erzielt. Immerhin kam das Unternehmen im ersten Quartal des laufenden Jahres bereits auf Erlöse von 95 Mill. Dollar, allerdings bei einem hohen Verlust von 1,6 Mrd. Dollar. Ausgeliefert wurden lediglich rund 1220 Fahrzeuge. Dem Unternehmen wird über die nächsten vier Jahre ein durchschnittliches jährliches Umsatzwachstum von 125% vorausgesagt, wobei sich der Jahresverlust von für 2022 erwarteten 5,7 Mrd. Dollar bis 2025 auf 3 Mrd. Dollar in etwa halbieren soll.

Eingetrübtes Umfeld

Was die eingangs gestellten Fragen betrifft, so ist zwar zum einen festzuhalten, dass der von Musk prophezeite Konkurs allein schon wegen der stattlichen Cash-Reserven für längere Zeit ziemlich unwahrscheinlich ist. Was aber zum anderen die Bewertung angeht, so hat sich diese zwar reduziert. Allerdings hat sich auch Umfeld deutlich eingetrübt. Wie lange Amerikaner angesichts der galoppierenden Inflation noch in der Lage sein werden, sich Autos für 100000 Dollar zu leisten, steht in den Sternen. Ein Ende der globalen Lieferkettenprobleme, die auch Rivian belasten, ist nicht abzusehen. Mit Tesla, den nun auch in die Elektromobilität strebenden klassischen Autokonzernen und vor allem den aufkommenden chinesischen Anbietern droht Rivian schlagkräftige Konkurrenz. Kurzfristig belastet zudem das allgemein negative Börsensentiment und mittelfristig dürften die zu erwartenden weiteren Aktienverkäufe durch Ford den Aktienkurs drücken. Es ist somit zu bezweifeln, dass die Aktie bereits ihr Tief erreicht hat.

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