Autoindustrie

Viel Potenzial und Querelen bei VW

Ungeachtet des Machtkampfs bei Volkswagen in diesem Herbst sehen Analysten weiter viel Potenzial bei Europas größtem Autobauer. Die Aktie ist niedrig bewertet.

Viel Potenzial und Querelen bei VW

Von Carsten Steevens, Hamburg

Als sich am Donnerstag vergangener Woche abzeichnete, dass Herbert Diess im Anschluss an die Sitzung des Aufsichtsrats Vorstandschef von Volkswagen bleiben und der im Herbst eskalierte Streit mit der Arbeitnehmervertretung über Maßnahmen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit infolge neuer Investitionszusagen zur Auslastung der sechs niedersächsischen Werksstandorte beigelegt wird, legte die Vorzugsaktie des Wolfsburger Autobauers zeitweise um 2% zu. Anleger waren in den Wochen zuvor auch in Anbetracht der mit den internen Querelen verbundenen Unsicherheiten zunehmend auf Abstand gegangen: Ende November rutschte das Papier wieder unter das vor Bekanntwerden des Dieselskandals im September 2015 erreichte Niveau von 162,40 Euro.

Seit dem am 6. April markierten Jahreshoch von über 246 Euro, das den kurz vorher im Detail erläuterten Plan von Europas größtem Autobauer zum beschleunigten Ausbau der Elektromobilität und der damit verbundenen Batterietechnologie reflektierte, rutschten die VW-Vorzüge zwischenzeitlich um mehr als ein Drittel ab. Ein Kursgewinn von rund 70% zwischen Mitte Januar und Anfang April verflüchtigte sich großenteils, kein anderes Dax-Unternehmen büßte seit dem Frühjahr an der Börse mehr ein als Volkswagen. Dabei fuhr im dritten Quartal kein anderer Konzern im deutschen Leitindex mehr Gewinn ein als die Wolfsburger mit 2,9 Mrd. Euro. Zwar reduzierte das Zwölfmarkenunternehmen infolge der branchenweit verschärften Engpässe bei der Versorgung mit Halbleiterkomponenten seine Ziele für die Fahrzeugauslieferungen und Erlöse im laufenden Jahr. Die nach dem Rekordergebnis im ersten Halbjahr um einen halben Prozentpunkt auf 6 bis 7,5% erhöhte Prognose für die operative Rendite gilt aber nach wie vor.

Niedrig bewertet

Mit Blick auf die Gewinnerwartungen zählt Volkswagen weltweit zu den am niedrigsten bewerteten Autoaktien. Die meisten Analysten sind nach wie vor positiv gestimmt und raten zum Kauf des Papiers. Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler etwa bekräftigt bei einem Anfang des Monats um 20 auf 320 Euro gesenkten Kursziel das aus seiner Sicht große Potenzial: Neben Daimler – der „etwas defensiveren Alternative“ – zählt der Autoanalyst Volkswagen als „die risiko- und chancenreichere Möglichkeit“ zu seinen Sektorfavoriten. Die Startschwierigkeiten der Elektromobilität nähmen ab, personelle Wogen würden sich glätten, der Massenmarkt werde sich nach Corona- und Chipkrise stark erholen.

Für 2022 rechnet Pieper mit einem Anstieg der weltweiten Autoproduktion um 8%. Koste Volkswagen 2021 vor allem die Chipkrise voraussichtlich rund 1 Million produzierter und verkaufter Fahrzeuge, sei im kommenden Jahr mit schrittweisen Verbesserungen der Versorgung zu rechnen. Getrieben von höheren Volumina und durchschnittlichen Verkaufspreisen für Neufahrzeuge im kommenden Jahr hält Pieper eine Steigerung der Erlöse um gut 16 Mrd. auf 259 Mrd. Euro sowie des bereinigten operativen Gewinns um 4 Mrd. Euro für möglich. Das stärkste Momentum traut er 2022 der Kernmarke Volkswagen Pkw sowie Audi zu.

Der Metzler-Analyst verweist auch auf einen möglichen Spin-off der Sportwagentochter Porsche. Spekulationen, die über ihre Beteiligungsgesellschaft Porsche SE mit 53,3% an den VW-Stimmrechten beteiligten Eigentümerfamilien Porsche und Piëch wollten die Kontrolle über die größte Ertragsperle des VW-Konzerns zurückerlangen und seien bereit, dafür ihre Anteile an Volkswagen zu verringern, erhielten durch einen Medienbericht jüngst Nahrung – und ließen die VW-Vorzüge am Dienstag der vergangenen Woche um 8,6% auf 185 Euro steigen. Deutsche-Bank-Analyst Tim Rokossa, der die VW-Aktie bei einem Kursziel von 210 Euro zum Kauf empfiehlt, hält eine Reduzierung der Familienanteile auf 25% plus eine Aktie zum Erhalt der Sperrminorität für denkbar. Ein Verkauf wäre positiv für die VW-Vorzüge, da der Streubesitzanteil und möglicherweise der Einfluss kapitalmarktorientierter Investoren gestärkt würden.

Bernstein-Analyst Arndt Ellinghorst, der VW aktuell bei einem Kursziel von 237 Euro mit „Market Perform“ einstuft, verweist neben dem starken Wunsch der Familien Porsche und Piëch nach einer Wiedererlangung der direkten Kontrolle über die Sportwagenmarke darauf, dass die VW-Minderheitsaktionäre eine deutlich wertschaffende Transaktion begrüßen würden und auch das mit 20% an VW beteiligte Land Niedersachsen Unterstützung signalisieren dürfte, sofern die eigenen Interessen gewahrt würden. Eher als einen Porsche-Börsengang hält Ellinghorst allerdings die teilweise Abspaltung der Sportwagentochter für realistisch. Um die Ertragsperle aus dem Konzern zu lassen, müsse sich VW aber erst in ruhigem Fahrwasser befinden – was innerhalb der kommenden 12 bis 24 Monate der Fall sein könnte. Eigenständig bewertet sieht der Bernstein-Analyst für die Porsche AG einen Wert deutlich über 100 Mrd. Euro.

Andere Analysten – etwa Michael Punzet von der DZBank und Frank Schwope von der Nord/LB – halten ein separates Porsche-Listing für eher unwahrscheinlich, da der Sportwagenbauer voll in den VW-Konzern integriert sei und sich die weitere Zusammenarbeit durch einen möglichen Börsengang stark verkomplizieren würde, oder verweisen auf die enge Verzahnung der Konzernmarken miteinander, so dass ein Herauslösen des Sportwagenbauers keinen Sinn ergebe. Geld für Investitionen könne VW eher durch Verkauf der Nutzfahrzeugholding Traton oder „überflüssiger“ Marken wie Lamborghini, Bugatti oder Ducati erzielen, so Schwope. DZBank und Nord/LB raten bei Kurszielen von 229 bzw. 240 Euro zum Kauf der VW-Aktie.

Zu den wenigen Häusern, die aktuell eine kritische Haltung einnehmen und die Anlageempfehlung für das Papier auf „Neutral“ bzw. „Underperform“ sowie Kursziele auf 177 bzw. 170 Euro von zuvor 300 bzw. 270 Euro herabsetzten, gehören Citigroup und das Investmenthaus Jefferies. 2022 sei zwar mit höheren Absatzmengen zu rechnen, doch bei der länger­fristigen Preisentwicklung und der Umstellung    auf   die   E-Mobilität sei Vorsicht angebracht, so die US-Bank­. Jefferies ist der Ansicht, VW könne mit der Entwicklung des US-Elektroautopioniers­ Tesla nicht mithalten, der Konzern sei zu komplex aufgestellt und habe mit staatlichem Einfluss zu kämpfen.