Konjunktur

Auftragsmangel und Investitionen bremsen Wirtschaft

Die Unternehmensstimmung hellt sich zwar leicht auf, doch die deutsche Wirtschaft dürfte weiter darben. Vor allem die Investitionen bleiben schwach. Vonseiten des Konsums und des Außenhandels gab es zum Jahresende positive Impulse.

Auftragsmangel und Investitionen bremsen Wirtschaft

Auftragsmangel und Investitionen bremsen Wirtschaft

Ifo-Klima legt leicht zu – „Konjunktur stabilisiert sich“ – Bau und Industrie liegen 2023 hinten – Staatsdefizit höher als erwartet

ba Frankfurt

Die Anzeichen verdichten sich, dass die deutsche Wirtschaft die konjunkturelle Talsohle allmählich erreicht haben dürfte – es aber noch lange dauern wird, bis sie tatsächlich durchschritten ist. Jüngstes Indiz ist die leichte Stimmungsaufhellung in den Chefetagen. Dass zuletzt die Investitionen – vor allem die Ausrüstungsinvestitionen – stark zurückgegangen sind, verheißt für die kommenden Monate indes nichts Gutes. Zu sehr bremsen noch die politische Unsicherheit, die hohe Inflation und teurere Kredite. Experten erwarten daher im Startquartal ein erneutes Schrumpfen der Wirtschaftsleistung.

Erwartungen weniger pessimistisch

Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im Februar wie von Ökonomen erwartet um 0,3 auf 85,5 Punkte gestiegen. Dabei schätzten die rund 9.000 befragten Unternehmen die aktuelle Lage unverändert ein, während die Erwartungen etwas weniger pessimistisch ausfielen. „Die Konjunktur stabilisiert sich auf niedrigem Niveau“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Zur echten Trendwende fehlt einiges

Damit es wieder richtig aufwärtsgeht, müsste das Geschäftsklima schon um 10 Punkte zulegen, schreibt Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Nennenswert schlechter als derzeit war die Stimmung nur nach dem Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise 2009 und der Corona-Pandemie 2020. Doch im Gegensatz dazu zeige sich bislang noch keine V-förmige Erholung, also ein sofortiger Höhenflug nach dem Stimmungsabsturz. Für Jens-Oliver Niklasch von der LBBW müssten sich die Erwartungen in den kommenden Monaten deutlicher aufhellen, als man es jetzt gesehen habe. „Und nicht zu vergessen: Es gibt weiterhin gewichtige Abwärtsrisiken, insbesondere die geopolitische Lage in der Ukraine und im Nahen Osten, die weitere Entwicklung der chinesischen Konjunktur sowie die Frage, wie es in den USA weitergeht, falls Donald Trump tatsächlich noch einmal ins Präsidentenamt kommen sollte.“

Politik ist Belastungsfaktor

„Leider gibt es in Deutschland noch kein Aufwärtssignal, obwohl sich die Stimmung in der Industrie in vielen anderen Ländern in den letzten Monaten etwas erholt hat“, analysiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. In der Industrie ist der Klimaindex zwar nur leicht gefallen, doch die aktuelle Lage wurde so schlecht wie zuletzt im September 2020 eingeschätzt. Der Rückgang des Auftragsbestandes halte unvermindert an und die Unternehmen hätten weitere Produktionskürzungen angekündigt, betonten die Münchener Wirtschaftsforscher. Dass sich hierzulande die Industriestimmung nicht wie in anderen Ländern erholt – wie etwa die jüngste Einkaufsmanagerumfrage belegt –, „dürfte an den vielen strukturellen Belastungsfaktoren wie Bürokratie, lange Genehmigungsverfahren, hohe Energiepreisen und Steuern liegen. Diese lasten umso mehr auf der Stimmung, als die Bundesregierung nicht entschlossen umsteuert“, mahnt Krämer.

Ebenso wie in der Einkaufsmanagerumfrage zuvor zeigt auch die Ifo-Befragung ein freundlicheres Bild bei den Dienstleistern. Das Geschäftsklima ist wegen der besseren Lagebewertung leicht gestiegen, doch bleibt die Auftragsentwicklung schwach. Deutlich skeptischer zeigte sich hingegen der Handel: Hier ist der Index erneut gefallen. Trotz leicht gestiegener Erwartungen herrscht laut Ifo-Chef Fuest weiter große Skepsis mit Blick auf die Entwicklung in den kommenden Monaten.

Erwartungen im Bau so gering wie seit 1991 nicht mehr

Im Baugewerbe, das unter den hohen Finanzierungskosten leidet, stieg das Geschäftsklima leicht, wenn auch auf niedrigem Niveau. „Die Erwartungen sind jedoch auf den niedrigsten Wert seit 1991 gesunken“, sagte Fuest. Wie tief die Baubranche in der Krise steckt, zeigen auch die am Freitag veröffentlichten Details zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das vierte Quartal: Die stärksten Rückgänge unter den Wirtschaftsbereichen verzeichneten dem Statistischen Bundesamt (Destatis) zufolge das Baugewerbe (−2,6%) und das verarbeitende Gewerbe (−1,4%). „Im Schlussquartal bremsten die rückläufigen Investitionen die Konjunktur, während der Konsum leicht zulegte“, kommentierte Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes (Destatis), das BIP-Minus von 0,3% im Quartalsvergleich.

Konsum steigt

Die privaten Konsumausgaben legten preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,2% zum Vorquartal zu. „Positive Impulse gingen dabei von der gestiegenen Nachfrage nach Dienstleistungen aus“, betonten die Wiesbadener Statistiker. Die Konsumausgaben des Staates stiegen um 0,3%. Einen leicht positiven Effekt hatte auch der Außenhandel: Die Exporte von Waren und Dienstleistungen sanken mit −1,6% nicht so kräftig wie die Importe mit −1,7%. „Eine verhaltene Auslandsnachfrage, anhaltende geopolitische Spannungen und hohe Energiepreise machten sich besonders im schwächeren Warenhandel bemerkbar“, hieß es dazu bei Destatis. Die Investitionen hingegen gingen im Quartalsvergleich deutlich zurück: Die Bauinvestitionen, die schon in den beiden Vorquartalen gesunken waren, nahmen um 1,7% ab. Die Investitionen in Ausrüstungen – also vor allem in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge – gingen zum Jahresende mit −3,5% noch deutlicher zurück.

Neuer Höchststand bei Erwerbstätigen

Trotz der nachlassenden Dynamik gab es im vierten Quartal mir rund 46,2 Millionen einen neuen Höchststand bei den Erwerbstätigen mit Arbeitsort in Deutschland. Dass im Schnitt je Erwerbstätigen 0,5% weniger Arbeitsstunden als im Vorjahr geleistet wurden, führen die Statistiker vor allem darauf zurück, dass ein Arbeitstag weniger zur Verfügung stand als vor einem Jahr. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen – also die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen – blieb im gleichen Zeitraum unverändert. Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität – gemessen als preisbereinigtes BIP je Erwerbstätigenstunde – nahm jedoch im Jahresvergleich um 0,4% ab. „Je Erwerbstätigen gerechnet war sie sogar um 0,9% niedriger als vor einem Jahr“, so Destatis. 

Im Gesamtjahr 2023 war das BIP gleichfalls um 0,3% gesunken. Damit hat Destatis die bisherigen Schätzungen – auch für den Schlussabschnitt – bestätigt. Im laufenden Jahr dürfte auch nur ein Mini-Wachstum drin sein: In den Frühjahrsprognosen haben Ökonomen und Institute ihre Voraussagen teils kräftig gekappt. Die Bundesregierung etwa erwartet nur mehr ein Wachstum von 0,2%. „Wir kommen langsamer aus der Krise als erhofft“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bei der Vorstellung der Regierungsprognose.

Staatsdefizit höher als gedacht

Das Staatsdefizit wiederum ist 2023 höher ausgefallen als bislang geschätzt. Laut Destatis überstiegen die Ausgaben von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherung die Einnahmen um 87,4 Mrd. Euro. Im Januar hatte Destatis nur ein Minus von 82,7 Mrd. Euro ermittelt. Das neue Ergebnis entspricht einer Defizitquote von 2,1% (bisher: 2,0%) des BIP. „Das Defizit blieb damit hoch“, hieß es bei Destatis, doch sei der 2023 weiter ausgesetzte Referenzwert des europäischen Stabilitätspakts von 3% eingehalten worden. Wie 2022 war das gesamtstaatliche Defizit vor allem auf das Minus des Bundes (79,0 Mrd. Euro) zurückzuführen.

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.