Monatsbericht

Bundesbank erwartet Stagnation bei steigender Inflation

Die Ökonomen der Bundesbank malen im jüngsten Monatsbericht ein trübes Konjunkturbild: Im dritten Quartal dürfte die deutsche Wirtschaft erneut stagnieren und im Winter dann schrumpfen, während die Inflation im Herbst zweistellig werden dürfte.

Bundesbank erwartet Stagnation bei steigender Inflation

ba Frankfurt

Sinkende Wirtschaftsleistung und zweistellige Inflationsraten: Dieses trübe Bild der deutschen Konjunktur in den kommenden Monaten zeichnen die Ökonomen der Bundesbank in ihrem am Montag veröffentlichten Monats­bericht. Im Sommerquartal dürfte die Wirtschaftsleistung hierzulande „zwar erneut in etwa auf der Stelle treten“, doch habe sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Winterhalbjahr zurückgeht, „deutlich erhöht“ (siehe Grafik). In den drei Monaten bis Juni hatte das BIP zum Vorquartal stagniert und bildete damit das Schlusslicht unter den größten Euro-Volkswirtschaften. Details zum zweiten Quartal veröffentlicht das Statistische Bundesamt an diesem Donnerstag.

Für den eingetrübten Ausblick machen die Bundesbank-Ökonomen die „ungünstigen Entwicklungen am Gasmarkt seit Mitte Juni“ verantwortlich. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar sind die Rohstoff- und Energiepreise rasant gestiegen und haben die schon zuvor hohe Inflation weiter angetrieben. Mit dem Auslaufen der Maßnahmen des „Entlastungspakets“ im September dürfte die Teuerungsrate nochmals spürbar steigen, warnt die Bundesbank. Für zusätzlichen Kostendruck sorge die Anhebung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns. Und auch die Abwertung des Euro dürfte sich im Herbst allmählich in den Preisen bemerkbar machen. Nachdem im Oktober die Gasumlage bei gleichzeitiger Mehrwertsteuersatzsenkung auf Gas von 19 % auf 7 % in Kraft treten soll, erwartet die Bundesbank, dass die Inflationsrate im Herbst insgesamt „eine Größenordnung von 10 % erreichen“ wird.

Im Juli war die Jahresteuerungsrate in EU-harmonisierter Rechnung (HVPI) von zuvor 8,2 % auf 8,5 % geklettert. „Zweistellige Inflationsraten wurden in Deutschland das letzte Mal vor über siebzig Jahren gemessen“, sagte Bundesbankpräsident Joachim Nagel jüngst in einem Interview. Im kommenden Jahr könne die Inflation etwa wegen anhaltender Lieferengpässe und geopolitischer Spannungen höher ausfallen als bislang prognostiziert. Im Schnitt könnten „wir eine Sechs vor dem Komma haben“, sagte Nagel der „Rheinischen Post“. Bislang rechnet die Bundesbank noch mit 4,5 %. Er sprach sich auch für weitere Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) aus: „Bei den hohen Inflationsraten müssen weitere Zinsschritte folgen.” Im Juli hatten die Euro-Hüter der Nullzinspolitik mit der ersten Leitzinserhöhung seit elf Jahren ein Ende gesetzt und weitere Zinsschritte avisiert. Die nächste EZB-Ratssitzung ist kommende Woche.

Lohndruck steigt

Dass die anhaltend hohe Inflation die Kaufkraft der privaten Haushalte schmälert, werde in den anstehenden Lohnverhandlungen voraussichtlich an Bedeutung gewinnen, erklärte die Bundesbank. Zwar würden die nach wie vor hohe Unsicherheit, die Sorge um Arbeitsplätze und der wegen der gestiegenen Importpreise geschmälerte Verteilungsspielraum die Lohnsteigerungen etwas dämpfen. „Dennoch sind, auch aufgrund der zunehmenden Arbeitsmarktknappheiten, höhere Lohnabschlüsse als im zweiten Quartal wahrscheinlich.“

Im Sommer dürften sich nach derzeitiger Einschätzung der Bundesbank belastende und stützende Faktoren weiter die Waage halten. Die hohe Unsicherheit über die Gasversorgung im kommenden Winter und die starken Preissteigerungen dürften die privaten Haushalte und Unternehmen deutlich belasten. Die Stimmung ist gemessen an den jeweiligen vom Ifo-Institut bzw. von der GfK erhobenen Indikatoren zuletzt deutlich zurückgegangen. Industrie und Bau werden weiter von Material- und Fachkräftemangel gebremst. Trotz der Gaskrise solle im kommenden Jahr die Schuldenbremse wieder eingehalten werden. „Dies führt im Übrigen nicht zu einer fiskalischen Vollbremsung, die die Wirtschaftsentwicklung ab­würgt“, heißt es Monatsbericht. Zur Begründung schrieben die Ökonomen, dass das Defizit quasi automatisch sinke, weil nicht mehr benötigte Corona-Stützungsmaßnahmen entfielen. Zudem gebe es erhebliche Defizitspielräume durch Rücklagen und bei Sondervermögen.

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