Kapitalmarktausblick

Die Ignoranz der Märkte im Ukraine-Krieg

Gasspeicher voll, Gefahr gebannt? Damit machen Analysten es sich zu leicht.

Die Ignoranz der Märkte im Ukraine-Krieg

Pessimismus ist der Schatten, den der Optimismus werfen muss, um ernst genommen zu werden“, hat der Schriftsteller Frank Schätzing einmal in einem Interview gesagt. „Alles andere ist Naivität“. Die Aufforderung des selbsterklärten Optimisten Schätzing, Gefahren ernst zu nehmen, bezieht sich auf Naturkatastrophen. Aber sie passt auch zu Einschätzungen diverser Kapitalmarktstrategen, die dieser Tage die Runde machen.

So rasch wie möglich wollen die Kapitalmärkte „ein beispielloses Jahr der Anlagerisiken“ (DZ Bank) hinter sich lassen, das „Annus horribilis“ (LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer) überwinden. Das ist allzu verständlich. Leider gerät in den überwiegend von Optimismus geprägten Einschätzungen für 2023 aus dem Blick, dass der Ukraine-Krieg auf unabsehbare Zeit einen langen Schatten auf Deutschland, Europa und die Welt werfen wird.

Das Eskalationspotenzial führt der tödliche Raketeneinschlag in Polen vor Augen. Während der Nato-Rat in einer Krisensitzung beriet, veröffentlichte Union Investment ihren Kapitalmarktausblick, ohne den Krieg auch nur ein einziges Mal zu erwähnen. Vorstand Frank Engels macht „bei den Schlüsselfaktoren Inflation, Wachstum und Geldpolitik noch hohe Unsicherheit“ aus und stimmt Anleger auf etwas mehr Geduld ein. Vom Ukraine-Krieg kein Wort.

Schlechtes Timing, könnte man meinen – wäre Engels nicht in guter Gesellschaft. Bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) betrachtet man den Ukraine-Krieg allenfalls durch die Linse der Energiekrise. Bei der DZBank verschwindet der Krieg im Rückspiegel: Die Unternehmen hätten sich unerwartet wacker geschlagen. Andere Ökonomen machen sich alle paar Wochen selbst Mut, indem sie auf die Gasspeicher blicken: Die sind inzwischen randvoll, von Rationierung spricht kaum noch jemand. Gefahr gebannt.

Wirklich? Der Zwischenfall in Polen zeigt, wie schnell die Lage eskalieren kann. Zwar beeilten sich die Nato-Staaten klarzustellen, dass es sich um einen Querschläger gehandelt habe und nicht um einen russischen Angriff. Doch es gibt keinerlei Gewähr, dass es nächstes Mal bei einem Schreckmoment bleibt und die Nato nicht doch den Bündnisfall ausrufen muss.

Als rote Linie gilt der Einsatz einer schmutzigen Bombe. Schärfere Sanktionen müssten folgen. Sie könnten bislang verschonte Güter wie Industriemetalle betreffen. Das würde die deutsche Wirtschaft vor noch größere Probleme stellen. Überhaupt ist die fragile Lage der Weltwirtschaft eine direkte Ableitung des Ukraine-Kriegs, was die G20-Staaten in bemerkenswerter Eintracht gerade klargestellt haben.

Umso befremdlicher, dass der Krieg in den Kalkulationen hiesiger Analysten kaum mehr auftaucht. Diese Haltung erinnert an den taumelnden Gasimporteur Uniper, der unmittelbar vor Russlands Angriff seine politischen Risiken als „moderat“ einstufte. Ausnahmen bestätigen die Regel: In einem Negativszenario warnen die Ökonomen der DekaBank vor einer Ausweitung des Kriegs auf weitere Länder und vor „Infrastruktur-Sabotage als Mittel der unkonventionellen Kriegsführung“. Die Explosion an der Nordstream-Pipeline am Grund der Ostsee lässt grüßen. Volkswirte und Analysten müssen solche Risiken berücksichtigen, statt sie zu ignorieren. Alles andere ist, um es mit Frank Schätzing zu sagen, Naivität.

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