Konjunktur

Industrie­produktion steigt nur leicht

Der Wonnemonat Mai hat der deutschen Industrie ein weiteres – wenn auch schmales – Produktionsplus gebracht. Der Materialmangel allerdings bleibt ein großes Problem, so dass die Aussichten wenig rosig sind.

Industrie­produktion steigt nur leicht

ba Frankfurt

Die deutsche Industrie hat zwar im Mai trotz des anhaltenden Materialmangels die Produktion leicht hochgefahren. Angesichts des anhaltenden politischen und konjunkturellen Gegenwinds reicht dies Experten zufolge aber nicht aus, um die Rezessionsgefahr abzuwenden.

Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) haben Indus­trie, Bau und Energieerzeuger zusammen preis-, saison- und kalenderbereinigt 0,2% mehr hergestellt als im Vormonat. Ökonomen hatten hingegen einen Zuwachs von 0,4% erwartet. Allerdings revidierten die Wiesbadener Statistiker das Aprilergebnis kräftig nach oben: Statt des ursprünglichen Plus von 0,7% vermeldeten sie ein doppelt so starkes Wachstum von 1,4%. Im Durchschnitt der Monate April und Mai liegt die Fertigung aber immer noch 1,3% unter dem Durchschnitt des ersten Quartals und im Vergleich zu Mai 2021 wurde der Output um 1,5% gedrosselt.

„Ein Stück weit erholt“

Das verarbeitende Gewerbe habe sich „ein Stück weit von dem externen Schock, den sie durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erhalten hatte“, erholt, kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium. Im März, dem ersten vollen Monat nach Kriegsbeginn am 24. Februar, war die Gesamtfertigung um 4,2% eingebrochen. „Die nach wie vor hohe Unsicherheit durch den Krieg und das Risiko eines weitgehenden Lieferstopps beim russischen Gas wird jedoch viele Industrieunternehmen in den kommenden Monaten vor sehr große Herausforderungen stellen“, mahnt das Ministerium.

Sollte es „im schlimmsten Falle zu einer Gasrationierung kommen, befänden sich Teile der Industrie im Lockdown“, warnte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Bislang habe sich die Produktion im zweiten Quartal „gut über Wasser halten“ können, was Hoffnung für das gesamtwirtschaftliche Wachstum im zweiten Quartal gebe. Dabei verweist Gitzel auf die Dienstleister, die noch vom Nach-Corona-Boom profitieren.

Deutlich pessimistischer äußert sich ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski: „Die Frage ist nicht, ob, sondern wie lange sich die Wirtschaft in der Rezession befinden wird.“ Die makroökonomischen Daten dieser Woche hätten das Risiko erhöht, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal bereits in den Bereich der Rezession gefallen sei. „Die Auftragsbücher sind weiter geschrumpft, die Einzelhandelsumsätze blieben schwach, die Handelsbilanz wies zum ersten Mal seit 1991 ein monatliches Defizit auf, und nun bleibt die Industrieproduktion trotz des heutigen leichten Anstiegs zu schwach, um ein Wachstumsmotor zu sein“, resümierte Brzeski. Die drei Säulen des erfolgreichen deutschen Geschäftsmodells – Export, Industrie und Energie – seien zu Deutschlands Achillesferse geworden.

Kleines Plus am Bau

Enttäuscht zeigte sich auch Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen, nachdem der am Dienstag vermeldete reale Umsatzzuwachs von 3,2% „Hoffnungen auf ein deutliches Plus geweckt“ hatte. Dabei drosselten im Mai die Energieerzeuger die Produktion um 5,8%, wohingegen die Fertigung am Bau um 0,4% zulegte. Die Industrie im engeren Sinne erhöhte den Ausstoß um 0,6%. Als positiv vermerken die Ökonomen der Unicredit, dass sowohl die Hersteller in der Automobilbranche als auch im Maschinenbausektor ihre Produktion steigern konnten (+5,9% bzw. +1,4%). Die Zahlen aus dem Autosektor stünden in Einklang mit den Daten des Branchenverbands VDA, „die ebenfalls eine höhere Produktion im Mai (und eine unveränderte Produktion im Juni) anzeigen“, analysiert Solveen. Er schließt daraus, dass sich hier die Versorgung mit Vorprodukten verbessert habe, auch wenn bei der Ifo-Umfrage im Juni 74,1% der Unternehmen weiter von unzureichenden Lieferungen berichteten. Im Mai waren es noch 77,2%. Die größte Not herrscht in den Schlüsselbranchen Elektroindustrie, Maschinenbau und Automobile.

Andere Wirtschaftszweige vermeldeten im Mai erneut Produktionsrückgänge. Dazu gehören die Hersteller pharmazeutischer Erzeugnisse (−4,3%), chemischer Erzeugnisse (−2,7%), von Papier und Pappe (−2,5%) sowie von Nahrungs- und Futtermitteln (−2,2%).

Chemie schlecht gelaunt

Die Chemie, Deutschlands drittgrößter Industriesektor, gehört zu den besonders energieintensiven Branchen und leidet entsprechend heftig unter den auch wegen des Ukraine-Kriegs kräftig gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten. Zumal Gas etwa nicht nur energetisch eingesetzt wird, sondern auch als Rohstoff für viele ihrer Erzeugnisse. Auch der Materialmangel, lange Lieferzeiten und hohe Frachtraten bremsen. Für das laufende Jahr erwartet der Branchenverband VCI daher einen Rückgang der chemisch-pharmazeutischen Produktion um 1,5% und von 4% im reinen Chemiegeschäft. Vorausgesetzt, ausreichend Erdgas steht zur Verfügung.

Die Erwartungen der deutschen Chemiefirmen haben sich aus Sorge vor einem Erdgasmangel im Juni deutlich verschlechtert, wie eine Ifo-Umfrage zeigt. Die Unternehmen erwarteten, ihre Produktion in den nächsten Monaten zurückzufahren, und wollen ihre Preise erhöhen. „Die aktuelle Versorgung der Chemiefirmen mit Vorprodukten hat sich kaum entspannt“, sagte Ifo-Expertin Anna Wolf. 57,5% der Unternehmen meldeten im Juni eine mangelhafte Versorgung mit Vorprodukten, nach 58,7% im Mai. Der Rekord lag im Dezember 2021 bei 73%.

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