Geldpolitik

Ökonomen sorgen sich wegen Kluft bei Zinsprognosen

Fed und EZB haben wegen der zu hohen Inflation mehr Zinserhöhungen und länger höhere Zinsen als vielfach erwartet avisiert. An den Märkten gibt es daran Zweifel. Das sorgt immer mehr Experten.

Ökonomen sorgen sich wegen Kluft bei Zinsprognosen

ms Frankfurt

In der Debatte über unterschiedliche Einschätzungen von Notenbanken und Finanzmarktteilnehmern zur Inflations- und Zinsentwicklung warnen weitere führende Ökonomen, dass die Marktakteure auf dem falschen Fuß erwischt werden könnten – mit möglicherweise weitreichenden Folgen für die Finanzmärkte und auch für die Finanzstabilität. In diese Richtung äußerten sich jetzt sowohl Ricardo Reis, der an der London School of Economics (LSE) lehrt, als auch Ex-EZB-Chefvolkswirt Peter Praet auf Anfrage der Börsen-Zeitung.

Die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) haben Mitte Dezember wegen der weiter zu hohen Inflation mehr Zinserhöhungen als zuvor und länger höhere Zinsen als vielfach erwartet avisiert. Das hatte viele Beobachter überrascht und zeitweise ein kleines Börsenbeben ausgelöst. Inzwischen zweifeln viele Investoren und Marktteilnehmer an den Aussagen der Notenbanken. Eine solche Diskrepanz in den Einschätzungen ist eher ungewöhnlich und birgt Gefahren (vgl. BZ vom 24. Dezember).

„Ich bin überrascht, dass die Märkte niedrigere Zinssätze einpreisen, als sowohl Jerome Powell als auch Christine Lagarde öffentlich als wahrscheinlich bezeichnet haben“, sagt Reis, der international als einer der führenden Experten in Sachen Geldpolitik gilt. „Ich denke, dies ist ein Fall, in dem die Märkte unsicher sind, wie entschlossen der Kampf gegen die Inflation geführt wird.“ Reis’ Prognose: „Ich denke, die Märkte werden sich irren, wie sie es vor drei bis sechs Monaten getan haben, als sie sich auch in dieser Frage geirrt haben.“

Zu den möglichen Folgen in diesem Fall sagt Reis: „Einige Leute, die auf den Zinsswapmärkten Wetten abschließen, werden Geld verlieren, und die Hypotheken werden teurer.“ Und was, falls er falsch liegen sollte? „Dann mache ich mir wirklich Sorgen, dass die Inflation nicht zurückgehen wird, es sei denn, wir haben Glück. Ich weiß nicht, wie die großen Zentralbanken es sich angesichts der Ereignisse des letzten Jahres leisten könnten, diese Wette einzugehen.“

„Die Märkte neigen im Allgemeinen dazu, über das Ziel hinauszuschießen“, sagt Ex-EZB-Chefvolkswirt Praet. Frühe Anzeichen dafür, dass die Inflation ihren Höhepunkt überschritten habe, hätten zu einer gewissen Lockerung der finanziellen Bedingungen geführt, die von den Zentralbanken als verfrüht angesehen wurde. „Der zugrunde liegende Preisdruck ist möglicherweise hartnäckiger als von den Märkten erwartet“, so Praet: „Wenn dies zutrifft, könnte eine scharfe Umkehrung der Markterwartungen zu finanzieller Instabilität führen. Natürlich besteht auch die Gefahr, dass man es übertreibt, aber die Prognosen der Zen­tralbanken für künftige Zinssätze scheinen nicht besonders übertrieben zu sein, insbesondere in den USA.“

Im Euroraum sei die Situation wegen des anhaltenden Stagflationsdrucks diskussionswürdiger. Die EZB habe überrascht „mit einer recht präzisen Prognose für die Leitzinsen in der ersten Hälfte des Jahres 2023, die zwischen 3,5 und 4% liegt“. Dies lasse sich nur schwer damit in Einklang bringen, dass die Entscheidungen von Sitzung zu Sitzung in Abhängigkeit von den Inflationsaussichten getroffen werden sollen. „Das signalisiert im Grunde, dass die EZB die Wirtschaft nicht für so schwach hält, dass das eine Lockerung der Politik rechtfertigen würde“, so Praet.

Einer der Gründe sei die Finanzpolitik, „die bis 2023 zu expansiv bleibt“. Das Risiko eines politischen Fehlers sei hoch, „aber nicht nur bei den Zentralbanken“. Das Spannungsverhältnis zwischen Geld- und Fiskalpolitik werde bis 2024 ein Hauptthema sein. „Im Falle eines politischen Fehlers könnte es zu gefährlichen Schuldzuweisungen zwischen der Zentralbank und den Finanzbehörden kommen, die das öffentliche Vertrauen untergraben könnten.“