Geldpolitik

Scharfe Kritik an Äußerungen von EZB-Ratsmitgliedern

Italiens Notenbankchef Ignazio Visco kritisiert seine EZB-Ratskollegen deutlich für Äußerungen über die konkrete Höhe möglicher Zinsschritte in der Zukunft. Die öffentliche Kritik verdeutlicht den Disput innerhalb der Notenbank.

Scharfe Kritik an Äußerungen von EZB-Ratsmitgliedern

mpi Frankfurt

Am letzten Tag bevor die Schweigephase vor dem anstehenden Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) beginnt, hat Italiens Notenbankchef Ignazio Visco seine EZB-Ratskollegen deutlich kritisiert. Der 73-Jährige stört sich an Äußerungen einiger Notenbanker zu möglichen Zinserhöhungen in der Zukunft. So hatten in den vergangenen Tagen mehrere Ratsmitglieder öffentlich spekuliert, wann womöglich das Zinsplateau erreicht ist. Belgiens Notenbankchef Pierre Wunsch nannte einen Einlagezins bei 4% als möglichen Wert. Von diesem Szenario gehen derzeit auch die Finanzmärkte mehrheitlich aus. Der Gouverneur der Notenbank in Österreich, Robert Holzmann, sieht den Zinsgipfel womöglich erst bei 4,5% erreicht, wenn im ersten Halbjahr die Kerninflation nicht deutlich sinke (vgl. BZ vom 7. März).

Die Unsicherheit über die Entwicklung der Inflation und der Konjunktur sei laut Visco derzeit aber so groß, dass sich der EZB-Rat darauf geeinigt habe, von Sitzung zu Sitzung über Zinserhöhungen zu entscheiden – ohne Forward Guidance. „Aus diesem Grunde schätze ich Kommentare meiner Kollegen zu künftigen und anhaltenden Zinserhöhungen nicht“, sagte Visco am Mittwoch während einer Rede in Rom. Mit Forward Guidance sind öffentliche Äußerungen gemeint, die die Erwartung der Finanzmärkte und der Verbraucher an die künftige Geldpolitik steuern. Die Kritik Viscos verdeutlicht die unterschiedlichen Ansichten, die es derzeit im EZB-Rat gibt. Visco gilt als Taube, also als ein Verfechter einer eher lockeren Geldpolitik. Mit dieser Haltung scheint er derzeit innerhalb der Notenbank in der Minderheit zu sein, wie unter anderem an den öffentlichen Äußerungen seiner Kollegen erkennbar ist. Daher gehen die meisten Beobachter davon aus, dass die Notenbank zeitnah erst einmal keinen Kurswechsel vollziehen wird.