ABB

Die geschmeidige Rosengren-Methode

Ist ABB ein Konglomerat oder ein fokussiertes Unternehmen? Der CEO hat einen cleveren Plan, wie er die Deutungshoheit in dieser Schlüsselfrage erringen will.

Die geschmeidige Rosengren-Methode

Von Daniel Zulauf, Zürich

Björn Rosengren ist ein Meister der Finanzkommunikation. Darum wähl­te ihn der ABB-Verwaltungsrat im August 2019 einstimmig zum neuen CEO. Obschon der 62-jährige Schwede seinen neuen Job just im Februar 2020 bei Anbruch der Pandemie übernahm, ließen die Aktionäre zu keinem Zeitpunkt Zweifel am Erfolg seiner Mission erkennen.

Seit Rosengren in Zürich das ABB-Steuer führt, ist der Kurs der Aktien um mehr als 50% gestiegen. Zählt man noch den gut fünfmonatigen Vorlauf nach Bekanntmachung seiner Berufung hinzu, addieren sich die Kursaufschläge sogar auf über 90%. Für eine ebenso eindrückliche Performance hatte ein schwedisches Business-Magazin den Manager 2019, in seinem letzten Jahr als Sandvik-Chef, zum „Leader of the Year“ gekürt.

Rosengren versteht es offensichtlich, die manchmal sehr zeitgeistigen Präferenzen seiner Aktionäre mit den längerfristig nötigen Anpassungen der Unternehmensstrategie zu vereinen und so einen stimmigen Gesamteindruck zu schaffen.

Hoch im Kurs stehen bei den Investoren derzeit Firmen mit klarem Fokus auf ein wachstumsstarkes Geschäftsfeld. So preist Rosengren jetzt auch den 130 Jahre alten Elek­trotechnikkonzern an.

Dabei hat der Schwede inhaltlich kein grundlegend anderes Programm zu bieten als sein deutscher Vorgänger Ulrich Spiesshofer, der bei seinen Aktionären in Ungnade gefallen war. Heute wie damals beglückwünscht sich die ABB-Führung für die hervorragende Positionierung des Konzerns bei kommerziell vielversprechenden Trends wie der Elektrifizierung des Verkehrs, der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung der Industrie und der Notwendigkeit, die Energieressourcen effizienter einzusetzen.

Kommunikation entscheidet

Spiesshofers Schwäche war die Finanzkommunikation. Er ließ es zu, dass ihm seine Widersacher, allen voran die aktivistische schwedische Großaktionärin Cevian (5%), das lange Festhalten am großen Stromübertragungsgeschäft von ABB als Sturheit auslegen konnten. So gelang es diesen Investoren, in der Person von Rosengren einen geschmeidigeren CEO zu portieren.

Gewiss, das auf riskante Großprojekte ausgelegte Stromübertragungsgeschäft produzierte über mehrere Jahre hinweg immer wieder enttäuschende Ergebnisse, was im Dezember 2018 auch die größte ABB-Aktionärin, die schwedische Wallenberg-Familie (10% ), bewog, in den von Cevian stets vehement geforderten Verkauf der wichtigen Division einzustimmen.

Und tatsächlich haben die ABB-Valoren seit dem auch industriegeschichtlich denkwürdigen Verkaufsentscheid 90% an Wert gewonnen. Doch die Kausalität zwischen dem Fokussierungsschritt und dem Börsenaufschwung ist weit weniger eindeutig, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Schließlich hat sich auch der Preis der Aktien der Käuferin Hitachi seit Dezember 2018 verdoppelt, obschon der japanische Konzern ein Art von Konglomerat darstellt, für die es nach Lesart von Finanzinvestoren wie Cevian eigentlich keinen Platz mehr geben kann.

Derweil preist Rosengren die Vorzüge einer maximal verschlankten und gänzlich dezentralisierten ABB, die mit ihren 21 operativ selbständigen Divisionen direkt von der Kundenfront gesteuert wird und so quasi per Definition auch Mehrwert für die Aktionäre schafft.

Von solchen Botschaften können die Investoren derzeit offensichtlich nicht genug bekommen. Das beweist ausgerechnet der aktuelle Sandvik-Chef Stefan Widing, der die Leitung der Firma Anfang 2020 nach Rosengrens fünfjähriger Fokussierungs- und Dezentralisierungskur übernommen hatte. Widing sagte unlängst in einem Interview, Sandvik sei zu bürokratisch und bei Investitionsentscheidungen zu langsam. Entweder hat Rosengren dem von ihm selbst kuratierten Image als harter Leistungsmanager gar nicht mit letzter Konsequenz nachgelebt, oder Widing redet einfach dem Zeitgeist an den Finanzmärkten das Wort.

So oder so zeigen die Beobachtungen, wie erfolgreiche Manager die in den Finanzmärkten vorherrschende Stimmung in ihre Kommunikation einfließen lassen, um ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen und inhärente Spannungen mit den Investoren zu dämpfen. Während Rosengren sagt, ABB sei jetzt ein fokussiertes Unternehmen mit einer klaren Zweckorientierung, fordert Cevian bereits den nächsten Schritt zur Zerschlagung des Konzerns.

Die Manager und ihre fordernden Investoren spielen hinter den Kulissen ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel. Rosengren hofft seine Aktionäre in den kommenden Monaten mit der angekündigten Teilöffnung der zwar kleinen, aber ultraschnell wachsenden E-Mobility-Division für eine Weile ruhigzustellen. Er weiß, dass es in der Konglomeratsfrage keine absoluten Wahrheiten gibt. Entscheidend ist die Deutungshoheit, und diese kann ein Manager nur über den Börsenerfolg erlangen.