Aufsichtsräte

Krisen­bewältigung und Strategie Hand in Hand

Nach Jahren der Pandemie- und Krisenbewältigung richten Aufsichtsräte ihren Fokus wieder stärker auf strategische Themen. Hohe Dynamik haben ESG-Themen.

Krisen­bewältigung und Strategie Hand in Hand

Nachhaltigkeit ist nicht erst seit gestern ein wichtiges Thema unternehmerischen Handelns. Gleichwohl gelangen die drei Faktoren Environment, Social und Governance mehr denn je ins Zentrum der strategischen Ausrichtung vieler Unternehmen. Dabei geht es längst nicht mehr um bloße Compliance mit rechtlichen Rahmenbedingungen wie etwa den Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung oder den Umgang mit der EU-Taxonomie. Mit einer nachhaltigen Aufstellung der Organisation kann auch eine größere Resilienz gegenüber exogenen Schocks und Entwicklungen einhergehen – von Lieferkettenabhängigkeiten bis hin zu den Auswirkungen des Klimawandels.

Erfolgskriterium

Gerade unser aktuelles Umfeld zeigt, wie wichtig dies ist und wie eng damit letztlich auch nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg verknüpft ist. Der Fokus auf Nachhaltigkeit äußert sich entsprechend auch in den Gremien, und zwar nicht nur beim Vorstand, sondern auch in den Aufsichtsräten.

Genau das belegt auch die diesjährige Aufsichtsratsstudie des Arbeitskreises Deutscher Aufsichtsrat (AdAR e.V.) und von Hengeler Mueller. Nach Jahren der Pandemie- und Krisenbewältigung richten die Aufsichtsräte deutscher Unternehmen ihre Arbeit wieder stärker auf strategische Themenfelder aus. Zwar ist das Geschehen in der Ukraine ebenfalls deutlich präsent, 81% der Befragten räumen den Auswirkungen des russischen Angriffskriegs spürbaren Einfluss auf ihre Aufsichtsratsarbeit ein, als mindestens ebenso relevant wird aber die Aufstellung des Unternehmens für die Zukunft eingestuft. Mit 86% erachten die meisten befragten Aufsichtsräte Digitalisierung bzw. die digitale Transformation als zentral. Eine hohe Dynamik hat aber vor allem das Themenfeld ESG und Nachhaltigkeitstransformation der Unternehmen. Nach 64% im Vorjahr erachten inzwischen 80% der befragen Aufsichtsräte dieses als relevant. Die Aufarbeitung der Folgen der Covid-19-Pandemie ist dagegen etwas in den Hintergrund gerückt, auch wenn sie sich nach wie vor auch in den Lieferketten niederschlägt.

Diese Gleichzeitigkeit von permanenter Krisenbewältigung, Aufbau von Resilienz und Arbeit an der Zukunft des Unternehmens wird Aufsichtsräte künftig deutlich fordern. Das verwundert wenig, schließlich sind künftige Krisenthemen bereits im Tagesgeschäft präsent – sei es die Einstellung auf ein zunehmend rezessives wirtschaftliches Umfeld oder der Umgang mit einer Verknappung der Versorgung mit konventioneller Energie. Unsere Studie zeigt aber auch, dass sich das Gewicht des Themas Nachhaltigkeit zunehmend auch organisatorisch in den Aufsichtsgremien äußert und insofern Forderungen nach besonderer Nachhaltigkeitsexpertise Rechnung trägt, wie sie beispielsweise inzwischen auch der Deutsche Corporate Governance Kodex vorsieht. Eine knappe Mehrheit (51%) der Befragten sieht die Expertise-Anforderung bei ihren Unternehmen bereits erfüllt, bei den börsennotierten Unternehmen sind es sogar 62%.

Dabei wird Nachhaltigkeitsexpertise auf ganz unterschiedliche Weise adressiert. So sehen mehr als drei Viertel der befragten Aufsichtsräte (76%) aktuell Weiterbildungen als Mittel der Wahl. 72% setzen auf Gremienmitglieder mit einem entsprechenden beruflichen Hintergrund, während 63% Berater hinzuziehen würden. Die Berücksichtigung von ESG-Themen über Nachhaltigkeitsbeauftragte oder -ausschüsse ist dagegen derzeit nicht die Norm. Lediglich 12% der Befragten gaben an, eine solche Lösung in ihren Aufsichtsräten gefunden zu haben. Die Abbildung von ESG-Themen über das Plenum ist mit 58% Zustimmung derzeit noch am weitesten verbreitet. Allerdings ist im Markt zugleich eine hohe Dynamik bei der Verankerung der unternehmerischen Schlüsselherausforderung Nachhaltigkeit in den Aufsichtsgremien zu sehen. So setzen inzwischen etwa Allianz, Bayer, Covestro, Deutsche Börse, Deutsche Post, Eon, Qiagen, Munich Re, Puma, SAP, Zalando, RWE, Hellofresh und LEG auf eigens eingerichtete ESG-Ausschüsse bzw. -Verantwortlichkeiten, was zeigt, dass dieses Thema nicht nur für Unternehmen ab einer bestimmten Größe oder nur für bestimmte Branchen relevant ist.

Für die effektive Kontrolle und Beratung der Geschäftsleitung im Unternehmensinteresse ist der Aufbau fachlicher Expertise in den Aufsichtsräten schlicht essenziell. Institutionalisiertes Nachhaltigkeits-Know-how, in welcher Form auch immer, ist ein weiterer Baustein in der Professionalisierung der Aufsichtsratstätigkeit, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben. Die Entwicklung ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Schließlich ist der Aufsichtsrat neben seiner Kontrollfunktion in die wesentlichen Richtungsentscheidungen der Unternehmen eingebunden.

Der Umbruch in den Aufsichtsräten schlägt sich letztlich auch in der Zusammensetzung der Gremien nieder, die vor allem in den größeren Unternehmen aus Dax, MDax und Co. nie zuvor breiter, internationaler und weiblicher gewesen ist als heute, wie zahlreiche Analysen zeigen. Das stimmt zuversichtlich.

Abwarten keine Lösung

Auch dunkle Wolken am volkswirtschaftlichen Horizont und ein drohendes Rezessionsszenario werden an der Bedeutung des strategischen Themas Nachhaltigkeit nichts ändern. Das Bremsen von Ambitionen oder Zurückstellen von Projekten kann keine Antwort sein. Vielmehr ist gerade jetzt der Zeitpunkt, mehr zu investieren. ESG ist kein Luxusanliegen, sondern eine entscheidende Grundlage für die Zukunftsfähigkeit sowie Widerstandsfähigkeit der Unternehmen und damit unserer Volkswirtschaft.

Dr. Daniela Favoccia ist Partnerin bei Hengeler Mueller in Frankfurt am Main, Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex sowie Mitglied des Aufsichtsrats der Sartorius AG.

In dieser Rubrik veröffentlichen wir Kommentare von führenden Vertretern aus der Wirtschafts- und Finanzwelt, aus Politik und Wissenschaft.