Wettbewerb

Toxische Gebinde

Die Ohnmacht der Kartellwächter gegen Big Tech strapaziert die Geduld der Wettbewerber. Es braucht den Druck der Kunden.

Toxische Gebinde

Kein anderes Unternehmen unter den US-Technologieriesen führt die Ohnmacht der Wettbewerbshüter so deutlich vor Augen wie Microsoft. Die Gates Company hat die Behörden schon beschäftigt, als es Google und Meta, ursprünglich Facebook, noch gar nicht gab und Apple ein Schatten des heutigen Konzerns war. Der Anlass war stets derselbe: Missbrauch von Marktmacht aufgrund eines einst durch Innovation entstandenen Monopols. Die bewährte Taktik war meist auch die gleiche: die Bündelung neuer Softwareprodukte mit dem eigenen marktführenden Betriebssystem. Aber auch wenn Microsoft aufgrund der erdrückenden Dominanz von Windows in einer eigenen Liga spielt, steht der Konzern mit der Benutzung solch toxischer Gebinde zur Verdrängung des Wettbewerbs nicht alleine da. Der Bürokommunikationsspezialist Slack, dessen Beschwerde gegen die Bündelung von Teams mit dem global führenden Microsoft-Produkt Office die EU-Kommission erst nach einer langen Bedenkzeit von zwei Jahren ernsthaft nachgeht, befindet sich deshalb auf dünnem Eis. Denn das junge Technologieunternehmen, das zwischenzeitlich für rund 28 Mrd. Dollar bei Salesforce Unterschlupf fand, könnte sich genötigt sehen, zu offenbaren, dass der akquisitionsfreudige Mutterkonzern ebenfalls zur bewährten Bündelstrategie aus bestehenden und neuen bzw. hinzugekauften Produkten greift. Das Gleiche gilt für andere Tech-Giganten, die es mit Geschäftskunden zu tun haben, wie Oracle, Cisco oder auch SAP.

Dahinter steht die Strategie, die Kundenbindung zu erhöhen und den Umsatz je Kunde zu vertiefen. Dies ist nicht zu beanstanden, wenn die Bündel nicht rundheraus so geschnürt sind, dass die enthaltenen Produkte den Wettbewerb abwürgen. Dies ist tendenziell der Fall, wenn die Softwarekonzerne eine transparente Preisgestaltung vermissen lassen oder – so wie Microsoft – die Kosten völlig verschleiern, indem Teams bei Windows 11 einfach integriert wird. Die Kartellwächter tun sich im Kampf gegen Big Tech seit Jahrzehnten schwer. Nicht nur, weil ihnen teilweise die einer hochdynamischen Digitalwirtschaft angemessenen Instrumente und vor allem die nötige Geschwindigkeit abgehen, sondern auch, weil ihnen der Blick für die Wachstums- und Akquisitionsstrategien der Unternehmen in einer noch jungen Plattform-Ökonomie fehlt. So erscheinen die Zukäufe, mit denen sich marktmächtige Technologieriesen im lebendigen Innovationsfundus des Silicon Valley bedienen, um das Portfolio zu stärken, vor allem aber auch um potenziell gefährliche Newcomer auszuschalten, regelmäßig nicht auf dem Radarschirm der Wettbewerbsbehörden. Dies galt nicht nur für den Feldzug der damaligen Facebook, die sich nacheinander die populären Start-ups Whatsapp und Instagram einverleibte, sondern auch für Microsofts Kauf von Linkedin oder auch den Slack-Deal von Salesforce und andere mehr. Allein die teilweise astronomischen milliardenschweren Kaufpreise für junge Firmen mit Umsätzen in bestenfalls dreistelliger Millionenhöhe dürften normalerweise geeignet sein, Aufmerksamkeit zu erregen. Aber der M&A-Kriterienkatalog der Aufseher verharrt weitestgehend in vordigitalen Zeiten, in denen es bei Genehmigungsverfahren primär um Um­satz- und Gewinnvergleiche sowie Marktanteilsbetrachtungen geht.

Damit wird man der schnelllebigen Digitalwirtschaft kaum gerecht werden können und noch weniger die weitreichenden Folgen einer sprunghaften Skalierung, mit der die Plattformriesen die äußerst üppigen Kaufprämien für Nachwuchsfirmen rechtfertigen, in den Griff bekommen. Zwar gibt es im Wettbewerbsrecht in jüngster Zeit eine Reihe von Reformansätzen, die die Eingriffsmöglichkeiten der Behörden gerade bei Big Tech erweitern, aber von einer Gefechtslage auf Augenhöhe sind die Beteiligten weit entfernt. Unternehmen und Kunden müssen daher wohl noch auf längere Sicht auf die eigenen Kräfte und gegebenenfalls auch auf Gerichte bauen. Dabei ist der Anfang gemacht. So stößt Cisco dem Vernehmen nach inzwischen auf verstärkten Widerstand der Kunden, wenn es darum geht, große Produktbündel zu akzeptieren, mit Softwarekomponenten wie beispielsweise Webex, die mit dem Kernprodukt Netzwerktechnik verknüpft werden. Kleinere Cloud-Unternehmen attackieren die Hyperscaler. Auch die Geschäftskunden von App Store und Play Store wehren sich gegen Bedingungen, die aus ihrer Sicht Knebelcharakter haben. Frontrunner wie Epic Games finden hier Nachahmer. Großer Druck entsteht hier allerdings letztlich nur mit großer Zahl. Bis dahin geht die Geduldsprobe weiter.

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