Konjunktur

Deutscher Arbeitsmarkt trotz Krieg auf Erholungskurs

Die übliche Frühjahrsbelebung auf dem deutschen Arbeitsmarkt scheint im Moment noch stärker zu sein, als die konjunkturschädlichen Folgen des Ukraine-Kriegs. Ein Gasembargo würde die Arbeitslosenzahlen aber hochtreiben, warnt die BA.

Deutscher Arbeitsmarkt trotz Krieg auf Erholungskurs

Trotz der wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges war der deutsche Arbeitsmarkt im April noch weiter im Aufwind. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) ging die Arbeitslosenzahl in diesem Monat um 53.000 auf 2,309 Millionen zurück. Das waren 462.000 weniger als vor einem Jahr, wie die BA am Dienstag weiter mitteilte. Die Arbeitslosenquote sank um 0,1 Punkte auf 5,0%.

Unter Herausrechnung jahreszeitlicher Schwankungen verringerte sich die Erwerbslosenzahl laut BA um 13.000. Von Reuters befragte Experten hatten mit einem Rückgang um 15.000 gerechnet. „Mit der Frühjahrsbelebung und den Lockerungen der Corona-Maßnahmen setzt sich die Erholung am Arbeitsmarkt fort“, erklärte BA-Chef Detlef Scheele. Allerdings werde die Entwicklung durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine gebremst.

Mehr Erwerbstätige in Deutschland

Auch die Zahl der Erwerbstätigen ging weiter nach oben und hat im März trotz der konjunkturellen Unsicherheit wegen des Ukraine-Krieges erstmals wieder das vor der Corona-Pandemie erreichte Niveau übertroffen. Rund 45,2 Millionen Personen mit Wohnort in Deutschland hatten einen Job, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Damit waren saisonbereinigt 0,1% oder 41.000 Personen mehr erwerbstätig als im Februar 2020, dem Monat vor Beginn der Corona-Krise in Deutschland.

Die Nachfrage der Firmen in Deutschland nach Arbeitskräften zuletzt auf einen Rekordwert gestiegen: Der Stellenindex der BA kletterte im April auf 138 Punkte und damit auf den höchsten Stand seit Beginn der Datenreihe 2005. Das Ende der meisten Corona-Beschränkungen und die Frühjahrsbelebung hätten zu einer anziehenden Nachfrage in fast allen Branchen geführt, hieß es.

Dass der Ukraine-Krieg in nächster Zeit allerdings doch seine Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen wird, gilt als sicher. Erste Bremsspuren wären im Datenmaterial zur Kurzarbeit zu sehen. Aber Daten vom April zeigen hier noch keine deutlichen Signale. Bis zum 27. April, berichtet die BA, wurde für 120.000 Personen konjunkturelle Kurzarbeit angezeigt, nach 152.000 im März, 217.000 im Februar und 327.000 im Januar. Damit war die angezeigte Personenzahl im April und März deutlich niedriger als in den Wintermonaten.

Sorgen wegen möglichem Gasembargo

Ein Gasembargo für Lieferungen aus Russland würde nach Einschätzung der BA die Arbeitslosigkeit in Deutschland zudem deutlich nach oben treiben, sagt BA-Chef Detlef Scheele. Da die chemische Industrie davon betroffen wäre, hätte dies weitreichende Folgen auch für andere Branchen: „Das ist anders, als wenn im Gastgewerbe eine Gaststätte schließt”. Wenn etwa ein Chemiekonzern wie BASF nicht produzieren könne, fehlten Grundstoffe für die pharmazeutische Industrie und auch beispielsweise für Farben und Lacke. „Und das kann eine Kettenreaktion auslösen, die man mit Kurzarbeit alleine nicht auffangen kann.” Scheele: „Bei der Frage des Gasembargos würde ich sagen: Ich würde es lieber nicht ausprobieren wollen. Denn wenn es dann da ist, kann man es nicht mehr zurückholen”.

Weniger Bestellungen

Auch bei den deutschen Maschinenbauern schlagen sich die unmittelbaren Kriegsfolgen gepaart mit den bestehenden Lieferkettenproblemen ebenfalls bereits nieder. Im März hatten sie erstmals seit 2021 weiniger Bestellungen als vor Jahresfrist erhalten. „Fehlende Aufträge oder gar Auftragsstornierungen aus Russland und der Ukraine dürften ebenso zu diesem Rückgang geführt haben wie eine allgemein stärkere Kaufzurückhaltung verunsicherter Investoren”, erklärte der Chefvolkswirt des Branchenverbandes VDMA, Ralph Wiechers, am Dienstag. Hinzu kämen Lieferkettenprobleme, die wieder zunähmen, und der hohe Vergleichswert im März 2021.

Im März sanken die Bestellungen um 4%; dabei nahmen die Inlandsbestellungen um 3% und die Auslandsaufträge um 5% ab. Derweil lagen die Auftragseingänge im ersten Quartal noch mit 7% im Plus. Die Order aus dem Inland legten in diesem Zeitraum um 9% zu, die aus dem Ausland um 6%.

Die als Rückgrat der deutschen Wirtschaft geltende Branche hatte Mitte März wegen des Krieges in der Ukraine und der Lieferkettenprobleme ihre Produktions-Prognose für 2022 zurückgeschraubt. Statt eines ursprünglich erwarteten Zuwachses von real 7% wird nur noch mit einem Plus von 4% gerechnet. Die Prognose steht aber unter dem Vorbehalt, dass der Ukraine-Krieg nicht lange dauern und es keinen Energieschock geben wird.

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